Stevens‘ Körper spricht. Der HSV-Fan schweigt.

Mit den „Fünf Fragen an den Spieltag“ lassen wir ein Format wieder aufleben, das uns einst Ruhm und Reichtum einbrachte. Ausgerechnet einen Tag nach dem Hoeneß-Urteil erwarten vielleicht viele Leser, dass sich eine Glosse gerade mit diesem Thema beschäftigt. Nach dem Studium meiner Twitter-Timeline war ich mir aber sicher: Das Feld von Hohn und Spott über Uli Hoeneß ist bereits gut (und vollständig) bestellt. Spätestens nachdem Barbara Schöneberger beim ESC-Vorentscheid auch noch einen Kalauer abgesetzt hatte, wusste ich, da ist nichts mehr zu holen. Enttäuschen muss ich auch die HSV-Basher. Ein Witz über den HSV ist einfach zu billig.

Es geht in unserer Spieltagsvorschau darum, die spannendsten Partien des aktuellen Spieltages auf unsere Art und Weise vorzustellen. Dabei schrecken wir vor Ironie, Sarkasmus und billigen Wortwitzen nicht zurück. Im besten Fall können wir unser Image neu definieren. Seriöser als der kicker, flauschiger als 11Freunde, flacher als spox und bei Weitem boulevardesker als Bild. Die Bundesliga-Vorschau bei Gegen den Ball!

1) Beherrscht Huub Stevens die Sprache des Körpers?

Die-Null-Muss-Stehen-Stevens geschieht den geizigen Schwaben recht. Ob die Null stehen wird, werden wir nach dem Spiel gegen Werder Bremen wissen. Verändern wird sich auf jeden Fall die Körpersprache an der Seitenlinie. Der knurrige Niederländer Stevens bellt gerne lautstark ins Spielfeld und frisst seine Spieler bei Fehlverhalten scheinbar mit weit aufgerissenen Augen auf. Genau danach lechzten die Stuttgarter, nachdem sie das tapfere Finger-auf-den-Mund-Grübel-Schneiderlein aus dem Schwabenländle jagten. Welche Relevanz Körpersprache eines Trainers auf die Einstellung und Leistung der Spieler hat, darüber haben wir noch keine Statistik gefunden. Nach dem Studium einiger Spiele von Dynamo Kiev (Valeriy Lobanovskyi) und der spanischen Nationalmannschaft (Vicente del Bosque) haben wir uns entschlossen, auch gar nicht erst danach zu suchen.

Aber zurück zur Frage nach der stehenden Null, dem stevenschen Markenzeichen! Exkurs: Nachdem Huub Stevens die Null sogar als sein Symbol auserkor und seine Visitenkarte damit prägte, kam es zu einigen Missverständnissen im Erstkontakt mit zahlreichen europäischen Club-Patriarchen. Stevens musste versichern, keine Null zu sein, auch nichts mit 007 und schon gar nichts mit 00-Schneider zu tun zu haben. Huub entfernte die – mathematisch gesprochen – Kardinalität der leeren Menge von seiner Visitenkarte und findet seither immer wieder Trainerposten. Exkurs Ende.

Aber wie passt einer wie Stevens nach Stuttgart? Ein Spiel mit Beteiligung des VfB, bei dem am Ende auf einer der beiden Seiten die Null stand, finden wir letztmalig Ende November im Spielplan. Da verlor der VfB 0:3 auf Schalke. Eine solche Null ist aber sicherlich nicht gemeint. Die Null auf Seiten der Stuttgarter Defensive konnte zuletzt am 29. September 2013 einen Teil der 22.760 Fans in Braunschweig erfreuen (4:0). Da Thomas Schneider diese Leistung im Rückspiel gegen Eintracht Braunschweig vor 60.499 Zuschauern in Bad Cannstatt nicht wiederholen konnte, musste er gehen. Zugegeben, das ist etwas verkürzt dargestellt.

Schneider gelangen in 23 Pflichtspielen mit dem VfB nur zwei Zu-Null-Spiele. Mit 0,91 Punkten pro Spiel im Durchschnitt liegt auch nur wenig statistisches Material vor, das wir für Schneider ins Feld führen könnten. In der ungleich längeren Trainer-Vita von Huub Stevens, findet sich dagegen keine einzige Null. In Sachen Punkteschnitt konnte der Niederländer bei seinen bisherigen Stationen (Quelle Transfermarkt) immer besser als 1 abschneiden. Die besten Leistungen zeigte er beim 1. FC Köln (1,94 PPS), mit denen er aufstieg und beim Hamburger SV (1,85 PPS), die er in den UEFA-Pokal führte. Bei Hertha BSC (1,48 PPS) konnte er 2002/03 nicht überzeugen.

