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Die Rudi-Garcia-Show

Am 1. September startete die Heimsaison der Associazione Sportiva Roma und die Kulisse hätte kaum trostloser sein können. Trotz des 2:0-Auftakterfolgs gegen Livorno verirrten sich zum ersten Heimspiel gegen Aufsteiger Hellas Verona nur knapp 25.000 Zuschauer ins riesige Stadio Olimpico – zu frustrierend waren für viele Roma-Fans die Nachrichten der vergangenen Monate:

Der internationale Wettbewerb wurde mal wieder verpasst, nicht zuletzt wegen der deprimierenden Niederlage im Pokalfinale gegen Stadtrivale Lazio. Mit Rudi Garcia wurde ein in Italien kaum beachteter Trainer aus Frankreich verpflichtet, die vermeintlichen Wunschkandidaten waren nicht zu bekommen. Mit Marquinhos (19) und Erik Lamela (21) verließen zwei junge Hoffnungsträger den Club. Und es drohte die letzte Saison des ewigen Römers Francesco Totti zu werden.

Doch eben dieser Garcia erweist sich für die neuen Besitzer der Roma und somit auch für die Fans nach zwei Jahren der Orientierungslosigkeit auf der Trainerbank als solcher Glücksgriff, wie ihn auch Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp erleben durfte. Ob Garcia wie Klopp eine Ära einleiten darf, ist noch nicht zu sagen. Mit famosen acht Siegen und der komfortablen Tabellenführung in Italien stimmt die Richtung aber, zumal Garcia wie Klopp einen ganz eigenen Stil pflegt und in Rom im Vergleich zu seinen Vorgängern sehr viel verändert hat. Das Beispiel Garcia zeigt, welch wichtiges Puzzleteil ein Trainer sein kann.

Garcias Rechnung: Verstärkungen plus Gewinn

Um Garcias Leistung richtig einschätzen zu können, springen wir zwei Jahre zurück. Der verschuldete Club fand mit mit dem US-Amerikaner Thomas DiBenedetto und dessen Konsortium einen neuen Eigner, nach 18 Jahren im Besitz der Familie Sensi und einem massiv gewachsenen Schuldenberg konnte die Roma wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken. DiBenedetto machte Pläne für ein neues Stadion publik und wollte aus der Mannschaft ein zweites Barcelona basteln. Luis Enrique, Coach der zweiten Mannschaft des FC Barcelona, wurde neuer Trainer und Barcas Nachwuchsmann Bojan Krkic sollte als einer von zehn Neuzugängen im Wert von über 90 Millionen Euro das Gen der Blaugrana ebenfalls mitbringen.

Doch schnell wurde in Rom klar, dass eine zu starke Orientierung an Vorbildern keine Garantie für Erfolg beinhaltet, schon gar nicht für schnellen Erfolg. Enrique musste nach Platz sieben gehen, es folgten mit Zdenek Zeman und Aurelio Andreazzoli zwei weitere Trainer. Eine durchwachsene Saison mit Rang sechs und das verlorene Pokalfinale gegen Lazio machten den nächsten Schnitt nötig.

DiBenedetto hatte aus seinen anfänglichen Fehlern gelernt und suchte zusammen mit Sportdirektor Walter Sabatini einen Trainer mit eigener Spielphilosophie, mit der Bereitschaft, bescheidene Finanzmittel zu akzeptieren, guten Kontakten auf dem Transfermarkt und einer positiven und kommunikativen Mannschaftsführung. Die Roma-Fans hofften auf den ehemaligen Napoli-Coach Walter Mazzarri und bekamen Rudi Garcia.

Der als Spieler nur mäßig erfolgreiche Garcia lernte den Trainerberuf von der Pike auf. Er begann als Jugendtrainer, stieg bei St. Etienne vom Konditions- zum Cheftrainer auf, führte Dijon in die 2. französische Liga, erreichte mit Le Mans in der Ligue 1 den Klassenerhalt und führte den OSC Lille in seiner fünfjährigen Amtszeit 2011 zum Double.

