Schlagworte: Bundesliga

Pro und Contra: Wiederholungsspiel in Hoffenheim

Die Fronten scheinen klar verteilt: Die breite Öffentlichkeit will nach Stefan Kießlings Phantom-Tor ein Wiederholungsspiel, DFB und DFL verweisen mit der FIFA auf die Hüter des heiligen Grals Tatsachenentscheidung – eine Wiederholung scheint somit unwahrscheinlich. Gegen den Ball ist in dieser Frage ebenfalls gespalten. Ein Meinungsaustausch.

Pro: Wir sollten handlungsfähig bleiben!
Michel Massing

Das Spiel Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen sollte wiederholt werden. Maßgeblich ist der Präzedenzfall aus dem Jahr 1994, es wäre nicht nachzuvollziehen, warum der aktuelle Fall anders gehandhabt werden sollte. Ich bin nicht der Meinung, dass man jede ungerechte Schiedsrichterentscheidung in einen Topf werfen und sich somit – alles über einen Kamm scherend – auch in diesem Fall an die Tatsachenentscheidung binden sollte. Wir sollten uns zutrauen, Fehler differenziert zu betrachten.

Wenn Bälle neben das Tor fliegen und das Tornetz wackelt, oder der Ball von hinten hereinrollt oder wie in diesem Beispiel, durch ein Loch im Netz hineingelangt, dann bleibt es dabei, dass der Ball neben das Tor ging! Da gibt es keinen Ermessensspielraum, ob der Ball ein bisschen Tor war, oder ganz hinter der Linie – er hat die Torlinie nie überschritten! Nicht ganz, nicht halb und nicht ein bisschen!

Aber zunächst zum Sachverhalt: Präzedenzfälle, das wissen wir popkulturell gebildeten Menschen auch ohne Jura-Studium, spielen in der US-amerikanischen Rechtsprechung eine maßgebliche Rolle. Nun sind die Sportgerichte keine ordentlichen Gerichte, und ihre „Urteile“ stehen weder unter noch über, sondern neben dem tatsächlichen Gesetz. Wir bewegen uns also in einer Zone der sportlichen Rechtsprechung, die es auch von Seiten des DFB mitzugestalten und auszuformen gilt.

Ich bin der Meinung, das Beispiel des Phantom-Tores von 1994 ist ein Präzedenzfall und sollte zum Maßstab zukünftigen Handelns genommen werden. Ich bin weder Jurist noch Sportjurist, aber wenn ich richtig informiert bin, dann wurde 1994 zum Wiederholungsspiel gebeten, weil man dem Schiedsrichter einen Regelverstoß nachweisen konnte. Damals war es die fehlende Kommunikation mit dem Assistenten, die zum Urteil des DFB führte.

Heute, so hoffen die Hoffenheimer, darf das Tor deshalb nicht gelten, da Schiedsrichter Felix Brych „leichte Zweifel“ hatte und „ein Tor dann nicht anerkannt werden darf“, so TSG-Manager Rosen, „wenn Zweifel bestehen“. Mit Wiederanpfiff ist die Entscheidung gefallen, aber wie die TV-Bilder zeigen, gab es noch vor dem Wiederanpfiff einige Hinweise, die Brych überging. Er verpasste es zu diesem Zeitpunkt seine Kollegen zu kontaktieren – die zugegebenermaßen auch keine Anstalten machte, es besser zu wissen – kontrollierte aber auch nicht das Tor. Meines Erachtens liegt auch hier ein Regelverstoß des Schiedsrichters vor, der den Hinweisen auf das irreguläre Tor hätte noch vor Wiederanpfiff nachgehen müssen. Wenn er dies getan hätte, wäre die Fehlentscheidung zu verhindern gewesen.

Neben dem berühmten Phantom-Tor von Thomas Helmer gibt es auch noch das Tor von Borussia Neunkirchen gegen die Stuttgarter Kickers (1978/79). Beim Siegtreffer der Borussia zum 4:3 ging der Ball zunächst neben das Tor, rollte dann von hinten ins Netz, und das Spiel wurde schließlich wiederholt. DFB-Vizepräsident Koch brachte das Beispiel aus dem Spiel 1860 München gegen den Karlsruher SC (1997) auf. Damals wurde ein Tor von Thomas Häßler fälschlicherweise gegeben, der DFB wollte das Spiel wiederholen, aber die FIFA nicht.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der der DFB kleinmütig auf die FIFA schaut und nicht noch einmal selbstbewusst zu handeln gedenkt. Aus dieser Perspektive scheint eine Wiederholung unwahrscheinlich, weil die Tatsachenentscheidung für die FIFA „heilig“ sei, so heißt es. Bei solch groben Fehlern, bei denen es nicht um einen Ermessensspielraum geht, sollte es aber keine heiligen Kühe geben. Wenn wir uns auf das alte „Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“, zurückziehen, dann ist zum Beispiel Spielmanipulationen Tür und Tor geöffnet. Die Schiedsrichter sind nicht heilig, sie machen Fehler, weil Menschen Fehler machen. Wir sollten uns nicht die Möglichkeit nehmen, bei solch groben Nicht-Toren einzuschreiten.

Contra: Wir sollten eher über den Videobeweis nachdenken
Klaus Katzenbach

Das Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen darf nicht wiederholt werden. Eine solche Entscheidung, die angesichts der bisherigen Politik der FIFA ohnehin nicht allzu wahrscheinlich ist, wäre populistisch und würde einzig dem Zweck dienen, die Empörung über eine klare Ungerechtigkeit bei einem Fußballspiel zu bedienen, während alle anderen Ungerechtigkeiten ungesühnt blieben.

Natürlich ist es absurd, dass ein Spiel durch ein Fehlurteil entschieden wird, das jeder Fernsehzuschauer besser hätte treffen können als das Schiedsrichtergespann, dem man in der konkreten Szene, in der Stefan Kießlings Kopfball durchs Außennetz in den Torinnenraum sprang, gar nicht einmal so viele Vorwürfe machen kann. Ich selbst habe auch erst bei der zweiten Zeitlupe klar gesehen, dass der Ball nicht regulär ins Tor geraten war. Das ist aber nichts anderes als ein weiteres gutes Argument für den Einsatz der bestmöglichen zur Verfügung stehenden Technologie, um die Anzahl klarer Fehlentscheidungen im Fußball zu verringern.

Bis dahin die Tatsachenentscheidung zu verteidigen, heißt nicht, sich der verstockten Position des International Boards anzuschließen, die lange Jahre hindurch den Einsatz von Chip im Ball, Videobeweis oder sogenannter Hawkeye-Technologie blockiert hat. Das nicht gegebene Tor von Frank Lampard im WM-Achtelfinalspiel gegen Deutschland 2010 in Bloemfontein war in dieser Hinsicht ein Weckruf für die Verbände, zumal am gleichen Abend auch noch ein wegen einer klaren Abseitsstellung irreguläres Tor von Carlos Tévez für Argentinien gegen Mexiko gegeben wurde. Dass die FIFA damals nicht an Ort und Stelle willkürlich eine Wiederholung dieser beiden Spiele verfügt hat, war selbstverständlich. Ein Skandal wäre es gewesen, danach einfach untätig zu bleiben. Ein Skandal aber auch, nach dem Grad der internationalen Empörung zu entscheiden, wann eine Tatsachenentscheidung überstimmt werden kann und wann nicht.

Offenkundig wäre es viel, viel besser gewesen, wenn das, was Millionen von Fernsehzuschauern in Südafrika (und einige Tausend an den Sky-Bildschirmen beim Hoffenheim-Spiel) sehen konnten, auch die Basis der Entscheidung der Unparteiischen wäre. Aber das ist der Kern des Problems. Der kommerziell wichtigste Sport der Welt, der seinen Reichtum und seine Popularität zu großen Teilen dem Fernsehen verdankt, tat lange so, als sei die technologische Entwicklung der Übertragungen dem Spiel selbst äußerlich. Es ist ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, wenn der Sport seinen Unparteiischen die Möglichkeit verweigert, zumindest auf der gleichen Ebene über das Spiel entscheiden zu können wie jeder Fernsehzuschauer.

Die Glaubwürdigkeit des Spiels kann optimal nur erhöht werden, wenn eindeutige TV-Bilder zur Entscheidungsfindung herangezogen werden. Der Einsatz von Torlinientechnologie ist ein akzeptabler, aber halbgarer Schritt, weil er das Problem auf die (zugegebenermaßen wichtigste) Frage „Tor oder nicht Tor?“ beschränkt. Thierry Henrys berüchtigtes Tor gegen Irland in den WM-Qualifikationsplayoffs 2009 wäre mit ihr aber nicht zu verhindern gewesen, da sein Handspiel zwar am Bildschirm klar zu sehen war, aber die Frage nicht darin bestand, ob der Ball die Linie überquert habe. In einer anderen Szene war ein französischer Regelverstoß zuvor jedoch mutmaßlich mithilfe von Fernsehbildern geahndet worden. Zinédine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi im WM-Finale 2006 war vom Schiedsrichter Horacio Elizondo und seinen Assistenten nicht gesehen worden. Der vierte Offizielle Luis Medina Cantalejo wies den Referee auf den Vorfall hin. Die FIFA bestreitet bis heute, dass Medina Cantalejo aufgrund von Fernsehbildern gehandelt habe, und wir haben keine Möglichkeit, diese Position zu widerlegen. Muss man aber auch gar nicht, denn es wäre völlig in Ordnung, wenn tatsächlich die Fernsehbilder hier ausschlaggebend gewesen wären: Eine klare Ungerechtigkeit blieb nicht ungesühnt, das war ein positiver Effekt. Völlig unerheblich, ob das Betrachten eines Monitors oder der Blick von außen auf den Rasen verantwortlich war.

Ein Assistent außerhalb des Platzes hätte mittels Videobildern auch am Freitag vor Wiederanpfiff Dr. Felix Brych darauf hinweisen können, dass ein Loch im Netz Kießlings Treffer ermöglicht hatte. Niemand wäre hier zu Schaden gekommen, es wäre einfach ein besserer Verlauf des Abends im Sinne des Fußballs gewesen. Dass die vierten Offiziellen mit dieser Aufgabe besser beschäftigt würden als damit, sich von Jürgen Klopp am Spielfeldrand anschreien zu lassen, kann kaum bestritten werden.

Solange es die dafür notwendigen Regularien aber nicht gibt, kann man auch nicht nachträglich am Grünen Tisch entscheiden, welche klare Fehlentscheidung eine Wiederholung erfordere und welche nicht. Warum soll das Spiel Hoffenheim – Nürnberg dann nicht wiederholt werden, in dem der TSG ein klares Tor von Kevin Volland verwehrt wurde? Am Ende kostete diese Fehlentscheidung zwei Punkte, da Nürnberg später noch zum Ausgleich kam. Warum sollte Frank Lampards Tor von 2010 nicht für eine Wiederholung gut sein? Die Antwort in all diesen Fällen lautet: weil niemand etwas davon hat, wenn nun auf einmal nur dann Ergebnisse Bestand haben, wenn der Schiedsrichter keinen klaren Fehler gemacht hat.

Fehler wird es immer geben. Das Bestreben des Fußballs muss es sein, ihre Folgen in Spielen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verringern, um den Sport so gerecht wie möglich zu machen. Bis die Möglichkeiten dafür gegeben sind, müssen Tatsachenentscheidungen aber akzeptiert werden, da es keinen nachvollziehbaren, gerechten Weg gibt, sie im Nachhinein zu korrigieren. Das sage ich auch vor dem Hintergrund des Wissens, dass es wesentlich leichter ist, so ein Ergebnis am neunten Spieltag in Sinsheim stehen zu lassen als etwa im vielleicht meisterschaftsentscheidenden Spiel Bayern – Dortmund im April.