Die Schwaben haben also viel Erfahrung auf dem Trainerposten eingekauft, und das Potenzial des Kaders lässt die Lage auch nicht aussichtslos erscheinen. Ob man letztlich mit dem knurrigen und spröden Stevens glücklich wird, bleibt fraglich. Wenn man Nebensächlichkeiten wie die Körpersprache als Maßstab nimmt, dann sicherlich nicht. Eins ist klar: Huub Stevens setzt auf Disziplin. Handys in der Kabine, das wird es nicht mehr geben. Keiner widerspricht Huub Stevens – mit Ausnahme vielleicht nur von Huub Stevens selbst. „Ich werde gucken, wie die Spieler reagieren. Alt oder Jung, Schwarz oder Weiß – das ist nicht wichtig. Ich habe lieber einen 18-jährigen Spieler, der Leistung bringt, als einen 35-jährigen Spieler. Bei dem 18-Jährigen weiß ich, dass er noch Zukunft hat.“ Aha!

2) Was macht eigentlich Thomas Schaaf?

Meister-Macher Thomas Schaaf wurde schon lange nicht mehr durchs Dorf gejagt. Nun wird er als Nachfolger von Armin Veh bei Eintracht Frankfurt gehandelt. Der tatsächliche Grund, warum ich Thomas Schaaf als Einstieg für die Vorschau auf das Spiel Hoffenheim gegen Mainz gewählt habe, ist aber ein anderer. Am vergangenen Wochenende wurde ich zwei Mal mit der Raute konfrontiert. Ex-Schaaf-Schützling Victor Skripnik lässt dieses System bei Werder II spielen und hatte wenig Probleme, Victoria Hamburg vor eigenem Publikum mit 4:1 zu schlagen. Wer weder weiß, wo Werder II spielt, noch Victoria kennt, dem sei gesagt, auch Markus Gisdol setzt bei Zeiten auf die Raute.

Auf Schalke ging das 4-4-2 mit Raute aber nicht auf. Die frühe Führung der Knappen spielte der TSG alles andere als in die Karten. Warum überhaupt Hoffenheim als Thema? Kann man dann nicht gleich über Plastische Chirurgie oder gescripteten TV-Schund wie den Bachelor schreiben? Nein! Hoffenheim mag zwar ein künstliches Konstrukt eines gelangweilten Kraichgau-Millionärs sein. Lebt man aber in der Gegenwart, im Moment, so kann einem egal sein, was passiert, wenn dieser einmal nicht mehr ist. Das Kartenhaus fällt vermutlich zusammen und no one gives a shit about Hoffenheim. So lange aber ist die Arbeit von Markus Gisdol mindestens so explosiv wie die von TNT: Taktik-Nerd Tuchel.

Hoffenheim setzt im Durchschnitt mehr Torschüsse ab als Schalke 04, Gladbach, Hertha oder Mainz. Vor eigenem Publikum sind die Hoffenheimer sogar das fünfbeste Team in Sachen Schüsse auf das Tor. 1899 spielt durchaus riskant und tackelt früh (die zweitmeisten Tacklings der Liga im Durchschnitt). Das geht nicht immer gut. Mit 52 kassierten Treffern ist Hoffenheim das zweitschlechteste Team nach Gegentoren. Mit 52 geschossenen Toren ist Hoffenheim aber auch das drittbeste Team nach erzielten Toren. Es drängt sich der Eindruck auf, wenn Hoffenheim spielt, dann ist immer was los. Was bleibt dem Retortenbaby der Liga auch anderes übrig? Auf Dauer kann man sich die Fans nicht kaufen, die müssen die Identität lieben, und die heißt derzeit Spektakel.

Genau dieses ist auch am Samstag um 15.30 Uhr gegen Mainz geplant. „Wir möchten sie durcheinanderwirbeln und sie so bespielen, dass sie keine Antworten finden“, so Gisdol vor dem Spiel. Allerdings kann sich Taktik-Fuchs Gisdol nicht auf Mainz vorbereiten wie auf Gladbach, die ihre Aufstellung in Stein meißeln. Mainz ist ähnlich wie Hoffenheim ein System-Chamäleon. „Das macht die taktische Vorbereitung schwer. Gerade in so einer Begegnung müssen wir uns also noch mehr als ohnehin üblich auf unseren Auftritt fokussieren“, so Gisdol. Wer den Taktik-Battle gewinnt? Keine Ahnung. Nur so viel: Thomas Tuchel feierte als Bundesliga-Trainer gegen keinen Verein mehr Siege als gegen Hoffenheim (fünf).

3) Sie sind jung und brauchen das Geld – aber wofür?