Dabei erwirtschaftete Lille in jedem der fünf Jahre ein Transferplus, was auch an der guten Jugendarbeit lag. In Lille wurden heutige Nationalspieler wie Eden Hazard und Kevin Mirallas (beide Belgien) sowie Yohan Cabaye, Adil Rami oder Mathieu Debuchy ausgebildet. Garcia beherrschte dabei den perfekten Mittelweg. Er führte die Talente an die Profimannschaft heran, hatte auch deshalb so großen Erfolg, wusste bei Verlusten aber immer zu reagieren und hielt die Mannschaft konkurrenzfähig.

Dieser Ruf eilte Garcia auch in die ewige Stadt voraus, auf dem Transfermarkt vollbrachten er und Sabatini in diesem Sommer aber ihr Meisterstück. Die Roma gab zwar 66 Millionen Euro aus, nahm gleichzeitig aber auch über 100 Millionen Euro ein und erwirtschaftete so ein satte Transferplus (38 Millionen Euro).

Die skeptische Haltung der Fans der Giallorossi wurde dadurch zunächst nur verstärkt, immerhin gingen Lamela (Tottenham/30 Millionen Euro) und Marquinhos (PSG/31 Millionen Euro), mit Pablo Osvaldo der Top-Torjäger der vergangenen Saison und mit Maarten Stekelenburg auch noch der Stammkeeper.

Garcia holte dafür aber fast nur Volltreffer, so konnte er die leicht auszurechnende Roma-Mannschaft der vergangenen Saison sogar in der Breite verstärken. Morgan de Sanctis (Napoli) war über fünf Millionen Euro günstiger als Stekelenburg, lässt den Niederländer aber völlig in Vergessenheit geraten. Für die defensive Stabilität sorgen Mittelfeldspieler Kevin Strootman (PSV Eindhoven) und Innenverteidiger Mehdi Benatia (Udinese), bisher kassierte die Roma erst einen Gegentreffer. Selbst der Schachzug mit dem bei Man City aussortierten Maicon als Rechtsverteidiger ging auf. Und in der Offensive erhöhen Adem Ljajic (Florenz), Garcias Lieblingsschüler Gervinho (Arsenal) und der fest verpflichtete Mattia Destro Möglichkeiten und Flexibilität. Die Tore zu den acht Auftaktsiegen erzielten insgesamt neun verschiedene Spieler.

Wer Totti und de Rossi hinter sich weiß…

Der Goldene Schachzug für einen erfolgreichen Start in Rom gelang Garcia aber nicht auf dem Transfermarkt sondern mit zwei alteingesessenen Stars. Die gebürtigen Römer Francesco Totti und Daniele de Rossi hatten unter Zeman und Andreazzoli nicht die beste Zeit, auch wenn Totti immerhin noch zwölf Tore erzielen konnte.

Aber der Kapitän wurde häufig auf der linken Seite eingesetzt, wo er wegen fehlender Schnelligkeit seine Stärken nur bedingt einsetzen konnte. De Rossi spielte gar seine schwächste Saison im Roma-Trikot, die Gerüchte über einen möglichen Vereinswechsel füllten wesentlich mehr Schlagzeilen als der sportliche Wert für die Mannschaft.

So war die Ausgangslage im Sommer, Garcia wischte alles beiseite. Den sensiblen Totti nannte der neue Trainer vom ersten Tag an seinen „Capitano“, stellte ihn wieder in die Mitte und machte ihn so zum zentralen Spieler in der Offensive. Totti spielt eine starke Saison (drei Tore/vier Vorlagen) und hat mittlerweile seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Dann wird der ewige Römer 40 Jahre alt sein. Garcia wusste: Nur mit Totti im Rücken kann er die Fans der Giallorossi hinter sich bringen: „Dass er seinen Vertrag verlängert hat, freut mich sehr. Normalerweise werden Spieler erst zu Legenden, wenn sie ihre Karriere beenden, aber Francesco setzt sich bereits zu seiner aktiven Zeit ein Denkmal.“

Bei de Rossi war es ähnlich. Als die Gerüchteküche im Sommer konstant brodelte, sprach Garcia dem Nationalspieler sein volles Vertrauen aus. „In den Zeitungen wurde ich mit allen möglichen Vereinen in Verbindung gebracht“, erzählte de Rossi vor einigen Wochen. „Währenddessen betonte Garcia mir gegenüber, dass ich sein Spieler wäre. Er wollte mich unbedingt behalten.“ Und auch dieses Vertrauen zahlte sich aus, de Rossi gehört bei der Roma wieder zu den absoluten Leistungsträgern.