Neues aus dem Dorf Leverkusen

Ich gebe zu, ich bin Sami Hyypiä gegenüber kritisch eingestellt. Für mich war der geistige Vater der klugen taktischen Ausrichtung im letzten Jahr Sascha Lewandowski. Sami Hyypiä ist nun in die alleinige Hauptverantwortung gerückt, dazu steht ihm ein neuer Taktik-Nerd zur Seite. Der 36-jährige Daniel Niedzkowski wechselte vom DFB zum Werksclub. Niedzkowski war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Trainingswissenschaft an der Trainerakademie des DFB tätig und besitzt seit März die Fußballlehrer-Lizenz. Er soll zusammen mit Co-Trainer Jan-Moritz Lichte dem Chef den Rücken stärken. Neue Assistenten zum einen und ein neuer Hyypiä zum anderen?

Rudi Völler ist sich sicher, dass Hyypiä einen Schritt nach vorne gemacht hat. „Sami hat sich als Trainer toll entwickelt. Er ist viel selbstbewusster geworden und steht vor einer großen Trainerkarriere, deren Anfang gerade in Leverkusen zu beobachten ist“, so hofft Völler laut express.de. Ob der Kader ebenfalls einen Schritt in Richtung Champions League-Tauglichkeit gemacht hat, verrät uns ein Blick auf die Neuzugänge.

Die neuen Gesichter

Emir Spahić

Emir Spahić bestritt in der letzten Saison 22 Ligaspiele für Sevilla. Er erzielte dabei einen Treffer. Mitte Februar wurde er dann an Anzhi Makhachkala ausgeliehen, wo er noch sieben Spiele bis zum Saisonende absolvierte. Der Kapitän der Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas bestritt bisher 65 Länderspiele und sammelte als Spieler Erfahrungen in Kroatien, Spanien, Russland und Frankreich. Rudi Völler lobt den neuen Sami Hyypiä in Bayers Innenverteidigung nachvollziehbar über den grünen Klee.

„Emir Spahic ist spiel- und zweikampfstark. Er ist zudem taktisch hervorragend ausgebildet und ein guter Kopfballspieler. Er wird uns helfen, unsere Ziele in der Bundesliga, dem DFB-Pokal und natürlich auch in der UEFA Champions League zu erreichen.“ Ich habe mir die Daten von opta/whoscored.com mal angesehen und tatsächlich hat Spahic starke Werte. Nimmt man die Noten zur Grundlage (diese werden bei whoscored.com rein statistisch errechnet), dann ist Spahić der sechstbeste Abwehrspieler der Primera Division gewesen.

Er hat einen starken Tackling-Wert (3 Tacklings pro Spiel/ ist damit unter den Top-20 der Liga). Seine Fähigkeiten den Ball abzufangen sind ebenfalls stark (3 Interceptions pro Spiel / damit ist er unter den Top-Ten der spanischen Liga). Auch die Passerfolgsquote ist mit 81,7 Prozent stark, hier liegt er auf einem Level mit Sami Khedira und noch vor seinen teaminternen Konkurrenten aus dem letzten Jahr: Federico Fazio, Fernando Navarro und Coke. Allerdings hinter dem zuletzt eingesetzten Cala, dem mit seinen 23 Jahren die Zukunft gehört.

Da wären wir beim Stichwort. Emir Spahić ist sicherlich kein zukunftsweisender Transfer. Allerdings habe ich in meiner Saisonvorschau für den FC Schalke 04 indirekt darauf hin gewiesen, dass Otto Rehagels Fußballweisheit der guten und schlechten Spieler nicht an Gültigkeit verloren hat, und Spahić ist ein guter Spieler, der den jungen Wollscheid und Toprak, die nicht selten zu Leichtsinn und Patzern neigen, Halt geben wird.

Seine Erfahrung wird Bayer in der Champions League gut tun. Spahićs Stellenwert in der Mannschaft machte sich schon im Test gegen 1860 München bemerkbar, als er kurzfristig Kapitän war. Nach der Auswechselung Simon Rolfes gab Jens Hegeler Spahić die Binde. Eine Anweisung des Trainers? „Nein, ich habe mir einfach gedacht: Emir ist 32, ich erst 25, da geb ich sie lieber ihm“, sagte Hegeler laut rp-online.de nach Spielschluss schmunzelnd.

Giulio Donati

Der 23-jährige Giulio Donati kam 2008 zu Inter Mailand und wurde in der Folgezeit an US Lecce (14 Spiele in der Serie A) und in den zwei darauffolgenden Jahren in die Serie B an Calcio Padova bzw. US Grosseto ausgeliehen. Mit Grosseto, für die er 27 Partien als Rechtsverteidiger absolvierte, stieg er sogar ab. Wie soll ein Spieler von einem Zweitliga-Absteiger dem Champions League-Team von Bayer helfen?

„Unsere Scouts beobachten Giulio Donati bereits seit gut zwei Jahren sehr intensiv. Er besitzt defensiv eine hervorragende Qualität. Wir sind überzeugt, dass er die Position des Rechtsverteidigers gut ausfüllen wird“, erklärt Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Aufgefallen ist Giulio Donati vor allem bei der U21-Europameisterschaft in Israel. Dort kam er in allen fünf Spielen für die Azzurini zum Einsatz.

Er zeigte dort gute Leistungen. Mit einem guten Tackling (3,4 Tackles pro Spiel) und seiner Fähigkeit den Ball abzufangen (2,8 Interceptions pro Spiel), bei gutem Passspiel aus der Deckung heraus (85,8 Prozent Passerfolgsquote). Donati gehörte zu den besten Verteidigern des Turniers und machte auf jeden Fall einen besseren Eindruck als Bremens Neuzugang Luca Caldirola, aber das ist hier nicht das Thema.

Donati muss bei Bayer den starken Dani Carvajal ersetzen. Der Spanier überzeugte in der Bundesliga durch sein bissiges Zweikampfverhalten und war zudem offensiv stets ein Gefahrenherd. Ihm gelangen immerhin sieben Torvorlagen, womit er der viertbeste Verteidiger in dieser Disziplin in der Bundesliga war. Von Giulio Donati darf man das nicht erwarten. Er ist eine defensive Version des Außenverteidigers, somit ist seine Verpflichtung keine Verstärkung auf dieser Position.

Doch Donati wird hohes Entwicklungspotenzial nachgesagt und gute Außenverteidiger wachsen nicht auf Bäumen. Zunächst gilt es also abzuwarten, wie sich Donati in Leverkusen einlebt. In welches Umfeld er geraten ist, hat er jedenfalls schnell erkannt. „Ich habe auch in Italien in einem kleinen Dorf gelebt. Ich bin glücklich hier zu sein“, so der 23-jährige bei bild.de.

Emre Can

„Er ist ein überragendes Talent. Wir haben ihn schon lange beobachtet“, schwärmte Rudi Völler bei der Verpflichtung von Emre Can. Der 19-jährige Allrounder im Mittelfeld erhielt bereits die goldene Fritz-Walter-Medaille des DFB als bester Nachwuchsspieler seiner Altersklasse. In München fand Pep Guardiola keine sofortige Verwendung für Can, und er wurde weggelobt. „Emre Can ist eines der großen Talente des deutschen Fußballs“, erklärte Karl-Heinz Rummenigge. „Wir wollen mit diesem Schritt gewährleisten, dass er ausreichend Spielpraxis erhält, so wie vor ihm zum Beispiel auch schon Toni Kroos in Leverkusen, Philipp Lahm beim VfB Stuttgart oder auch David Alaba in Hoffenheim.“

Dieses Szenario ist der Optimalfall. Allerdings brauchte auch Toni Kroos eine Saison (in der er zehn Spiele absolvierte), um sich bei Bayer durchzusetzen. Emre Can als sofortige Verstärkung zu erachten, halte ich für gefährlich. Can, der bereits als Kapitän der U 17-Nationalmannschaft in Mexiko auf sich aufmerksam machte, stagnierte in seiner Entwicklung zuletzt etwas. Die Kurzeinsätze für die Bayern und auch bei der U 21-Nationalmannschaft ließen eher den Eindruck entstehen, dass er zwar für sein Alter recht weit ist, aber noch Zeit zur Anpassung und Entwicklung braucht.

Die weiteren Neuzugänge: Heung-Min Son (HSV), Roberto Hilbert (Besiktas), Robbie Kruse (Düsseldorf), Andrés Palop (Sevilla), Konstantinos Stafylidis (PAOK Thessaloniki) und Levin Öztunali (HSV-Jugend).

Heung-Min Son, Hilbert und die Talente

Über Heung-Min Son braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Er war mit zwölf Toren und zwei Assists einer der Shooting-Stars der letzten Saison. Seine Schusstechnik ist überragend. Nun konnte er das schwierige Umfeld beim HSV verlassen und bei Bayer seine Entwicklung fortsetzen. Mit Sidney Sam als Pendant auf der rechten Seite ist Bayer auf den Flügeln durchaus gut besetzt. In der Hinterhand haben sie dort noch Gonzalo Castro, Jens Hegeler und Robbie Kruse. Dem Australier gelangen im letzten Jahr immerhin vier Tore und sieben Vorlagen bei 29 Einsätzen für die Fortuna.

Roberto Hilbert ist der Backup für Donati und würde die Außenverteidigerposition sicherlich offensiver interpretieren. Wo der achtmalige deutsche Nationalspieler derzeit leistungsmäßig steht, ist schwer zu beurteilen. Der 28-jährige kam ablösefrei, somit ist seine Verpflichtung kein Risiko. Gespannt darf man auf die Talente Stafylidis und Öztunali sein.

Stafylidis war zuletzt als Teamkapitän der griechischen U-20-Junioren bei der WM in der Türkei tätig. Er konnte dort durchaus Eindruck schinden, und Liverpool soll auf ihn aufmerksam geworden sein und rund 4,5 Millionen Euro geboten haben. Bayer hatte den Deal mit dem 19-jährigen Talent aber schon im letzten Jahr abgeschlossen, ihn noch ein Jahr in Saloniki spielen lassen, so dass die Reds in die Röhre schauten. Zunächst ist aber Sebastian Boenisch als Linksverteidiger gesetzt.

Seeler-Enkel Levin Öztunali konnte in der Vorbereitung punkten. „Er ist weiter, als wir alle dachten“, lobte ihn Rudi Völler: „Er wird von uns nicht gebremst. Wir sind überglücklich, dass wir ihn bekommen konnten. Levin ist ein total anständiger Junge. Der hebt nicht ab.“ Von dem erst 17-jährigen Mittelfeldspieler darf man aber keine Wunderdinge erwarten. In der Beurteilung der Neuzugänge ist er unter zukunftsweisender Transfer abgeheftet, zunächst einmal nicht mehr.

Leverkusen hat mit André Schürrle und Carvajal zwei Leistungsträger verloren. Außerdem gingen mit Michal Kadlec, Hajime Hosogai, Daniel Schwaab und Manuel Friedrich weitere Spieler, die den Kader in der Breite absicherten.

Die Problemstellen des Kaders

Der Verkauf von Schürrle konnte mit Son abgefedert werden, Donati ist jedoch nicht so stark wie Carvajal einzuordnen. Emir Spahić ist eine Verstärkung der anfälligen zentralen Defensive. Im Offensivbereich mangelt es Bayer aber deutlich an Alternativen. Wenn sich Stefan Kießling verletzen sollte, dann muss der 19-jährige Arkadiusz Milik ran, denn Son ist eher ein Spieler, der aus der Tiefe kommt. Bayer ist aber willig, auf dem Transfermarkt noch einmal tätig zu werden.

Zielsetzung des Vereins / GDB-Prognose:

Der Verein – und das Lob spreche ich vorzugsweise Rudi Völler aus – ist durchaus geerdet. Das ausgegebene Ziel ist es, „zwischen Platz drei und sechs zu landen“, so Völler. „Unser Anspruch ist es, international zu spielen. Am liebsten in der Champions League.“ Nicht erneut Platz drei erreichen zu müssen, ist bei der Doppelbelastung Champions League und der Konkurrenz in der Bundesliga wohltuend demütig. Doch davon will Völler nichts wissen. „Dass wir zu bescheiden sind, finde ich nicht. Wir sind realistisch“, so der Sportdirektor laut express.de.

Ich sehe Bayer ebenfalls realistisch und somit auf Platz fünf einlaufen. Die Veränderungen im Trainerteam, die vielen Transfers in der zweiten Reihe, die dünne Kaderdecke im Sturm und die Belastung Champions League lassen hinter einer Wiederholung der großartigen letzten Spielzeit ein Fragezeichen auftauchen.

