Super Mario schlägt The Big Lewandowski

Der FC Bayern sucht einen Maulwurf, der interne Dinge aus Mannschaftssitzungen an die Springer-Presse verraten haben soll. So gelangte auch ein Zitat von Trainer Pep Guardiola über Mario Mandzukic („Ich liebe diesen Spieler.“) an die Öffentlichkeit. Wenn die Bayern aber trotz ausgeplauderter Taktik beim großen Rivalen mit 3:0 gewinnen, dürfte die vermeintliche Affäre zum Sturm im Wasserglas werden.

Ein offenes Geheimnis ist der bevorstehende Wechsel von Robert Lewandowski nach München, Anfang Januar darf die Geheimniskrämerei endlich beendet werden. Reine Spekulation ist wiederum das Gerücht, dass Guardiola Lewandowski gar nicht in seinem Kader haben will – an bereits ausgehandelten Verträgen wird Gentleman Guardiola nicht rütteln. Aus sportlichen Gesichtspunkten ist es trotzdem ein interessantes Thema: Passt Lewandowski in Guardiolas System? Was passiert mit Mandzukic? Und wer ist im Vergleich eigentlich der bessere Stürmer? Ich habe in der Statistikanalyse Antworten gefunden:

Nebendarsteller in einem großen Spiel

Der eine hätte dem Topspiel auf extrem hohen Niveau schon nach drei Minuten eine andere Wendung geben können und war zudem der gewohnte Fixpunkt in der Dortmunder Offensive. Der andere vergab vor der Pause die einzigen beiden Torchancen der Bayern und fiel ansonsten durch eine Rangelei mit Kevin Großkreutz auf. Die Protagonisten beim letztlich zu deutlichen Sieg der Bayern in Dortmund hatten andere Namen.

Im direkten Duell sammelte Lewandowski etwas mehr Pluspunkte, schon allein, weil die Bayern erst richtig zu ihrem Spiel fanden, als Mandzukic ausgewechselt auf der Bank saß. Nicht sehr fair wäre die Schlussfolgerung, die Bayern wären ins Rollen gekommen, weil Mandzukic nicht mehr dabei war. Denn der Kroate machte ebenfalls ein gutes Spiel, seine Aufgaben im defensiven Umschaltspiel erledigte Mandzukic wie gewohnt mit großer Disziplin. Die laufintensive Arbeit der BVB-Spieler gegen den Ball zwang die Bayern zu vielen langen Bällen, die Mandzukic wegen der Ungenauigkeit der Pässe aber nur selten festmachen konnte. Der Stürmer war somit viel mehr Opfer denn Verursacher der ungenutzten Bayern-Dominanz der ersten Halbzeit.

Sein Gegenüber Lewandowski verbuchte nach der frühen Großchance keinen weiteren Torschuss, er zeigte in der 61. Minute aber alle Qualitäten, die ihn zu einem der besten Stürmer der Welt machen: Mit zwei Gegenspielern im Rücken holte Lewandowski einen hohen Pass herunter, drehte sich in Richtung Tor und spielte einen Traumpass auf Marco Reus, der letztlich von Jerome Boateng gestoppt wurde. Solche Szenen lassen den Schluss zu, Lewandowski würde jeder Mannschaft der Welt gut zu Gesicht stehen – auch dem FC Bayern. Seine Spielweise wirkt im Vergleich zu Mandzukic spektakulärer, technisch anspruchsvoller, kombinationssicherer. Ich widme mich aber mal den harten Fakten:

Mandzukic muss sich nicht verstecken

Auf den ersten Blick sprechen die statistischen Werte für Lewandowski. Der Pole erzielte in der Addition der letzten und dieser Saison in Bundesliga und Champions League mehr Tore (46:28), bereitete mehr Treffer vor (11:3), schoss deutlich häufiger aufs Tor (177:111), bereitete mehr Torschüsse seiner Mitspieler vor (80:52), spielte mehr tödliche Pässe in die Schnittstellen der Abwehrreihen (28:9) und entschied unverkennbar mehr Dribblings für sich (101:25).