Die Werkself und der Putin-Club der Liga haben eines gemeinsam. Sie gehören zur Spitze der Bundesliga und sind dennoch in der Champions League nicht wirklich konkurrenzfähig. Was vom deutschen Fußball nach dem Achtelfinale übrig bleibt, spielt weder unter dem Bayer-Kreuz noch trägt es Zarenblau. Nach dem 0:5 gegen Manchester United – ja jenes Man Utd, das gerade die schlechteste Saison seit 1989 spielt – und dem 0:4 gegen Paris St. Germain bauen die Pillendreher schon wieder an einer neuen Einschläferungs-Truppe. 22 Millionen Euro wurden in der CL eingenommen und sollen die erneute Teilnahme an der Zaster-Liga bringen.

Früher wollten die Vereine Titel gewinnen. Heute ist das Ziel die Teilnahme an der Champions League. Die Spitze der Bundesliga ist enteilt und man hat den Eindruck, die da oben können sich nur durch die eigene Dekadenz zu Fall bringen. Wie gerade gestern sträflich demonstriert. Unter diesen Umständen bastelt man in Leverkusen und Gelsenkirchen weiter an den Teilnahme-Teams. Bayer holte einst Ze Roberto, Michael Ballack, Emerson und Lucio. In der nächsten Saison soll Aaron Hunt auf dem Wunschzettel stehen, ebenso wie Wendell von Gremio Porto Alegre. Der 20-jährige Brasilianer soll für 5,5 Millionen Euro kommen, bei Transfermarkt ist er übrigens für 150.000 Euro veranschlagt. Dazu kommt Braunschweig-Brasilianer Karim Bellarabi zurück und ersetzt Sidney Sam, der zu Schalke wechselt.

Damit wären wir bei dem Team, das Pierre de Coubertin eigentlich eine lebenslange Vereinsmitgliedschaft schenken sollte. Der Gründer des Internationalen Olympischen Komitees prägte den Satz „Dabei sein ist alles“, der eigentlich im krassen Gegensatz zum Olympischen Motto „Citius, altius, fortius“ (lateinisch, zu deutsch: „Schneller, Höher, Stärker“) steht. Mit André Hahn könnte es auf Schalke bald an der rechten Außenbahn noch schneller zugehen. Es könnte also in der nächsten Spielzeit Sidney Sam und André Hahn statt Julian Draxler und Jefferson Farfan heißen. Das klingt für mich danach, als wollten Draxler und Farfan nur schnell weg, höher spielen und zu stärkeren Clubs wechseln.

Schalke taumelt mit schwindelerregend teurem Kader konzeptlos durch die Höhen und Tiefen einer Achterbahnsaison. Es ist genug Qualität vorhanden, um das Gros der Liga auf Abstand zu halten, aber zu wenig Konzept, um wirklich etwas zu erreichen. Da kommt Augsburg doch gerade richtig, um den Schalkern mal zu zeigen, wie das mit dem strategischen Planen so geht. Wir erwarten nicht unbedingt die nächste Blamage der Schalker, freuen uns dagegen aber auf das lustige Schlachtfest in München zwischen Bayern und Bayer. Auf dass die beiden Champions League-Achtelfinalisten ihr Ziel auch in diesem Jahr noch erreichen. Platz zwei bis vier und damit Georg Friedrich Händels Krönungshymne am ersten Champions League-Spieltag der neuen Saison.

4) Wann spielt Gladbach-Unplugged endlich wieder Stromgitarre?

In Mönchengladbach muss man derzeit kleinere Brötchen backen. Den letzten Sieg feierten die Fohlen Anfang Dezember gegen Schalke 04. Augsburg und Mainz sind vorbei gezogen, und die Hertha ist punktgleich. Auch in Sachen Spielertransfers wird alles eine Nummer kleiner. Der nur 1,83 Meter große Yann Sommer kommt im Sommer für den scheidenden Marc-André ter Stegen. Wie groß ist eigentlich ter Stegen? Wer im Netz nach Größenangaben sucht, der findet von 1,85 Meter bis 1,90 Meter die verschiedensten Informationen. Er selbst sagte dazu in einem Interview, er sei 1,89 Meter.

Niemand zweifelt an der guten Arbeit von Lucien Favre. Am Ende scheinen die Gladbacher aber wieder nur das Farm-Team für die Liga-Großen zu sein. Im Transfergerangel um André Hahn ziehen sie vermutlich gegen Schalke den Kürzeren. Ter Stegen ist schon weg, doch Max Eberl hat einen neuen Euphemismus aufgetan. Gladbach ist kein Ausbildungsclub, sondern ein „Entwicklungsclub“. Da geht wohl jemand zu oft in die Dunkelkammer oder „nach Münzmallorca“, wie meine Nachbarin sagen würde. Ob Max Eberl die Conchita Wurst (unbedingt googeln!) der Bundesliga ist, oder am Ende am besten lacht, beantwortet uns vielleicht schon der Knaller des Samstag-Nachmittags.