Lesen Sie morgen: Gegen den Ball tippt die komplette Bundesliga-Tabelle.

Der Fall Viagogo: Zwischen Recht und Moral

„Gut, dass wir auf Schalke keine Demokratie sind.“ Mit diesen Worten soll Schalkes Vorstandsmitglied Peter Peters auf Kritik aus den Reihen seiner Mitglieder wegen der Zusammenarbeit mit Viagogo reagiert haben. Das sagte zumindest Michael Eckl, Mitorganisator der Kampagne „viaNOgo“, in einem Interview mit den Kollegen von 11 Freunde. Wir lassen das einfach mal so stehen.

Allerdings zeigt der Konflikt auf Schalke, aber auch in einigen anderen Bundesliga-Clubs, dass die Beziehungen zwischen den Vereinen und einer nicht zu unterschätzenden Anzahl an Anhängern leiden. Mal wieder. Nach den Diskussionen um das generelle Niveau der Eintrittspreise („Kein Zwanni für nen Steher“), das Sicherheitskonzept der DFL und den Zwist um Pyrotechnik in den Stadien der nächste Fall von Basis-Demokratie. Entstanden in den jeweiligen Clubs, aber mit dem Potenzial für eine übergreifende Bewegung. Gegen den Ball hat sich gefragt, warum das eigentlich so ist und ist auf viele Antworten gestoßen:

Was ist das Geschäftsprinzip von Viagogo?

Das 2006 in London gegründete und mittlerweile in der Schweiz ansässige Unternehmen versteht sich als Ticketbörse, das Käufer und Verkäufer von Sport-, Konzert- und Theater-Karten zusammenbringt und dabei eine Garantie vergibt, dass sowohl der Geldfluss als auch der Versand der Tickets begleitet wird und dadurch die Sicherheit für beide Seiten erhöht wird.

Viagogo fungiert somit als Zwischenhändler für Personen, die einerseits ein Ticket haben, das entsprechende Event aber nicht besuchen können und andererseits auf der Suche nach Karten sind, auf konventionellen Wegen aber keine Möglichkeit mehr bekommen. Der Verkäufer legt ohne eine Limit-Vorgabe den Preis fest, Viagogo kassiert nach der Transaktion dann zehn Prozent des Preises vom Verkäufer und weitere 15 Prozent vom Käufer.

Das Ganze ist eine moderne Version des Schwarzmarktes, auch wenn das Unternehmen lieber von Zweitmarkt oder Zweitvermarktung spricht. Schwarzmärkte gab es schon immer, wer wurde auf dem Weg ins Stadion nicht schon mal von Verkäufern angesprochen? Als regelmäßiger Besucher von Bundesliga-Spielen sollte aber auch bekannt sein, dass die Vereine jahrelang gegen den Weiterverkauf von Tickets vorgegangen waren, Händler auf dem Schwarzmarkt hatten deshalb kein allzu gutes Image. Die Ticket-Hoheit sollte bei den Clubs liegen, solche Geschäfte fanden eher in zugigen S-Bahn-Eingängen statt.

Schon mit Ebay hatte sich der Weiterverkauf von Tickets professionalisiert, zumal der Bundesgerichtshof 2008 in einem vom Hamburger SV angestrengten Prozess entschieden hatte, dass der private Weiterverkauf von Eintrittskarten zulässig ist. Davon zu unterscheiden ist der gewerbliche Weiterverkauf per sogenanntem Schleichbezug, dies hat der BGH klar getrennt.

Dieses Urteil stärkte Unternehmen wie Viagogo, da es dort ja um den Verkauf von privat erworbenen Tickets geht. Sobald bei den Verkäufern jedoch ein gewerblicher Hintergrund zu erkennen ist, sei auch die Rolle Viagogos wettbewerbswidrig – so ein Urteil aus dem Jahre 2010, als Borussia Dortmund gegen die Ticketbörse prozessierte. Auch deshalb ging Viagogo in den letzten Jahren verstärkt in die Offensive und versuchte Bundesliga-Clubs als Partner zu gewinnen. Teilweise erfolgreich, was erstens neue Vertriebswege eröffnete und zweitens eine Image-Aufwertung bedeutete.

Was ist der Unterschied zu anderen Zweitmarkt-Portalen?

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Viagogo als Synonym für professionellen Schwarzmarkt angesehen, was insbesondere an der Größe des Unternehmens und den Partnerschaften mit Vereinen liegt. Gerade in Fragen der Preisstruktur und der Abwicklung der Transaktionen gibt es jedoch kaum Unterschiede zu anderen Anbietern. Viagogo betont die Sicherheit der Deals, bei Seatwave oder Fansale laufen die Geschäfte jedoch ähnlich: Garantierte Original-Tickets mit zuverlässiger Lieferung und beobachtetem Zahlungsverkehr.

Bei welchen Bundesliga-Clubs engagiert sich Viagogo offiziell?

Bei der Ticketbörse kann man Karten für alle 18 Bundesliga-Clubs erwerben, rechtlich ist nach dem BGH-Urteil nicht viel zu machen. Allerdings hat Viagogo mittlerweile Partnerschaften mit acht Vereinen unter Dach und Fach gebracht, die sich inhaltlich in Nuancen unterscheiden. Dazu gehören Hannover, Nürnberg, Wolfsburg, Hoffenheim, Stuttgart, Augsburg, ab der kommenden Saison der FC Schalke und der FC Bayern, der die Zusammenarbeit wie der HSV jedoch gekündigt hat.

Warum geht Viagogo die Kooperationen mit den Clubs ein?

Aus finanzieller Sicht jedenfalls nicht, zumindest nicht in erster Linie. Denn selbst wenn, wie beim FC Augsburg bereits praktiziert oder auf Schalke geplant, die Partnerschaft einen begrenzten Strom von Tickets von den Clubs hin zu Viagogo beinhaltet, so achten die Vereine in diesen Fällen auf eine Deckelung der Preise, mehr als eine Verdopplung ist untersagt.

Vielmehr geht es um das angeschlagene Image des Zwischenhändlers. Einem offiziellen Partner eines Clubs wird die Seriosität des Angebots viel eher abgenommen, unabhängig von der preislichen Entwicklung. Auch die Idee, die offiziellen Dauerkarten-Tauschbörsen zu betreiben, sorgt für eine Salonfähigkeit, die Widerstände gerade bei Besuchern, die selten ins Stadion gehen und in der Ticket-Thematik nicht drinstecken, aufweicht.

Mit diesem Engagement erhöht Viagogo zudem die Marktposition gegenüber der Konkurrenz. Von einem Monopol in der Ticketbranche ist der Markt noch weit entfernt, in diese Richtung will sich der Branchenführer aber bewegen. Deshalb stecken hinter allen Aktionen vor allem finanzielle Argumente. Die Kooperationen mit vier der acht genannten Clubs haben zudem eine gesonderte Betrachtung verdient:

  • Unterschriftenaktion beim FC Schalke

Unter dem Motto „Der Kumpel zockt den Malocher nicht ab!“ hat sich bei den Knappen eine Initiative gegründet, die mit einer Unterschriftenaktion eine außerordentliche Mitgliederversammlung erwirken will, um den Verein zu einem Umdenken zu bewegen. Der Arbeiterclub hat sich ein Leitbild auf die königsblaue Fahne geschrieben, die laut den Initiatoren nicht mit Viagogo vereinbar sei.

  • Der FC Bayern kündigt den Vertrag

Das Geschehen rund um das Champions League-Finale dahoam hat Präsident Uli Hoeneß zum Umdenken bewegt. „Wenn die Karte statt der normalen 60 Euro 80 oder 90 kostet, finde ich das in Ordnung“, sagte Hoeneß im vergangenen Jahr und wurde von langjährigen Begleitern des Clubs auf die tatsächlich aufgerufenen Preise hingewiesen. Ein Alleingang von Viagogo in Bezug auf eine Dauerkarten-App der Bayern bestätigte Hoeneß in seinem Entschluss, nach dieser Saison läuft der Vertrag aus.

  • Kurzes Intermezzo beim Hamburger SV

Zu Beginn der laufenden Saison begann die Zusammenarbeit, mittlerweile ist sie bereits wieder gekündigt. Die Verantwortlichen des HSV betonen, den Vertrag selbst gekündigt zu haben. Viagogo entgegnete dieser Darstellung, selbst die Kündigung erwirkt zu haben, da sich „unsere Ansprechpartner beim HSV von Beginn des Vertragsverhältnisses an nicht an die wesentlichen Punkte des Vertrages gehalten haben.“ Den Fans der Hamburger wird es egal sein, denn der massive Protest nahm entscheidend Einfluss auf die schnelle Kündigung. Der Deal sah, ähnlich wie auf Schalke, vor, dass Viagogo bei jedem Heimspiel 1500 Karten mit einer Preissteigerung von 100 Prozent verkaufen durfte. Dafür erhielt der HSV eine garantierte Summe, die dem klammen Club nun aber nicht mehr wichtig ist.

  • Der Sonderfall FC Augsburg

Auch in Augsburg regt sich Widerstand. Beim abstiegsbedrohten Bundesligisten entwickelte sich die Sache aber zu einer Provinz-Posse um die Pressefreiheit. Geschäftsführer Peter Bircks ließ sich zu einem verbalen Rundumschlag hinreißen, der wohl nur in Augsburg für so wenig öffentliches Interesse sorgen konnte. Die Partnerschaft mit der Ticketbörse bleibt davon unberührt.

Was werfen Kritiker Viagogo konkret vor?

Proteste gab es mittlerweile in den Stadien aller Clubs, die offiziell mit Viagogo zusammenarbeiten. Der Tickethändler ist für die Fans ein weiterer Baustein in der Preisspirale, die den Fußball in Deutschland teurer macht und damit zusehends kommerzialisiert. Die Bundesliga soll bezahlbar bleiben.

Eines ist jedoch klar: Viagogo will seinen Gewinn maximieren, ein nachvollziehbares Ziel für ein Wirtschaftsunternehmen. Moralischer Druck, beispielsweise könnte Viagogo – so fordern es Fanvertreter – die Ticketpreise aus ethischen Gründen deckeln und ein Preislimit einführen, ist zumindest kein realistisches Instrument. Und personalisierte Eintrittskarten stoßen in Deutschland eher auf Widerstand denn auf Zustimmung.

Doch es gibt auch schwerwiegendere Vorwürfe: Der britische Sender Channel Four hat in einer Dokumentation Recherchen vorgelegt, die die Rolle der Ticketbörse als bloßen Zwischenhändler infrage stellen. Die Erkenntnisse stammen zwar aus dem englischen Alltag und in Deutschland gibt es dafür keine Beweise, doch warum sollte ein global operierendes Unternehmen folgende Dinge nicht auch global einsetzen:

  1. Der Anteil der professionellen Schwarzhändler soll den der privaten Verkäufer deutlich übersteigen. Laut Channel Four werden Tickets in großen Mengen bezogen und dann zu horrenden Preisen wieder verkauft. Das könnte auch den erstaunlich hohen Anteil von Tickets für Events erklären, wo der Vorverkauf noch gar nicht begonnen hat. In der Bundesliga ist der Anteil an frei zugänglichen Karten aufgrund der hohen Anzahl an Dauerkarten und der sonst gängigen Praxis, an Mitglieder oder organisierte Fanclubs zu verkaufen, zwar gering. Doch wenn ein Vorverkauf startet, können sich auch professionelle Schwarzhändler in die virtuelle Schlange im Internet stellen und Karten kaufen.
  2. Noch brisanter könnte es für Viagogo werden, wenn sich der in der Dokumentation aufgezeigte Schleichbezug bewahrheitet. So soll das Unternehmen in Eigenregie Tickets beim Veranstalter ordern, um sie später, als Privatpersonen getarnt, gewinnbringend zu verkaufen. Da der Käufer nie in direktem Kontakt mit dem Verkäufer steht, eine zumindest denkbare Variante. In Deutschland gibt es dafür noch keine Beweise, das Magazin Sponsors berichtet in seiner aktuellen Ausgabe jedoch von Insiderinformationen, die besagen, jedes fünfte Bundesliga-Ticket lande auf schleichenden Wegen auf dem Schwarzmarkt.