Allerdings spielte Lewandowski in Dortmund auch wesentlich häufiger als Mandzukic, der sowohl unter Jupp Heynckes als auch unter Guardiola sowohl mit Bankplätzen als auch mit frühen Auswechslungen leben musste. Während Lewandowski beim BVB im Schnitt fast 86 Minuten auf dem Platz stand, kommt Mandzukic nur auf einen Wert von knapp 68 Minuten. Und schon verlieren Lewandowskis Werte an Wucht:

Robert Lewandowski spielt häufiger, deshalb klingen seine Quoten zunächst besser. Auf Minuten runtergebrochen, ist Mario Mandzukic aber ähnlich stark.
Robert Lewandowski spielt häufiger, deshalb klingen seine Quoten zunächst besser. Auf Minuten runtergebrochen, ist Mario Mandzukic aber ähnlich stark. (Quellen: bundesliga.de, whoscored.com und opta)

Deutlich besser ist Lewandowski immer noch bei Torvorlagen und Schnittstellenpässen, was seine spielerischen Vorteile gegenüber Mandzukic unterstreicht. Ob eine Torschussvorlage tatsächlich verwertet wird, liegt aber nicht nur in der Hand der beiden Angreifer. In der härtesten Stürmer-Währung, den Toren, liegen Lewandowski und Mandzukic dagegen nah beieinander, der Dortmunder trifft im Durchschnitt in etwa 14 Minuten früher – dafür aber auch eindimensionaler. Der BVB-Angreifer erzielte 32 seiner Tore mit rechts, zehn mit dem schwächeren linken Fuß und nur vier mit dem Kopf. Bei Mandzukic ist es etwas ausgeglichener, der Kroate traf elf Mal mit rechts, fünf Mal mit links und erzielte zwölf Kopfballtore.

Bemerkenswert ist dabei, dass Mandzukic unter Guardiola in Sachen Effizienz vor dem Tor wieder einen Schritt nach vorne gemacht hat. Unter Heynckes hatte er in der Bundesliga nach 13 Spielen zwar ein Tor mehr auf dem Konto (9), aber Guardiola lässt den Kroaten auch seltener spielen und in der Champions League hat Mandzukic seine Torbilanz der letzten Saison (3) mit den beiden Toren gegen Moskau und Pilsen fast schon erreicht. Trotz seiner Vorliebe für kleine und wendige Spieler weiß Guardiola, was er an Mandzukic hat: „Mario Mandzukic ist im Sechzehner der beste Spieler der Welt“, sagte der Spanier vor einigen Wochen. „Wenn wir den Ball da hin bekommen, ist er sehr, sehr stark.“

Zur Effizienz gehört auch der Wichtigkeit der Tore. In dieser Saison erzielte Mandzukic in Bundesliga und Champions League vier Führungs- und zwei Ausgleichstreffer, die den Bayern allesamt Siege und damit drei Punkte einbrachten. Lewandowski markierte seinerseits drei entscheidende Führungstore – als Entscheider liegt ebenfalls Mandzukic vorn.

Wenn Mandzukic häufiger spielen würde…

Für spielstarke Mannschaften wie Bayern und Dortmund ist die Wichtigkeit von Stürmern jedoch nicht nur an Torbeteiligungen zu erkennen. In beiden Teams werden die Angreifer ins Kombinationsspiel eingebunden, sie müssen Bälle verarbeiten können und ihrerseits gute Pässe schlagen. Wieder erwartete ich bei Lewandowski die besseren Werte – und wurde überrascht:

Beim Einfluss auf das Spiel ihrer jeweiligen Mannschaften liegen Robert Lewandowski und Mario Mandzukic sehr nah beieinander.
Beim Einfluss auf das Spiel ihrer jeweiligen Mannschaften liegen Robert Lewandowski und Mario Mandzukic sehr nah beieinander. (Quellen: bundesliga.de, whoscored.com)

Nach der Umrechnung der wichtigsten Werte (Ballkontakte, Pässe, Laufleistung) auf 90 Minuten liegen Lewandowski und Mandzukic nahezu gleichauf, Mandzukics Passquote (siehe unten) ist sogar etwas besser als die seines Konkurrenten. Fußballerische Qualität ist nicht messbar und auch wenn ich dabei bleibe, dass Lewandowski der bessere Fußballer ist, so kompensiert Mandzukic seine Defizite in bemerkenswerter Art und Weise.