Doch ein bisschen Barcelona

Ein weiteres Puzzlestück hin zum Erfolg ist die neue Taktik der Römer. Als Enrique kam, träumte Clubboss DiBenedetto von Barcelona. Mit Garcia hat er nun einen Trainer, der nicht davon redet, Vergleiche aber nicht scheuen muss.

Wie in Lille lässt der Franzose im 4-3-3 spielen, wobei die defensive Grundordnung so wichtig ist wie das Spektakel nach vorne. Neuzugang Benatia, ein Marokkaner, der schon sein drei Jahren in der Serie A kickt, spielt wesentlich geradliniger und kompromissloser als der zu PSG abgewanderte Marquinhos. Zusammen mit Leandro Castan macht Benatia das Zentrum dicht. Die beiden Außenverteidiger Maicon und Federico Balzaretti interpretieren ihre Rolle sehr unterschiedlich, während Maicon im Alter mehr Wert auf die Defensive legt, darf Balzaretti marschieren.

Im Mittelfeld hat Garcia mit Kämpfer de Rossi, dem laufstarken Strootman und dem kreativen Miralem Pjanic die richtige Mischung gefunden. Das Trio hat zusammen schon fünf Treffer erzielt, aber gerade de Rossi und Strootman wissen um Garcias defensiven Auftrag und sind bei Ballverlusten schnell hinter dem Ball. Pjanic wiederum ist schon das dritte Jahr bei der Roma, aber erst Garcia schenkte ihm das uneingeschränkte Vertrauen.

Im Angriff darf Totti seinen Instinkten folgen. Häufig lässt sich der Kapitän fallen, um dann seine Nebenleute Gervinho und den dritten gebürtigen Römer, Alessandro Florenzi, in die Schnittstellen zu schicken. Allerdings könnte Totti mit einer Oberschenkelverletzung die kommenden drei Partien verpassen, Marco Borriello wird ihn zumindest in spielerischer Hinsicht nicht gleichwertig ersetzen können. Aber sogar der Spielplan meint es gut mit der Roma, vor der nächsten Länderspielpause warten mit Udinese, Chievo, Torino und Sassuolo nicht die dicksten Brocken. Im Dezember kommt es dann gegen Florenz und Milan zu den nächsten Spitzenspielen, die ohne internationale Einsätze ausgeruht angegangen werden können.

Der Rat der Weisen

Garcia weiß allerdings auch, dass sich seine Mannschaft eine Krise nehmen wird. Gerede vom ersten Scudetto seit 2001 geht der Coach deshalb ganz bewusst aus dem Weg. „Das Ziel ist es wieder europäisch zu spielen“, erzählte er im September auf einer Pressekonferenz, auf die Träume in Rom angesprochen. „Die Ambition ist sich für die Champions League zu qualifizieren. Die Ambition und das Ziel sind zwei verschiedene Dinge: Das Ziel ist es nach Europa zurückzukehren und deshalb ist das Ziel unter die ersten fünf zu kommen.“

Wie in Lille gibt Garcia auch in Rom jedem Spieler das Gefühl, wichtig für den Erfolg zu sein. Ohne Hierarchien will der Trainer dabei aber nicht auskommen, analog zu seiner Zeit in Frankreich hat Garcia mittlerweile den Rat der Weisen (Conseil des Sages) installiert. Dabei beobachtet er in der Vorbereitung das Verhalten der Gruppe, um dann die Leader hervorzuheben und sie zu besonderen Gesprächspartnern für sich und sein Trainerteam zu machen.

In der Bundesliga werden die Mannschaftsräte überwiegend gewählt, Garcia bestimmt seinen Rat der Weisen ganz bewusst. In einem Interview mit worldsocer.com erklärte er die Wichtigkeit dieses Prozesses. Es erlaube ihm, „to take the temperature of the group“.

Eine weitere Neuerung ist die ungestörte Arbeit auf dem Trainingsgelände Trigoria. Taktische Neuerungen einstudieren? In früheren Jahren unmöglich. „Bei jeder Einheit liefen unsere Taktik-Proben live im Internet“, sagte Garcia laut kicker. „Das ist doch der helle Wahnsinn. Ich musste seit der Ankunft hier einige verkrustete Gewohnheiten durchbrechen.“ Bei diesem Trainer ist eben vieles anders.