Welche Gefahren gibt es noch?

Unabhängig von der Preistreiberei und dem illegalen Schleichbezug gibt es zwei weitere Kritikpunkte, die nicht allein Viagogo sondern alle Zweithändler im passenden Zwielicht erscheinen lassen können. Die ausbleibende Kontrolle der Käufer könnte gewaltbereiten Zuschauern einen leichteren Zugang in die Stadien ermöglichen und es gibt Befürchtungen, dass die Zweithändler auf lange Sicht das „dynamic pricing“ einführen möchten.

Welche Preise ruft der Schwarzmarkt überhaupt auf?

Die Kritik in der Anhängerschaft der Bundesliga-Clubs richtet sich jedoch in erster Linie an besagte Preistreiberei. Nüchterne Betrachter sprechen dagegen von Marktwirtschaft und wollen das Angebot durch die Nachfrage geregelt wissen.

Viagogo-Sprecher Steve Roest betonte im vergangenen Jahr in einem Spox-Interview, dass sein Unternehmen vor allem eins anbiete: Schnäppchen. „Es ist uns wichtig, dass Tickets bei Viagogo zu fairen Preisen angeboten werden“, erzählte Roest. „Beim Einstellen von Eintrittskarten bekommt daher jeder Verkäufer zur Orientierung dafür einen Preis vorgeschlagen, der auf aktuell gehandelten Ticket-Preisen für die gleiche Veranstaltung basiert. Die Hälfte aller Karten wechselt bei viagogo für den Originalpreis oder noch weniger Geld den Besitzer.“

Wir prüften diese Annahme anhand der kommenden drei Heimspiele von Borussia Dortmund. Für Sitzplätze im obersten Rang der Nordtribüne liegt der Originalpreis bei 41 Euro, bei Topspielen erhöht sich der Preis auf 49,50 Euro. Der BVB spielt in dieser Saison noch gegen Mainz, Meister Bayern und Hoffenheim. Bei Viagogo kostet die günstigste Karte für besagten Block derzeit inklusive der Gebühren gegen Mainz 85 Euro, gegen die Bayern 230 Euro und gegen Hoffenheim im letzten Saisonspiel 188 Euro, allerdings in einem vergleichbaren Block.

Diese Verteuerung ist kein Einzelfall. Der WDR errechnete für Schalkes Champions League-Spiel gegen Galatasaray eine 250-prozentige Steigerung für einen Platz in der Nordkurve, allerdings in Relation zu zwei Bundesliga-Dauerkarten an ähnlicher Stelle. Ganz zu schweigen von fünfstelligen Angeboten für das vergangene Champions League-Finale in München, wie Zeit Online berichtete.

Was sagt Viagogo zu den Vorwürfen?

Unternehmenssprecher Steve Roest kann die Aufregung in der Bundesliga nicht verstehen. Für seine Firma ist es zunächst mal ein Grundrecht, seine privat erworbene Karte auch wieder veräußern zu können. Kritik am Schwarzmarkt weist er ohnehin von sich: „Einen Zweitmarkt für Karten neben dem Verkauf der Vereine gab es, bevor viagogo entstand – sogar bevor das Internet populär wurde“, erzählte er vor wenigen Wochen dem Reviersport.

Für Roest gibt es nur Gewinner in Viagogos System: „Etwa 23 Millionen Euro gehen den Fans in Deutschland jedes Jahr verloren, weil sie ein Spiel nicht besuchen können, ihre Karte aber nicht weiter verkaufen“, rechnete Roest in dem Spox-Interview vor. „Und in den Stadien bleiben dann Plätze leer. Das ist natürlich nicht gut für die Clubs. Wenn die Fans ihre Tickets bei viagogo weiter verkaufen, können andere Zuschauer ins Stadion gehen. Die kaufen dann vielleicht eine Wurst, ein Bier oder ein Trikot. So gewinnt der Verein neue Fans.“

Auch beim Thema Preislimit gibt sich Roest entspannt, da dies „für die Straße oder Ebay“ illusorisch wäre. „Die Leute können ihre Karten dann immer noch für viel Geld verkaufen. Aber die potenziellen Käufer haben das Risiko, sich mit einem Betrüger einzulassen. Eine Preisdeckelung würde also nur verhindern, dass wir die Fans vor Betrug schützen können.“

Ein Resümee: Die Vereine sind in der Pflicht

Der Zweithandel mit Eintrittskarten schlägt in der Bundesliga, verständlicherweise, hohe Wellen. Wenn Viagogo dabei keine Ungereimtheiten in Bezug auf Schleichbezug nachzuweisen sind – und danach sieht es in Deutschland derzeit aus – gibt es keine rechtliche Handhabe, Privatpersonen den Weiterverkauf zu untersagen. Die von den Fans kritisierte Preistreiberei spielt dabei juristisch gesehen eine zu vernachlässigende Rolle.

Umso unverständlicher ist die Rolle der Bundesliga-Clubs, die Kooperationen mit Viagogo eingehen, obwohl der Schwarzmarkt bis vor Kurzem noch flächendeckend als Grundübel angesehen wurde. Sponsors zitiert einen anonymen Marketingleiter eines Bundesligisten mit folgenden Worten: Bei einem Vertrag mit Viagogo könne er „den eigenen Fans aber nicht mehr in die Augen schauen“. Das sehen andere Clubs wohl anders.

Diese picken sich, um Sponsoring-Gelder zu generieren, die eine fette Rosine heraus, während die kleineren weiter verschmäht werden. Eine unverständliche Einstellung, die Anhänger unweigerlich auf die Barrikaden bringen musste. Denn wer Gelder von Viagogo annimmt, zieht es indirekt seinen Fans aus der Kutte.

Gefühltes Versagen – Der HSV, seine Fans und die Medien

The natural state of the football supporter is bitter disappointment, no matter what the score” (Nick Hornby: Fever Pitch, 1992, p. 20)

„Das war Arbeitsverweigerung“, zitierte die Hamburger Morgenpost einen HSV-Fan.  Das war im Mai 2009, nach dem 0:2 der Rothosen in Bremen, das die aus Hamburger Sicht unglückliche Serie von vier Derbys gegen Werder innerhalb von zweieinhalb Wochen beschloss. Im DFB-Pokal und im UEFA Cup zog Bremen jeweils über den HSV ins Finale ein. Aus heutiger Sicht ist es interessant, sich die damalige Situation noch einmal genauer anzusehen.

Im größeren Blick auf die vergangenen 30 Jahre HSV-Geschichte fällt es schwer, die Saison 2008/09 als missraten zu begreifen. Über alle Wettbewerbe hinweg waren die Rothosen seit dem Weggang Ernst Happels 1987 nie mehr so gut wie vor vier Jahren. Noch Ende April 2009 stand der HSV nur drei Punkte hinter Platz eins der Bundesliga und befand sich faktisch im Kampf um drei Titel. Dass es am Ende keiner wurde, auch wenn das Pokal-Aus gegen Bremen erst im Elfmeterschießen kam, war sicher bitter für viele Fans, aber die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit war schon damals immens.

Wohl gemerkt ist hier nicht der „Anspruch“ der Mannschaft oder des Trainers gemeint, sondern der der breiten Öffentlichkeit. Denn die in unseren Tagen beliebte Überzeugung, die „Selbstüberschätzung“ der Hamburger Aktiven und Verantwortlichen sei immens, ist selbst ein großer Teil des Problems. Dazu später mehr. Der Versuch des HSV, den Erwartungen seines Umfeldes zu entsprechen, erinnert seit vielen Jahren an das Unterfangen des Esels, die vor ihm an einem Stock befestigte Mohrrübe zu erreichen, die sich doch in Wahrheit immer genauso schnell bewegt wie er selbst. Genau so unveränderlich wie der Abstand des Esels zur Karotte und der des HSV zu seinen „Zielen“ ist das verwendete Vokabular der aufgebrachten Fans.

Journalistische Unverschämtheiten

Das oben zitierte Wort „Arbeitsverweigerung“ findet sich im Thread des HSV-Forums nach dem 2:9 in München zu Ostern neben dem Titel noch von acht verschiedenen Usern wortgleich wiederholt – von allen so, als sei es ihr eigenes Urteil und nicht eine tausendfach wiederholte Phrase, die offenbar jedem zweiten Hamburger spontan in den Sinn kommt, wenn er über den Hamburger Sportverein sprechen soll. Das Muster ist immer das Gleiche bei der Bewertung des HSV: Schlechte Spiele werden skandalisiert und zum Anlass genommen, ohne jede Beweisführung den Profis „charakterliche Defizite“ zu unterstellen. Das ist übrigens von Fans in Internetforen schon ärgerlich genug, aber so etwas gibt es bei jedem Club. Dass aber gestandene Journalisten oder TV-Experten ungerührt auf den Zug aufspringen und nach jeder Niederlage spekulative Urteile über die Berufseinstellung von Fußballprofis fällen, ist nicht weniger als eine Unverschämtheit. Dass diese Unsitte so verbreitet ist, macht sie keineswegs akzeptabler.

Aber war das 2:9 von München nicht tatsächlich eine Pleite historischen Ausmaßes? Das war sie schon, aber wenn man beim FC Bayern, einer der besten Mannschaften der Welt, nach einer halben Stunde 0:4 zurückliegt, dann hat alles, was folgt, wenig mit „Charakter“ zu tun. Sondern mit einer Grundentscheidung, ob man Schadensbegrenzung  betreiben will und anerkennt, dass die ursprüngliche Taktik falsch war oder die Qualität an diesem Tag einfach nicht reicht, um zu gewinnen. Ob man also forthin mauert. Oder ob man so weitermacht wie zuvor und weiter Gegentore am Fließband kassiert. Es ist im Wesentlichen Thorsten Fink vorzuwerfen, die entsprechenden Schlüsse nicht gezogen zu haben. Aber auch dieser Vorwurf betrifft letztlich eine Frage der Außendarstellung, denn das objektive Resultat war schon lange besiegelt, ehe der HSV weitere fünf Gegentore kassierte. Wenn es beim Stand von 0:0 nicht gelingt, die Münchner Offensive zu stoppen, warum sollte es dann beim Stand von 0:5 besser klappen? Weil man auf einmal seinen „Charakter“ einschaltet?

Doch selbst wenn man das nicht teilt und findet, es sei besonders verwerflich, nicht nur hoch, sondern sehr hoch zu verlieren, dann muss man sich fragen, warum dieses 2:9 von so vielen Beobachtern als Offenbarungseid im Wortsinne gesehen wurde – also als Ausweis der tatsächlichen Stärke des HSV und nicht als bedauerlicher Ausrutscher. Schließlich hat die gleiche Mannschaft in dieser Saison zweimal gegen Dortmund und einmal gegen Schalke gewonnen, was offenbar niemand für eine Standortbestimmung hält. Damit setzt sich aber nur das fort, was sich 2009 schon beobachten ließ und was Sportal 2011 in einem Essay feststellte: HSV-Anhänger zu sein, heißt, einen unwiderstehlichen Trieb zu Masochismus und negativer Stimmung  zu verspüren. Positive Serien und Phasen werden mit vorsichtiger Freude zur Kenntnis genommen, im Fall der (logischerweise immer mal wieder vorkommenden) nächsten Niederlagen aber nicht mit der Enttäuschung verrechnet. Sondern unter Umkehr des Vorzeichens mit ihr kumuliert.

Der HSV ist schlechter als Greuther Fürth

So zählten die drei Titel, um die Martin Jol 2009 mitgespielt hatte, und der in der letzten Saisonminute erreichte erneute Einzug in die Europa League nichts mehr, verglichen mit der Schmach der Derbyniederlagen. Jol selbst durfte auch nicht auf Abwägung seiner Verdienste hoffen, als er nach Saisonende aufgrund mutmaßlicher Differenzen mit dem Vorstand überraschend zum AFC Ajax wechselte. „Tot ziens, Kaskopp“ („Tschüss, Käsekopf“) titelte die Hamburger Morgenpost in der Ausgabe, in der sie den Trainer auf den Seiten zwei und drei aufs Übelste weiter verunglimpfte. Auch das ein Beispiel, in diesem Fall vom damaligen Mopo-Redakteur Sven Töllner (heute bei Sky), in dem man als neutraler Leser das Gefühl bekam, dass die persönliche Enttäuschung von Journalisten das Urteil über den HSV radikalisiert.