Borussia gegen Borussia um 15.30 Uhr. Lucien Favre konnte zwar noch nie im Signal-Iduna-Park gewinnen (zwei Remis mit Hertha, zwei Niederlagen mit Gladbach), doch im Hinspiel siegten die Gladbacher gegen die Dortmunder Preußen glücklich. Mit entscheiden könnte das Spiel „Out-of-Order-Star“ Max Kruse. In der Hinrunde war der Topscorer an 16 Toren beteiligt, 2014 ist er noch ohne Tor und Torvorlage. Vielleicht hat er sich Silvester die falschen Dinge gewünscht? In einer Kategorie ist Gladbach immer noch Top: Die Fohlen gewinnen durchschnittlich die meisten Dribblings pro Spiel. Wir wünschen uns, dass jemand Eberl beim Umdribbeln offensichtlicher Sachverhalte in die Beine grätscht und Max Kruse auch mal wieder einen Gegenspieler umspielt. Wenn das klappt, werden die Fohlen wieder nach Europa galoppieren.

5) Gibt es in Hamburg eigentlich Werbeagenturen?

Irgendwer hat mir erzählt, gerade in Hamburg ist die Dichte an Werbeagenturen extrem hoch. Entweder sind alle Werber in der Hansestadt St. Pauli-Fans oder der HSV hat das Image, das er in der Stadt genießt, tatsächlich verdient. Egal wo man auftaucht, es wird schlecht über diesen Verein geredet. Egal welchen Fan der Rothosen man trifft, er lässt kein gutes Haar an seinem Club. Vermutlich ist es ein Virus. Das HSV-Virus. Es schwächt das Selbstwertgefühl und lässt dich schlecht über den Charakter dir persönlich unbekannter Fußballprofis sprechen.

An der Waterkant kennt man eben diesen Drang in die Tiefe. Die Lust am Untergang. Nirgendwo wird sich schneller in Abwärtsspiralen gedreht und Katastrophenstimmung verbreitet. Bei allen tatsächlich vorhandenen Problemen rund um die Strukturen im Verein und dem sportlichen Negativlauf des Teams. Der Kader des HSV ist nun wirklich stark genug, den Abstieg zu vermeiden. Die Fans scheinen den Glauben daran schon aufgegeben zu haben. Hallo? Der HSV hat 20 Tore mehr geschossen als Eintracht Braunschweig. Für die meisten Fans sind dennoch alle Spieler „blind.“

Selbst wenn ein Verein nicht gut drauf ist, es gibt auch noch andere Clubs, und die können auch kein Fußball spielen. Laut Statistik gibt es fünf Vereine, die mehr Schüsse auf das eigene Tor zulassen als der HSV. Kommen wir zum Spiel am Sonntag. Der Dino der Liga hat hat gegen keinen anderen aktuellen Bundesligisten eine so gute Bilanz wie gegen den 1. FC Nürnberg. Nürnberg schoss in den letzten sieben Spielen in Hamburg insgesamt nur zwei Tore. Die Zeichen stehen auf Sieg. Wer also hier das übliche HSV-Bashing erwartet hat, den muss ich enttäuschen. Stattdessen schlage ich vor, jeder HSV-Fan sagt eine Woche lang nur Positives über seinen Club, oder er schweigt sieben Tage lang. Ich vermute, es wird ganz still in der Stadt.

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2 comments

  1. mole_n

    Vielen Dank für die Wiederbelebung der beinahe schon legendären 5 Fragen! Nach dem „Tod“ von Sportal wahrlich ein Lichtblick inmitten der öden von seelenlosen Kurznachrichten dominierten Welt des Online-Sportjournalismus.
    Allerdings wäre es schön wenn nun auch die 5 Antworten reaktiviert würden. Vielleicht ließe sich dazu ja auch ein Gastautor gewinnen, ich denk da zum Beispiel an die Herren Asmus und Raecke.
    In jedem Fall freue ich mich über die gehalt- wie humorvollen Beiträge auf dieser Seite und verbleibe mit einem freundlichen WEITER SO!

    • Michel Massing

      Danke! Wir stehen mit den ehemaligen Kollegen in Kontakt und werden sicherlich den ein oder anderen auch für einen Gastbeitrag gewinnen können. Über die fünf Antworten haben wir schon nachgedacht. Vielleicht finden wir in den nächsten Wochen die Zeit dazu.

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