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Die etwas andere Super Bowl-Rückschau

Die Super Bowl XLVII in New Orleans hatte einen perfekten Spannungsbogen, mit fast der größten Aufholjagd in der Super Bowl-Geschichte durch die San Francisco 49ers, dann aber doch dem Sieg des Außenseiters, der Baltimore Ravens, und ihres Linebackers Ray Lewis, der im Superdome das letzte Spiel seiner 16-jährigen Profikarriere bestritt. So begeisternd das Spiel für Laien und Experten gleichermaßen war, so wenig konnte es die kritischen Themen überdecken, die sich der NFL und dem ganzen Sport momentan stellen. Da ist der Stromausfall, der eines der größten Sportevents der Welt für mehr als eine halbe Stunde unterbrach, noch das geringste Problem. Die Ursache des Debakels ist jedoch noch nicht ermittelt worden, was Raum für Verschwörungstheorien unterschiedlichster Art eröffnet, die der Guardian zusammengefasst hat: http://www.guardian.co.uk/sport/2013/feb/04/power-outage-conspiracy-theories-superbowl-xlvii.

Mit der Frage, ob verzweifelte 49ers-Fans oder asiatische Wettsyndikate die Stromversorgung im Superdome unterbrechen konnten, konnten sich die Fans an den Fernsehern in Ruhe beschäftigen, denn die Kommentarleitungen waren ebenfalls unterbrochen, und während man den Experten des übertragenden Sender CBS zuhören konnte (die Kommentatoren Jim Nantz und Phil Simms hatten ebenfalls keinen Strom für ihre Mikros), liefen keine Werbespots. Zwar gehören diese zum festen Ritual einer jeden Super Bowl-Übertragung und werden von der NFL selbst als Videos zum Nachsehen ehrfürchtig archiviert (http://www.nfl.com/superbowl/47/commercials#video=0ap2000000134678). Aber während das Spiel nicht läuft, möchte auch kein Werbekunde, der vier Millionen Dollar für einen 30 Sekunden-Spot gezahlt hat, seinen Clip versendet wissen. Nicht einmal Volkswagen, das aufgrund eines von manchen Amerikanern als rassistisch empfundenen Spots (http://www.huffingtonpost.com/2013/02/03/volkswagen-super-bowl-commercial-2013-jamaican-accent-racist_n_2612457.html) in die Kritik geraten war und seinen Clip bereits Tage vor dem Spiel als Preview ins Internet lanciert hatte.

Jenseits dieser den Sport als solchen nicht betreffenden Fragen steht die NFL aber unter massivem öffentlichen Druck. Bill Simmons, einer der angesehensten Sportkolumnisten der USA, veröffentlichte zwei Tage vor dem Spiel einen viel beachteten Artikel über PEDs (Performance Enhancing Drugs), der mehr oder minder deutlich unterstellte, die besten Leistungen der Liga seien nur durch Doping vorstellbar: http://www.grantland.com/story/_/id/8904906/daring-ask-ped-question. Simmons, der sich seines gewohnten sehr subjektiven Stils bedient, hat dafür kaum Beweise, außer Berichten darüber, wie Ray Lewis zu den Sportlern zählte, die sich im vergangenen Herbst bei einer obskuren Zwei-Mann-Firma nach sogenanntem „Deer Antler Spray“ erkundigt haben (http://sportsillustrated.cnn.com/nfl/news/20130129/the-strange-lab-that-lured-numerous-athletes/), vergleicht die Leistungskurven der nach Verletzungen stärker zurückgekommenen Ray Lewis und Adrian Peterson (Minnesota Vikings) aber mit der Rekordflut im Baseball in den 1990er Jahren, die im Nachhinein als Ergebnis von Steroidmissbrauch enttarnt worden war, und zieht auch eine Parallele zu Lance Armstrong und seinen nachträglichen Geständnissen. Anders als bei einem Gros der deutschen Berichterstattung in der Post-Jan-Ullrich-Ära kehrt der Autor aber nicht seine Begeisterung um in radikale Skepsis, weil diese gerade opportun erscheint, sondern er attackiert gegen die allgemeine Euphorie Stars des amerikanischen Sportsystems. Das ist zumindest mutig. Und gut zu lesen.

Noch mehr als die Debatte um Hirschgeweihsprays oder andere leistungssteigernde Substanzen beschäftigt die NFL aber ein anderes, noch ernsteres Thema. Junior Seau, langjähriger Linebacker bei den San Diego Chargers, den Miami Dolphins und den New England Patriots, hatte sich 2012 im Alter von 43 Jahren mit einer Schrotflinte das Leben genommen. Drei Wochen vor der aktuellen Super Bowl veröffentlichten seine Hinterbliebenen die Ergebnisse einer Studie der National Institutes of Health, die nach einer Untersuchung von Seaus Hirn Zeichen der chronischen Gehirnkrankheit Chronic traumatic encephalopathy (CTE; http://en.wikipedia.org/wiki/Chronic_traumatic_encephalopathy) festgestellt hatten. Diese degenerative Krankheit wurde bei vielen früheren NFL-Spielern nach ihrem Tod entdeckt. Sie ist offenbar auf wiederholte Gehirnerschütterungen und Kopfverletzungen zurückzuführen und kann Depressionen und Demenz hervorrufen. Zwei Wochen vor der Super Bowl wurde eine weitere Untersuchung veröffentlicht, in der Forscher der Universität UCLA fünf lebende NFL-Spieler geröntgt und Spuren eines Proteins gefunden hatten, das Hirnschäden hervorruft (http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/sports/concussion-watch/new-study-finds-brain-damage-in-living-ex-nfl-players/).

Die Kombination dieser Nachrichten wurde im extremsten Fall schon als Sargnagel für die Zukunft des Profi-Footballs angesehen, wie von Ta-Nehisi Coates in der Zeitschrift The Atlantic: http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2013/01/the-impending-death-of-pro-football/267412/. Die dieser Prognose zugrundeliegende Logik basiert nicht auf der Erwartung, dass gesetzliche Stellen eingreifen würden und den Sport verbieten könnten. Sondern es werde keine Eltern geben, die ihre Kinder einen Sport ausüben ließen, der ein fünfprozentiges Risiko irreversibler Hirnschäden mit sich bringe. Das werde dem High School-Football den Garaus machen, damit dann später auch dem College Football – und die gesamte Basis der NFL wäre dahin.