Das muss aber nicht stimmen, denn ein weiteres Beispiel für einen Kollegen, dessen Urteil, wenn es um den HSV geht, über alle Maßen negativ ausfällt, ist Kicker-Korrespondent Sebastian Wolff. Der ist erklärter Anhänger von Eintracht Braunschweig, aber eine distanzierte, neutrale Perspektive auf den HSV, über den er für Deutschlands Fußballzeitschrift Nummer eins hauptverantwortlich berichtet, kann man Wolff nicht attestieren. Unter die Spielernoten des Kicker, Grundlage für das Managerspiel des Blattes, streut Wolff so freigiebig Sechsen, dass die Hamburger im Notenschnitt der Saison im Kicker inzwischen auf Platz 18 rangieren, noch hinter Fürth. Das passt immerhin zur Berichterstattung im gleichen Fachblatt, in dem Wolff dem HSV vor dem Spiel gegen Freiburg die „letzte Chance“ attestierte, alle Spieler und Verantwortlichen „auf dem Prüfstand“ sah und nach dem 0:1 gegen den Sportclub befand, der HSV verspiele „alle Ziele“.

Spontane Unzufriedenheit ist das nicht. Wolff hatte bereits vor einem Jahr, als der HSV im März einen ähnlichen Einbruch erlebte, nachdem er sich zuvor aus der Abstiegszone abgesetzt hatte, befunden, die Hamburger „taumelten dem Abstieg entgegen“. Seine Notengebung siedelte den HSV auch damals deutlich schlechter als die tatsächlichen Resultate ein: hinter Hertha BSC und Köln, nur knapp vor Kaiserslautern. Aber Wolff ist kein verwirrter Einzelfall, sondern das Spiegelbild der Maßlosigkeit, mit der in Hamburg jeder Misserfolg zur Katastrophe gemacht wird. Die örtliche Boulevardzeitung Morgenpost druckte nach dem 0:1 gegen Augsburg Mitte März in einem Sonderthema, mit dem die Zeitung aufgemacht wurde, Leserbriefe ab, die Sektion war mit dem Zitat „Und wieder haben sie versagt“ überschrieben.

In den von der Redaktion sicherlich ob ihrer Drastik ausgewählten, aber vom redaktionellen Teil keineswegs relativierten Leserbriefen forderten HSV-Fans, die Mannschaft aus der Bundesliga abzumelden, der Abstieg schien einem Einsender kaum noch zu vermeiden. Das Team stand zu diesem Zeitpunkt übrigens einen Punkt hinter einem Champions League-Platz. Die Tabellensituation reicht dem HSV-Anhänger solcher Couleur aber nicht aus, um zufrieden zu sein. Es fehlt stets ein gewisses „Je ne sais quoi“, das gefühlte Scheitern ist konstitutiv für die Wahrnehmung des HSV. Dazu passt die seit dem Bayern-Spiel von nahezu allen Medien geführte Debatte um Thorsten Fink. Als verspräche es eine Besserung für den finanziell angespannten Club, jetzt auch noch seinen Coach zu feuern.

Niederlagen gehören einfach dazu

Das Problem dieses negativen Überbietungswettstreits ist indes, dass die Kritik bei einer wirklich schlimmen Pleite wie der in München nur dann noch konsistent fortgeführt werden kann, wenn man sie noch weiter ins Extrem dreht. Die verzerrte Wahrnehmung des HSV in der Öffentlichkeit böte eigentlich Stoff für eine wissenschaftliche Untersuchung: Warum verselbständigen sich die Urteile von Fußballfans oft völlig? Ein ähnliches Beispiel ist die seit 2006 (und der WM-Halbfinalniederlage von Dortmund) eskalierende Verunglimpfung des italienischen Fußballs in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit – oder die maßlose Kritik an der deutschen Mannschaft und Bundestrainer Joachim Löw nach der erneuten Niederlage gegen Italien, der einzigen Niederlage der DFB-Elf in den letzten Jahren überhaupt.

Zum Fußball gehören Niederlagen dazu. Nicht nur bedeutungslose Niederlagen, sondern auch bittere, die Punkte, Titel oder die Klasse kosten können. Das hat niemand besser beschrieben als Arnd Zeigler in seinem offenen Brief nach dem EM-Halbfinale 2012. Zeigler ist übrigens Werder-Bremen-Anhänger, in mehr als einer Hinsicht Gegenpol zum HSV. Interessanterweise zeichnen sich die beiden größten Nordrivalen des HSV dadurch aus, dass bei ihnen die Situation eher zu positiv als zu negativ wahrgenommen wird. Werder Bremen spielt gegen den Abstieg, liegt in der Kicker-Notentabelle aber auf Platz acht, die größte positive Abweichung der Liga. St. Paulis Fans feierten ihre Mannschaft in der Abstiegssaison 2010/11 nach einer 1:8-Heimniederlage gegen Bayern mit einer Ehrenrunde im Stadion.

Das finde ich persönlich beides ähnlich absurd wie die Blau-Weiß-Schwarzmalerei der HSV-Fans.  Speziell das Verhältnis HSV-St. Pauli ließe sich aber auch als zwei Seiten der gleichen dionysischen Medaille begreifen. Wer in der Hansestadt das Holsten Edel halb leer hat, geht halt zum HSV, wer es halb voll findet, ans Millerntor. Während bei St. Pauli selbst Dieter Schlindwein den Status eines „Kultspielers“ genoss und man dort eher die Unparteiischen oder gegnerische Spieler mit Gegenständen bewirft, wirft man beim HSV lieber auf Paolo Guerrero.

lazy journalism

Eine besonders ärgerliche Erscheinung des HSV-Bashing darf hier schließlich nicht unerwähnt bleiben. Äußerungen von Spielern im Hinblick auf eine mögliche Europacupteilnahme werden nach jeder Niederlage von altklugen Journalisten hervorgeholt und allen Ernstes als Grund für die verlorenen Spiele gewertet („sie haben sich gnadenlos überschätzt“). Ob man bei einem Punkt Rückstand auf einen Champions League-Rang das Ziel formuliert, in der kommenden Saison international zu spielen, oder ob man sich auf professionelle Worthülsen beschränkt („wir schauen nur auf das nächste Spiel“), ist Geschmackssache. Aber es ernsthaft als zentralen Grund für die folgenden Ergebnisse heranzuziehen, stellt ein Musterbeispiel von „lazy journalism“ dar: Anstatt eine eigene Analyse anzustellen, greift man einfach auf das naheliegendste Klischee zurück, das gerade im Umlauf ist.

Übrigens wurde Borussia Dortmund in den vergangenen Jahren stets mit dem „Thema“ konfrontiert, warum die Spieler nicht die Meisterschaft als Ziel ausriefen. Die mutmaßlich von Jürgen Klopp ausgegebene Direktive, so eine Form von Verbalscharmützeln zu unterlassen, die die Leibspeise von Uli Hoeneß sind, verhinderte zwar, dass seine Profis sich auf Diskussionen in den Medien einließen. Aber sie verhinderte nicht, dass es trotzdem an jedem Spieltag mehrere Medien gab, die diese „Frage“ für einen Aufmacher hielten. Denkbar wäre es also ebenso, den HSV-Spielern mangelnden Ehrgeiz und fehlenden „Willen“ zu unterstellen, falls sie keine Ziele formuliert hätten und anschließend verloren hätten. Ein Musterbeispiel dafür, wie die beschriebenen Mechanismen in der HSV-Berichterstattung grassieren, stellte die Sendung „Spiel der Woche“ bei Sky dar, in der live vom Hamburger Spiel gegen Freiburg berichtet wurde. Der übliche Talk-Tisch mit vier Männern in grauen Jacken, die Momo das Fürchten gelehrt hätten, war wie gewohnt mit Moderator Sebastian Hellmann, der mehr grinst als Theon Greyjoy, Jan Aage Fjortoft, Lothar Matthäus und Dr. Markus Merk besetzt.

Dass Fjortoft und Matthäus nichts Besseres einfiel, als sich über die „Körpersprache“ der HSV-Spieler auszutauschen, mag man noch nachsehen. Nachdem aber ein Einspielfilm mit der falschen Kommentierung, René Adler habe Michael Mancienne nach dem Tor „wach rütteln“ wollen, gezeigt worden war (tatsächlich trug sich die Szene nach einer Großchance Freiburgs zu, und Mancienne hatte sich im vorhergehenden Angriff nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen), schaltete sich auch Merk in die Kritik der Hamburger Profis und ihrer Einstellung ein. Der Skandal ist nicht, dass ein Schiedsrichter, anders als Urs Meier einst im ZDF, auch fußballerische Themen kommentieren soll. Der Skandal besteht darin, dass es so ein Allgemeinplatz ist, HSV-Spieler wegen ihrer Mentalität zu kritisieren, dass niemandem auffällt, wie anmaßend und absurd es ist, wenn das auch noch ein Ex-Schiedsrichter tut.

Die allfällige Ausnahme René Adlers von der Kritik ist ein weiterer ärgerlicher Aspekt. Alle Feldspieler des HSV bekamen im Kicker nach dem Spiel in München eine Sechs, Adler hingegen trotz neun Gegentoren eine 3,5. Zwar wurde Marcell Jansen in der gleichen Zeitschrift nach dem 0:1 gegen Freiburg aus unerfindlichen Gründen mit einer 5 bedacht, Dennis Aogo sogar mit einer weiteren Sechs, Adler aber wurde erneut zwei Noten besser als alle Feldspieler benotet – trotz nur zweier Paraden in 90 Minuten. Auch das ein Beispiel dafür, dass es hier nicht um eine unvoreingenommene Einschätzung geht, sondern um Populismus à la „außer Adler könnt Ihr alle gehen“. Für Fans vielleicht ok. Für Journalisten nicht.

Vorschlag: ein bisschen Realismus

Bleibt natürlich die Frage, wie eine „neutrale Einschätzung“ des HSV denn ausfallen müsste. Gar nicht so leicht, in der Kakophonie der Weltuntergangsstimmung auf die Zwischentöne zu hören. Der maximale Anspruch des HSV könnte angesichts des Umsatzes des Clubs und des theoretischen Marktwerts des Kaders darin bestehen, Platz vier oder fünf zu erreichen. Davon ist das Team jetzt, nach der Negativserie, immer noch nur vier Punkte entfernt. Vielleicht nicht optimal, aber sicher kein totales Scheitern. Nimmt man die Kaderzusammensetzung von vor der Saison, also noch vor der Nachrüstung mit Rafael van der Vaart, Milan Badelj und Petr Jiracek, so war das Aufgebot eher nicht fürs Erreichen der oberen Tabellenhälfte geeignet. Rechnete man die Saison ab dem Moment, zu dem Fink der ganze Kader zur Verfügung stand, also ab Anfang September, läge der HSV mit 38 Punkten genau einen Zähler hinter Platz fünf.

Manche Fans fordern, den HSV-Profis sollten Monatsgehälter für jede Niederlage abgezogen werden und trainingsfreie Tage seien zu streichen (wenn Proficlubs Training als Straflager betreiben, dann gute Nacht). Hier eine unangenehme Nachricht für sie alle: Der HSV spielt eine Saison, die höchstens marginal unter dem Niveau liegt, das dem Potenzial des Kaders entspräche. Aber verkauft man mit so einer Einschätzung in Hamburg Zeitungen? Der vermeintlich nüchterne Hanseat lagert die exzessiven Emotionen offenbar in die Berichterstattung über den HSV und in die Ehe der Van der Vaarts und ihrer Nachfolgestaaten aus. Vielleicht muss Werder Bremen erst absteigen, damit der Blutrausch endet und einige Hamburger die Leistungen ihres Clubs ins Verhältnis setzen können. Viele Hoffnungen sollte man sich aber selbst dann nicht machen.