Pirlos Albtraum

So wie ich bei Lewandowskis Vorarbeit für Marco Reus ins Schwärmen geraten bin, erinnere ich mich als Fußball-Liebhaber mit Glanz in den Augen an Mandzukics Leistungen gegen Juventus Turin in der letzten Champions League-Saison. Der Stürmer lief, grätschte, stellte Passwege zu und nahm so Juves Spielmacher Andrea Pirlo dessen Brillanz. Oder um es mit Daniel van Buyten auszudrücken: „Wenn ich sehe, wie Mario 20 Meter vor uns grätscht, würde ich am liebsten zu ihm laufen und ihm einen Kuss geben.“

Moderne Stürmer müssen auch verteidigen können und sich taktisch schlau verhalten, Mandzukic beherrscht diese Qualität nahezu perfekt. Wenig überraschend dominiert er Lewandowski dann auch in Sachen Zweikampfverhalten, Kopfballspiel und Tackling:

Die defensiven Qualitäten von Mario Mandzukic sind bekannt, hier schlägt er Robert Lewandowski deutlich.
Die defensiven Qualitäten von Mario Mandzukic sind bekannt, hier schlägt er Robert Lewandowski deutlich. (Quellen: bundesliga.de, whoscored.com)

Passt Lewandowski in Guardiolas Taktik?

Der Prozess ist nach eigenen Angaben noch lange nicht abgeschlossen, aber Guardiola hat das Spiel der Bayern mehr als nur in Nuancen verändert – und damit auch besser gemacht. Wenn der Bayern-Trainer auf den klassischen Mittelstürmer baut, nimmt Mandzukic auch eine Schlüsselrolle im Guardiola-System ein. Neben seinen defensiven Qualitäten muss er Räume für die offensiven Mittelfeldspieler schaffen, indem auf die Außen ausweicht oder sich ins Mittelfeld abkippen lässt. In nicht wenigen Spielen der Bayern ist die durchschnittliche Position von Mandzukic deutlich hinter den Flügelstürmern Arjen Robben und Franck Ribéry zu finden.

Wer vor der Saison dachte, Guardiola würde nur den Barcelona-Stil kopieren, sieht sich mittlerweile getäuscht. Anders als noch in seiner katalanischen Heimat will er flexibler auf Entwicklungen im Spiel reagieren können, die taktischen Umstellungen nach der Pause in Dortmund sind das ideale Beispiel für die nochmals gereiften Bayern. Und Mandzukic ist als mannschaftsdienlicher Stürmer, der nicht nur auf den eigenen Torerfolg aus ist, ein wesentlicher Bestandteil dieser Flexibilität.

In Sachen Lewandowski lauten die entscheidenden Fragen daher: Kann und will der Pole sein Spiel umstellen? Gibt er sich mit weniger Spielanteilen zufrieden? Ist er bereit, für den Mannschaftserfolg den für Torjäger typischen Egoismus in den Hintergrund rücken zu lassen? Als ständiger Dortmunder Beobachter habe ich Zweifel, auch wenn der charismatische Guardiola dafür der ideale Trainer zu sein scheint.

Stürmer-Luxus

Die beiden Ausnahme-Stürmer liefern sich in unserem Statistik-Battle ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Es wäre purer Luxus mit Mandzukic und Lewandowski in die kommende Spielzeit zu gehen. Insbesondere mit dem Wissen, wie selten Mandzukic schon in dieser Saison spielt, obwohl Claudio Pizarro aufgrund von Verletzungen keinen Druck ausüben kann. Die Gerüchte über eine Flucht Mandzukics werden spätestens ab Januar neue Blüten tragen. Für Mandzukic spricht, dass er die taktischen Vorgaben Guardiolas bereits kennt. Sollte Guardiola weiterhin zum Spiel mit einer falschen Neun tendieren, dann sind es andere Spieler, die dafür die besseren Voraussetzungen mitbringen als Lewandowski. Im direkten Duell auf dem Papier lässt sich auch kein klarer Vorteil für Lewandowski erkennen, deshalb lautet mein Fazit: Der FC Bayern braucht Robert Lewandowski nicht.

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One comment

  1. muppetgang

    Was man auf Twitter nicht alles findet.
    Interessanter Artikel, schön untermauert.
    Mag sein, dass der FcBayern Lewandowski nicht braucht, aber hieß es das nicht auch bei Martinez?
    Zudem kommt er ablösefrei und kann teuer verkauft werden.
    Vor allem aber denke ich, dass mit ihm deutlich gesprochen worden ist. Ich denke, er weiß auch, dass
    ein Guardiola das bekommt, was er will. Somit wird er sich mMn fügen und sein Spiel verändern. Ansonsten hat er keine Chance.
    Dennoch find ich es für Mario sehr schade, ich mag sein Spiel und hoffe, dass er dennoch zu genügend Spielzeit kommen wird.
    Wie das aber in dieser Offensive möglich sein soll, fraglich. Sind einfach doch sehr viele Offensivkräfte und ob einer der Beiden mit der Reservistenrolle zufrieden ist?
    Ich wäre es nicht.

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