Die unüblichen Verdächtigen

Robert Lewandowski wird Borussia Dortmund verlassen. Der Zeitpunkt ist zwar weiterhin offen, die Verlängerung des bis 2014 datierten Vertrags schlossen die Verantwortlichen des BVB aber bereits aus.

Gerüchte über mögliche Nachfolger gibt es schon länger, die Namen werden Woche für Woche wiederholt: Edin Dzeko war dem BVB ein auffällig lautes Dementi wert, aus der Bundesliga werden Mame Diouf und Stefan Kießling gehandelt, wobei Diouf am ehesten zu den Dortmundern passen würde. Und die Kombination aus Alter, Ablöse und Qualität sprechen unserer Ansicht nach nicht für eine Verpflichtung von Alvaro Negredo (FC Sevilla/27), Kevin Gameiro (PSG/25) oder Bafetimbi Gomis (Olympique Lyon/27).

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigte bereits eine Verstärkung des Kaders in der Tiefe an, das spricht für mindestens zwei neue Stürmer – wenn Lewandowski denn gehen sollte. Gegen den Ball schlägt deshalb zehn Namen vor, die auf einer guten Scouting-Liste nicht fehlen sollten. Dabei haben wir nicht nur klassische Stoßstürmer gesucht, Trainer Jürgen Klopp denkt über eine Systemumstellung hin zum 4-3-3 mit falscher Neun nach. Hier ist für jeden etwas dabei:

Andreas Cornelius (20) – FC Kopenhagen

Saison 2012/13: 35 Spiele-18 Tore-5 Assists
Saison 2011/12: 2-0-0
Marktwert: 1,75 Millionen Euro / Vertrag bis 2016 (transfermarkt.de)

In England wird der dänische Stürmer Andreas Cornelius als neuer Nicklas Bendtner gehandelt. Kein allzu schmeichelhafter Vergleich, wenn man die ins Stocken geratene Karriere Bendtners betrachtet. Cornelius (1,93 Meter) hat eine ähnliche Statur wie Bendtner (1,94), beide gelten als kopfballstark und Cornelius ist am Wochenende in der WM-Qualifikation erster Kandidat, um Bendtner im Sturm der dänischen Nationalmannschaft zu ersetzen. Die Vergleiche sind somit nachvollziehbar. Derzeit führt Cornelius (Video: Seine besten Tore) die Torschützenliste in Dänemark mit 16 Toren an, zudem gilt er – anders als Bendtner – als absoluter Teamplayer, der sich immer in den Dienst der Mannschaft stellt.

Pro BVB: Kopfball, Physis, Torabschluss, Alter
Contra BVB: Unerfahrenheit, Schwache Liga (Umstellung), Namhafte Konkurrenz (FC Arsenal)
Fazit: Außenseiter-Tipp, der Zeit bräuchte. Idealer dritter Stürmer.

Heung-Min Son (20) – Hamburger SV

Saison 2012/13: 27-9-1
Saison 2011/12: 30-5-1
Marktwert: 13 Millionen Euro / Vertrag bis 2014

Besser hätte der Präsentierteller nicht geschmückt sein können: In den beiden Spielen gegen den BVB erzielte Heung-Min Son drei Tore und bescherte seinem HSV damit sechs nicht eingeplante Punkte. Vor allem der 2:1-Führungstreffer in Dortmund stellte die Qualitäten des Südkoreaners unter Beweis: Langer Ball aus der Abwehr, Son gewinnt den Zweikampf gegen Hummels, marschiert die rechte Seite entlang, am Sechzehner zieht er in die Mitte und lässt Weidenfeller mit seinem starken linken Fuß keine Chance. Son (Video: Tore beim HSV) kann Spiele im Alleingang entscheiden, er ist flexibel einsetzbar und seine Abschlussquote hat sich stark verbessert. Son verliert jedoch zu viele Zweikämpfe und im taktischen Bereich müsste ihm Klopp viel beibringen.

Pro BVB: Torabschluss, Schusstechnik, Schnelligkeit, Bundesliga-Erfahrung, Vielseitigkeit, Alter
Contra BVB: Defensivschwächen, Taktisches Verständnis, Konstanz, Namhafte Konkurrenz (FC Arsenal, FC Liverpool)
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz, als Nachfolger für den im Winter gewechselten Ivan Perisic aber die richtige Wahl.

Jackson Martinez (26) – FC Porto

Saison 2012/13: 32-28-2
Saison 2011/12 (Chiapas/Mexiko): 35-20-6
Marktwert: 8,5 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Beim Thema Scouting macht dem FC Porto in Europa kein Club etwas vor. Mit dem Brasilianer Hulk verließ Porto nach Falcao und Lisandro Lopez zum wiederholten Male für viel Geld ein Topstürmer, deren Nachfolger schlugen aber sofort ein. Das gilt auch für den bis dahin nicht mal Insidern bekannten Jackson Martinez, der in Mexiko sein Geld verdiente. Seine Torquote ist für das erste Jahr in einer europäischen Liga erstaunlich, auch in der Champions League erzielte Martinez bis zum Ausscheiden von Porto drei Treffer. Allein wegen seiner Spielintelligenz und seiner Beweglichkeit – welcher Stürmer bekommt schon den Spitznamen Cha Cha Cha? – würde der Kolumbianer zum BVB passen. Allerdings ist Porto nicht dafür bekannt, Spieler für geringe Ablösesummen gehen zu lassen.

Pro BVB: Kopfball, Torabschluss, Spielverständnis, Physis, Wendigkeit
Contra BVB: Taktisches Verständnis, Ausstiegsklausel über 40 Millionen, Alter
Fazit: Finanziell für Dortmund nicht darstellbar.

Leo Baptistao (20) – Rayo Vallecano

Saison 2012/13: 24-7-7
Marktwert: 6 Millionen Euro / Vertrag bis 2015

Bereits mit 16 Jahren wagte Leo Baptistao den Sprung nach Europa. Bei Rayo Vallecano wurde er aber zunächst durch eine Hepatitis-Erkrankung und in der vergangenen Saison durch einen Schlüsselbein-Bruch zurückgeworfen. In dieser Spielzeit profitierte Leo von Michus Weggang und sicherte sich einen Stammplatz. Mit seiner Spielweise wäre er eine starke Ergänzung zu Mario Götze und Marco Reus. Leo kann gut kombinieren, er sucht aber auch immer wieder erfolgreich das Dribbling. Bei Rayo hat er überwiegend als vorderste Sturmspitze gespielt, anders als Lewandowski kann er aber den Ball im Zweikampf nicht so gut behaupten. Der Brasilianer besitzt eine Ausstiegsklausel über acht Millionen Euro, in spanischen Medien wird schon länger über einen Wechsel zu Atlético Madrid spekuliert.

Pro BVB: Spielverständnis, Technik, Kurzpassspiel, Dribbling, Schnelligkeit, Balleroberung, Alter
Contra BVB: Torabschluss, Taktisches Verständnis, Zweikämpfe, Namhafte Konkurrenz (Manchester United, Atlético)
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz. Die Ablöse wäre hoch, aber nicht zu hoch, um Leo die benötigte Eingewöhnungsphase einzuräumen.

Luc Castaignos (20) – Twente Enschede

Saison 2012/13: 37-10-4
Saison 2011/12 (Inter Mailand): 8-1-0
Marktwert: 6 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Der nächste Youngster in unserer Scouting-Liste: Luc Castaignos galt in den Niederlanden schon früh als großes Talent. 2008 unterschrieb er als 16-Jähriger seinen ersten Profivertrag bei Feyenoord Rotterdam. Ein Jahr später spielte er sich mit überzeugenden Leistungen bei der U-17-EM in Deutschland in die Notizbücher vieler Vereine. Doch den verheißungsvollen Start konnte Castaignos zunächst nicht bestätigen. Bei Feyenoord konnte er sich nicht durchsetzen und auch den Versuch bei Inter Mailand brach der Stürmer nach einem Jahr ab. Seit dieser Saison spielt er wieder in der Eredivisie, bei Twente Enschede eroberte er sich mit zehn Pflichtspieltoren einen Stammplatz. Castaignos (Video: Seine schönsten Tore) gilt als schneller und kopfballstarker Stürmer, der das Zeug zum echten Torjäger hat.

Pro BVB: Spielverständnis, Torabschluss, Schnelligkeit, Kopfball, Auslandserfahrung, Alter
Contra BVB: Konstanz, Taktisches Verständnis, Zweikämpfe
Fazit: Ein Außenseiter, der mit seinen Qualitäten zum Geheimtipp werden könnte. Kann Lewandowski aber nicht allein ersetzen.

Mathis Bolly (22) – Fortuna Düsseldorf

Saison 2012/13: 3-2-0
Saison 2011/12 (Lilleström): 28-4-4
Marktwert: 600.000 Euro / Vertrag bis 2016

In der Winterpause kam Mathis Bolly aus Lilleström zur Fortuna nach Düsseldorf und bekam aufgrund seiner Schnelligkeit vom Boulevard gleich den Spitznamen „Bolt“ verpasst. Muskuläre Probleme verhinderten zwar einen schnellen Einstieg in die Bundesliga, gegen den FC Bayern und den VfL Wolfsburg legte Bolly mit zwei Toren aber ein Tempo vor, wie es norwegische Experten von ihm gewohnt sind. In Düsseldorf spielt er zentraler als noch in Lilleström, wo er überwiegend als Linksaußen aufgestellt wurde. Das erklärt auch seine durchschnittliche Torquote, die Abschlüsse gegen Bayern und Wolfsburg (Video: Bollys Tor gegen Bayern) zeigen aber, dass er zentraler spielen kann.

Pro BVB: Schnelligkeit, Tempo-Dribbling, Physis, Torabschluss
Contra BVB: Unerfahrenheit, Spielpraxis
Fazit: Nach zwei guten Spielen eine verfrühte Idee. Für 2014 könnte Bolly aber ein Kandidat für die Borussia werden.

Mauro Icardi (20) – Sampdoria

Saison 2012/13: 22-9-2
Saison 2011/12: 2-1-0
Marktwert: 10 Millionen Euro /Vertrag bis 2015

Mauro Icardi bringt ein Gütesiegel mit, das ihn für viele Vereine in Europa interessant macht. Der Argentinier wurde in der Jugendakademie des FC Barcelona ausgebildet, bevor er nach Italien zu Sampdoria wechselte. In seiner ersten Saison als vollwertiges Kadermitglied der Blucerchiati erkämpfte Icardi sich schnell einen Stammplatz, den er mit sehenswerten Toren gegen Juventus und die Roma festigte. Icardi (Video: Seine Tore in der Serie A) gilt als echter Stoßstürmer, der den Ball gut behaupten und ablegen kann, einen starken Abschluss hat, mit seiner Schnelligkeit aber auch für das Konterspiel geeignet ist. Sampdoria will 15 Millionen Euro für Icardi haben.

Pro BVB: Torabschluss, Physis, Kopfball, Ballverteilung, Alter
Contra BVB: Rückwärtsbewegung, Namhafte Konkurrenz (Inter Mailand, Manchester City)
Fazit: Ein echter Lewandowski-Ersatz, der aber an seinen defensiven Qualitäten arbeiten müsste. Die hohe Ablöse könnte die Dortmunder abschrecken.

Michu (26) – Swansea City

Saison 2012/13: 36-19-5
Saison 2011/12 (Rayo): 39-17-4
Marktwert: 13 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Michu ist der lebende Beweis, dass Scouting auch in den großen europäischen Ligen erfolgreich sein kann, ohne überteuerte Ablösesummen zahlen zu müssen. Der Spanier wechselte vor dieser Saison für 2,5 Millionen Euro von Rayo Vallecano zu Swansea City und avancierte zum Überraschungsspieler der Premier League. Die Schwäne stehen im gesicherten Mittelfeld, spielen nach dem Sieg im Ligapokal im nächsten Jahr Europa League und Michu hat mit 19 Toren einen entscheidenden Anteil. Michu (Video: Seine Tore für Swansea) ist kein klassischer Mittelstürmer, auch wenn er bei Swansea häufig ganz vorne spielen musste. Er kommt gerne aus der Tiefe oder weicht auf die Flügel aus, im Strafraum schließt er dann aber konsequent ab.

Pro BVB: Spielverständnis, Kurzpassspiel, Kopfball, Laufleistung, Torabschluss
Contra BVB: Gelernter Mittelfeldspieler, Alter
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz und als ergänzender Stürmer wohl zu teuer.

Philipp Hosiner (23) – Austria Wien

Saison 2012/13: 33-32-6
Saison 2011/12 (Admira Wacker): 36-18-4
Marktwert: 2 Millionen Euro / Vertrag bis 2015

Die Austria ist Philipp Hosiners dritter Verein in drei Jahren. Das mögliche Image eines Wandervogels war Hosiner dabei egal, in seiner Zeit bei 1860 München und dem SV Sandhausen hatte der Stürmer schon zu viel Zeit verschenkt. Bei Admira Wacker etablierte er sich als Erstliga-Stürmer und die Austria war der nächste richtige Schritt. Hosiner (Video: Die Hinrunde bei Austria) will in Deutschland einen zweiten Versuch starten, „irgendwann würde ich gerne nochmal zurückgehen und mich dort durchsetzen“. Der BVB könnte jedoch eine Nummer zu groß sein. Auch wenn er seine Abschlussqualitäten bereits seit Jahren unter Beweis stellt und als vielseitiger Angreifer gilt, der auch auf Außen oder hängend spielen kann. Gerade aus taktischer Sicht bräuchte Hosiner eine längere Anlaufphase.

Pro BVB: Torabschluss, Technik, Schnelligkeit, Spielverständnis, Konstanz
Contra BVB: Defensivschwächen, Zweikämpfe, Schwache Liga (Umstellung)
Fazit: Hosiner soll bereits auf der Scouting-Liste des HSV und in Mönchengladbach stehen. Beim BVB dürfte er aber nur ein Außenseiter sein.

Viktor Fischer (18) – Ajax Amsterdam

Saison 2012/13: 27-8-5
Marktwert: 2,5 Millionen Euro / Vertrag bis 2017

Die Jugendakademie von Ajax Amsterdam ist so legendär wie erfolgreich. Mit Viktor Fischer ist in dieser Saison der nächste Jungstar in den Kader der Profimannschaft aufgerückt und hat bereits viel Spielpraxis sammeln dürfen. Fischer wird als einer der talentiertesten Offensivspieler in Europa gehandelt. Der Däne, vor zwei Jahren vom FC Midtjylland nach Amsterdam gewechselt, ist mit seiner Dynamik, den technischen Fähigkeiten und der Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor vielseitig einsetzbar, die Rolle des Stoßstürmers behagt Fischer (Video: Das dänische Wunderkind) dabei am wenigsten. Lange kann Ajax seine Toptalente selten halten, das Beispiel Christian Eriksen zeigt aber, dass auch ein längerer Verbleib in der Eredivisie für das Interesse der Konkurrenz und die Entwicklung des Marktwerts nicht schädlich sein mus.

Pro BVB: Torabschluss, Dribbling, Spielverständnis, Alter
Contra BVB: Unerfahrenheit, Position, Namhafte Konkurrenz (Man United, Arsenal)
Fazit: Dem Jungspund auf unserer Scouting-Liste würde ein weiteres Jahr bei Ajax gut tun, solche Spielanteile könnte ihm der BVB nicht garantieren.

Vehnix aus der Asche: Image im Wandel

„Der attraktive Herr Veh“, titelte der kicker am Montag und spiegelt damit das derzeitige Sympathiehoch wider, das den Trainer von Eintracht Frankfurt umgibt. Das war allerdings nicht immer so, fast hätte Armin Veh sich seiner Bundesligakarriere selbst beraubt. Gegen den Ball zeichnet eine Karriere in der Medien-Meinungs-Achterbahn nach.

Der erste Eindruck: Kuriose Flucht aus Rostock

Seine erste Trainerstation in der Bundesliga endete Knall auf Fall. Armin Veh warf nach 641 Tagen als Trainer von Hansa Rostock die Flinte ins Korn. Veh hatte Hansa auf Tabellenplatz 12 im Januar 2002 übernommen, am Ende wurde der Club 14. Auch in der anschließenden Saison rettete Veh Rostock vor dem Abstieg (13.). Auf Platz 14 liegend, quittierte Veh jedoch am achten Spieltag der Saison 2003/04 den Dienst.

„Die Entscheidung hat uns sehr überrascht, aber wir akzeptieren sie. Der Arbeitsvertrag ist mit sofortiger Wirkung aufgelöst“, sagte Hansas Vorstandschef Manfred Wimmer damals. „Wir haben hier zwei Jahre gegen den Abstieg gekämpft und bestanden. Die Mannschaft spielt jetzt einen sehr guten Fußball. Es fehlen aber die Punkte, und das ist das größte Problem“, so Armin Veh. Auch die Trennung von seiner in Augsburg lebenden Familie spielte eine Rolle.

Sein Domizil in der Nähe von Rostock war für Veh „eine schöne Gegend zum Urlaub machen, aber arbeiten will ich nie mehr so weit weg von der Heimat.“ Im Nachhinein redet Veh nicht gerne über dieses Kapitel seiner ersten Bundesligastation. „So dumm wie ich damals in Rostock kann eigentlich gar keiner sein, einen Job in der Bundesliga freiwillig aufzugeben“, sagte Veh später.

Auch die Beteiligten in Rostock erinnern sich an die kuriose Situation. „Ein junger Mann, strotzend vor Kraft, kriegt plötzlich Angst vor der Bundesliga“, so Horst Klinkmann, Aufsichtsratschef des FC Hansa zur Berliner Zeitung. Ehemalige Spieler, wie René Rydlewicz, bezeichneten Vehs Abgang damals als „hinterhältig und feige“. Veh sagte rückblickend: „Normalerweise kriegst du in dem Geschäft keine zweite Chance.“

Zusammengefasst kann man sagen, Veh hatte sich als sportlich kompetenter Trainer erwiesen, war aber dem Druck nicht gewachsen. Die Presse schrieb von Flucht und man hatte den Eindruck, dieser Mann ist für das harte Bundesligageschäft nicht geeignet.

Die zweite Chance: Von der Übergangslösung zum Meistertrainer

Als Armin Veh am 10.2.2006 in Stuttgart als Nachfolger von Giovanni Trapattoni installiert wurde, galt er als „kleine Lösung“. VfB-Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Hundt bezeichnete Veh gar als „Übergangslösung“ und so erhielt er zunächst einen nur bis zum Saisonende datierten Vertrag. Noch Anfang April war offen, ob Veh auch in der kommenden Saison als Trainer beim VfB Stuttgart bleiben sollte. Veh selbst reagierte dünnhäutig und mit Sarkasmus auf die Hängepartie um seine Vertragsverlängerung.

Vier Spieltage vor Saisonende wurde Veh ein weiterer Einjahresvertrag angeboten. Horst Heldt hatte sich gegen die Widerstände im Verein für Armin Veh eingesetzt. „Es hat halt Zeit gebraucht, jeden im Verein zu überzeugen, dass Armin Veh der richtige Trainer ist“, sagt Horst Heldt rückblickend. Stuttgart landete am Ende der Saison auf Platz neun.
In der Saison 2006/07 wurde Veh nach einem sensationellen Saisonschlussspurt mit acht Siegen in Folge Deutscher Meister.

Der Stern schrieb damals „Veh änderte in nur einer Saison das ihm anhaftende Image des Zauderers.“ Der Zauderer wurde zum Zauberer und mit einem Meistertitel in der Hand hatte Veh die sportliche Qualifikation als erfolgreicher Bundesligatrainer gemeistert. Wer nun glaubte, das Image des erfolgreichen Herrn Veh sei damit für immer geprägt, der sollte sich noch wundern.

In der zweiten Saison nach dem Gewinn der Meisterschaft lag der VfB im November auf Platz 11 der Tabelle und entließ den Erfolgstrainer nach einem 1:4 gegen den VfL Wolfsburg. Mitverantwortlich war Sportdirektor Horst Heldt, der damals angab, „dass wir uns in einigen Punkten nicht einig waren“, weshalb man nach einer „sehr erfolgreichen und intensiven Zeit“ die Konsequenzen zog. So die offizielle Stellungnahme. Am Rande waren auch andere Töne zu vernehmen.

Horst Heldt schien mit der Einstellung und dem Engagement des Trainers nicht zufrieden. „Jeder kann mehr leisten“, sagte Heldt laut bild.de wohl auch in Richtung Veh. Der Coach selbst wies die Vorwürfe zurück. „Ich bin nicht müde.“ Für Veh war es die Einkaufspolitik, die nicht passte. „Der entscheidende Fehler waren die Verpflichtungen nach der Meisterschaft 2007. Horst Heldt, Jochen Schneider und ich haben nicht die richtigen Leute geholt. Dafür bluten wir jetzt zusammen.“ Damit sollte er nicht Recht behalten. Heldt blieb, installierte Nachfolger Markus Babbel und dem VfB gelang es, auf Platz drei der Tabelle einzulaufen.

Veh als Leitwolf: Die Aufgabe zu groß

Acht Monate später heuerte Armin Veh als Trainer beim Meister VfL Wolfsburg an. Felix Magath hatte den Club nach einer sensationellen Saison in Richtung Schalke verlassen. Veh lockte gerade die Herausforderung, dieses schwere Erbe anzutreten, er erhielt ähnliche Kompetenzen wie zuvor Magath. Nach ausbleibenden sportlichen Erfolgen wurde dem Coach und Manager mit Dieter Hoeneß ein Geschäftsführer vor die Nase gesetzt. Kurz zuvor hatte Veh noch gesagt, „wenn das passieren würde, hätte ich doch die Hosen unten.“ Das ganze sah dementsprechend wie eine Teildemontage aus.

Dieter Hoeneß, der gerade zehn Tage im Amt war, verkündete schließlich acht Monate nach Vehs Installierung die Entlassung des Magath-Nachfolgers. „Die Zusammenarbeit mit Armin Veh war gut, auch sein Verhältnis zur Mannschaft war intakt. Leider blieben die sportlichen Ergebnisse aus. Wir waren nicht mehr der Überzeugung, dass wir die Situation gemeinsam mit Armin Veh in absehbarer Zeit hätten ändern können“, sagte Hoeneß.

Nach dem Champions League- und Pokal-Aus sowie sieben Spielen ohne Sieg in Folge war Veh aufgrund der sportlichen Talfahrt, aber auch an den Ansprüchen des Clubs gescheitert. Der VfL stand zu diesem Zeitpunkt auf Platz zehn der Tabelle. Am Ende der Saison wurde er Achter. Die Doppelbelastung als Manager und Trainer wurde zum zusätzlichen Stolperstein. Eine undankbare Mission, die Veh aber bewusst eingegangen war und die er letztlich nicht meisterte.

Das Blatt hatte sich nun gegen Veh gewendet. Die Welt urteilte: „Beim VfL Wolfsburg übernahm er ein intaktes Meisterteam, das er nach Belieben verstärken konnte. Nach nicht einmal sechs Monaten musste er gehen. Denn aus Vehs Stärke wurde schnell eine Schwäche – seine Authentizität. Er mag sich nicht verbiegen.“

Veh beim Chaos-Club: Tiefpunkt

Nur sechs Monate später wurde er beim HSV als Nachfolger von Bruno Labbadia installiert. „Die Fans sind aber schon mehrheitlich gegen ihn“, schrieb die Welt. „Veh startet beim HSV mit großer Hypothek“, wurde getitelt. Vom Meistertrainer wurde er zum „Überraschungstrainer in Stuttgart“ herabgestuft. Er galt als „Gemütsmensch“, der zu „sensibel“ für das Haifischbecken HSV ist. „Die große Mehrheit der Fans“ schätzte Veh „bei Umfragen in den Foren als Fehlbesetzung“ ein, berichtete der HSV-Haus- und Hof-Reporter des Hamburger Abendblatts Dieter Matz damals.

Das Image des Trainers war zu Beginn seiner Tätigkeit ramponiert und es sollte noch weiter bergab gehen. Beim HSV geriet Armin Veh in das volle Vereinschaos um den scheidenden Vorstandschef Bernd Hoffmann und die pannenbesetzte Sportdirektorsuche. Die „Misstrauenskultur“ (Frank Rost) war nicht das richtige Klima für Armin Veh. „Aufgrund der Situation ist es so, dass ich nächstes Jahr nicht mehr da bin“, erklärte Veh und kündigte damit zum zweiten Mal seinen freiwilligen Abschied als Bundesliga-Trainer an. (Genauer gesagt nutzte er eine Vertragsoption, die sein Engagement auf ein Jahr beschränkt ließ).

Veh hatte vor, noch bis zum Saisonende zu bleiben. Nach anhaltendem Vereinschaos und sportlicher Talfahrt kam man seinem Ausscheiden allerdings zuvor und entließ ihn nach einer 0:6-Pleite gegen Bayern München. Auf der legendären Pressekonferenz vor diesem letzten Spiel als HSV-Trainer reagierte Veh auf die Fragen der Presse mit beißendem Zynismus und Endzeitstimmung.

Die Presse warf ihm anschließend vor, er sei ausgebrannt und sein Feuer erloschen. Ja, er sei geradezu amtsmüde. Veh reagierte rückblickend entspannt auf die Vorwürfe . „Das ist doch normal. Das war nach meiner Hamburger Zeit, weil ich auch wirklich keinen Bock mehr hatte“, so Veh im Interview mit der Frankfurter Rundschau. „Da dachte ich nur: Mein schöner Sport – und ich muss mich mit diesen Ahnungslosen rumschlagen. Ich wusste genau, dass das nichts werden kann, was da lief, aber ich konnte es nicht ändern. Und dann habe ich gesagt: Macht euren Kram alleine.“

Veh hatte sich – wie in Wolfsburg – eine Aufgabe ausgesucht, die kaum zu bewältigen war. Auf dem Höhepunkt der Führungskrise des HSV herrschte ständige Unruhe im Club, die Possen um den Sportdirektorposten hatten unmittelbare Auswirkungen auf den sportlichen Bereich. So verständlich sein Abschied aus Hamburg somit auch war, es blieb der Eindruck, er sei ausgebrannt. Dazu passten auch seine kolportierten Zukunftspläne. Er wolle nach den Querelen beim Hamburger SV nicht mehr als Trainer, sondern nur noch als Sportdirektor arbeiten. Diese Aussage musste er bald revidieren.

Eintracht Frankfurt: Vehnix aus der Asche

Für die gerade abgestiegene Eintracht aus Frankfurt wurde die Verpflichtung von Veh als Trainer von nicht wenigen Medien als „Überraschungscoup“ (Frankfurter Rundschau) gefeiert. „Mit der Verpflichtung des ehemaligen Meistertrainers haben die Frankfurter auch nach außen ihre großen Ambitionen dokumentiert“, schrieb die Offenbach-Post. In Fan-Kreisen war die Verpflichtung von Veh allerdings alles andere als unumstritten. Nach Gegen den Ball-Informationen war auch die Stimmung in der Eintracht-Führung durchaus zwiespältig.

Eintracht gelang unter Veh der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga. In dieser Saison lässt Veh einen attraktiven Offensivfußball spielen und steht mit der Eintracht auf einem hervorragenden vierten Tabellenplatz. Das Meinungsbild über den „attraktiven Herrn Veh“ hat einen erneuten Höchststand erreicht. Horst Heldt lobte Veh im Kicker und betonte, der Coach habe „sich die Freiheit erarbeitet, sich aussuchen zu können, was er macht und was er nicht macht.“

Fazit: Sportlich: Top, Charakter: Auslegungssache

Die sportliche Kompetenz hat Veh in Rostock, Stuttgart und bei Eintracht Frankfurt durch den Klassenerhalt, die Meisterschaft und den Aufstieg nachgewiesen. Dennoch bedienen sich die Medien seiner Trainergeschichte und Eigenarten und legen diese je nach Stimmungslage und Tabellenstand als charakterstark oder wankelmütig aus.

Man könnte Armin Veh allerdings tatsächlich vorhalten, dass er schnell aufgibt, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft und dass gewisse öffentliche Aussagen durchaus als unprofessionelles Verhalten eines Vereinsvertreters gegenüber den Medien betrachtet werden können. Seine Fürsprecher bringen dagegen die Unabhängigkeit des Trainers und seine Authentizität ins Feld. Die Brocken auch mal hinzuschmeißen und die Dinge, die ihn stören, klar beim Namen zu nennen, gerade das scheint die Quelle seiner Beliebtheit zu sein.

Beim FC Schalke würde Veh allerdings erneut in ein Haifischbecken der Bundesliga eintauchen. Die Medienlandschaft ist hier nicht minder gnadenlos als in Hamburg. Die Erwartungen der Fans ebenso erdrückend. Veh hatte bisher meist da Erfolg, wo es einigermaßen ruhig im Umfeld zuging, oder die direkten Vorgesetzten ihm den Rücken freihielten.

Auf Schalke wartet der alte Kumpel Horst Heldt, der Manager, der ihm die zweite Chance in der Bundesliga gab und mit dem er Deutscher Meister wurde. Allerdings ist Gelsenkirchen nicht als ein Hort der Kontinuität in der Trainerfrage bekannt. Unter Clemens Tönnies beträgt die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers 1,1 Jahre. Armin Vehs durchschnittliche Verweildauer bei seinen Bundesligastationen (ohne die laufende Station in Frankfurt) beträgt 1,5 Jahre.

Doch wahrscheinlich würden wir den Armin unterschätzen, wenn wir glaubten, er würde sich von einem Wurstfabrikanten feuern lassen. Um es im Hans Meyer-Duktus zu sagen; Gehen sie davon aus, dass ein Armin Veh geht, wenn er mit der Gesamtsituation unzufrieden ist.

Schalker Defensive: Dabei sein ist alles

Das 2:3 im Achtelfinale gegen Galatasaray liegt den Schalkern schwer im Magen. Gerade erst schienen die dunklen Wolken am Königsblauen Himmel verzogen, da setzte es das Aus in der Champions League. Schon in der Hinrunde folgten nach Gala-Auftritten bei Arsenal und dem BVB die Niederlagen in Hoffenheim, Leverkusen und Hamburg. Nach der Entlassung von Huub Stevens musste Nachfolger Jens Keller durch „die Hölle gehen“ (Horst Heldt). Der viel kritisierte Trainer soll die Mannschaft nun erreicht haben und seine Methoden Wirkung zeigen.

Tatsächlich konnte man in den Spielen gegen Wolfsburg und Dortmund Ansätze der Besserung erkennen. Das „nach vorne Verteidigen“ (Keller) gelang ihnen zumindest gegen den BVB eine Halbzeit exzellent. Das Überladen der Flügel war schon unter Stevens – vor allem auf der Sahneseite mit Jefferson Farfan und dem offensivstarken Atsuto Uchida – praktiziert worden, dies ist nun, nach dem Aufblühen von Julian Draxlers, noch verbessert worden.

Die Probleme in der Defensive scheinen aber grundsätzlich nicht behoben. Das defensive Umschaltspiel ist weiterhin ein Problem. Dazu werden die Schwächen des Kaders immer deutlicher. Gegen den Ball widmet sich drei Problemstellen, die den verhaltenen Aufschwung auf Schalke auch in Zukunft bremsen könnten.

Die Außenverteidiger

Atsuto Uchida ist in der Offensive ein Samurai, in der Defensive Harakiri für jede Abwehr. Er gewinnt gerade einmal 52,02 Prozent seiner Zweikämpfe (Quelle: bundesliga.de). Fehler wie gegen Fürth und Hannover führen immer wieder zu Gegentoren. Er ist kopfballschwach und oft wirkt es, als ob gerade für ihn das missverstandene Olympische Motto „dabei sein ist alles“ zählt. Sein Pendant auf der linken Abwehrseite ist Christian Fuchs.

Wäre Fuchs ein Landsmann Uchidas, man könnte den Samurai-Harakiri-Vergleich einfach per Copy-und-Paste an dieser Stelle einfügen. Auch Fuchs hat seine Stärken in der Offensive. Er schlägt starke Flanken und bereite in der letzten Saison acht- und in dieser Spielzeit sechs Treffer direkt vor. Im Defensivverhalten ist er aber ähnlich schwach wie Uchida.

Was bei Uchida die fehlende physische Präsenz, ist bei Fuchs mangelnde Wendigkeit und Handlungsschnelligkeit in Defensivsituationen. Fuchs gehört zu den Spielern im Schalker Kader, die am häufigsten umdribbelt werden (Durchschnittlich 1,6 Mal pro Spiel/Quelle: whoscored.com). Seine Zweikampfbilanz (50,87 Prozent) ist noch schlechter, als die von Uchida. Immer wieder mussten Stevens und Keller in dieser Spielzeit gelernte Innenverteidiger auf den Außenpositionen bringen, weil es dort „Schalke in Not“ hieß.

Benedikt Höwedes durfte so sein Repertoire erweitern, spielt oft für Uchida auf der rechten Seite. Auch der defensive Mittefeldspieler Marco Höger hilft dort immer wieder aus. Auf der linken Seite ist Youngster Sead Kolasinac neuerdings erste Wahl. Kolasinac ist laufstärker (1 km im Schnitt mehr pro Spiel als Fuchs), er ist zweikampfstärker (57,95 % der Zweikämpfe gewonnen) und schneller als Fuchs. Zudem ist er ein enorm aggressiver Spieler, der im Pressing seine Stärken hat.

Genau hier setzt Jens Keller vermehrt an, um die Balance zwischen Offensive und Defensive in den Griff zu bekommen. Für Youngster Kolasinac könnte die Beförderung noch weiter gehen. Zuletzt rückte er immer wieder für den formschwachen Neustädter ins defensive Mittelfeld, womit wir bei einem weiteren Grund für die Schalker Defensivschwäche wären: Wunderkind Neustädter.

Das Problem Roman Neustädter

Neustädter kam aus der funktionierenden Gladbacher Mannschaft der letzten Saison ablösefrei zum S04. Er etablierte sich schnell als einzige Konstante im defensiven Mittelfeld. Nach kurzer Eingewöhnung zeigte er seine Klasse. Neustädter besticht durch eine enorm hohe Passquote. 83,6 Prozent seiner Pässe finden den Mitspieler. Zum Vergleich die Passquoten von den Mitspielern Benedikt Höwedes (85,4 %), Marco Höger (80 %) und Jermaine Jones (77,9 %). Zudem antizipiert Neustädter schnell und ist somit ein sehr guter Pressing-Spieler. Die Statistik weist 3,2 abgefangene Pässe (Interceptions) pro Spiel für Neustädter auf. Besser sind bei Schalke nur die Innenverteidiger. Zum Vergleich die defensiven Mittefeldspieler Höger (nur 1,8) und Jones (nur 1,6 Passunterbrechungen pro Spiel). Als Nebenprodukt einer Bayern-Analyse hat die Seite Spielverlagerung.de die Pressing-Kompetenz aller defensiven Mittelfeldspieler in der Bundesliga zum Zeitpunkt Ende Dezember errechnet, ebenso wie die Defensivkompetenz insgesamt, bei der Roman Neustädter zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei hinter Javi Martinez lag.

Alles in allem ein glänzendes Führungszeugnis für Neustädter? Nein. Die weiße Weste des 25-jährigen Nationalspielers wird durch einige Fakten getrübt. Neustädter gehört zu den am leichtesten auszudribbelnden Spielern. In dieser Spielzeit wurde er schon 39 Mal umdribbelt (1,6 Mal pro Spiel). Zum Vergleich der ebenfalls leicht auszuspielende Christian Fuchs wurde 36 Mal umdribbelt.

Was die Statistik nicht festhält. Neustädter leistete sich trotz der guten Passquote immer wieder eklatante Fehlpässe, die zu Gegentoren führten. Zuletzt unterliefen ihm solche Fehler sowohl in Istanbul vor dem 1:0-Führungstreffer von Burak, als auch daheim gegen Galatasaray, als Neustädter einen schlampigen Querpass im Mittelfeld spielte, der schließlich zum 2:1 durch Burak führte.

Sieht man sich den Saisonverlauf an, dann fällt auf, das Neustädters Formkurve seit November 2012 nach untern weißt. Bis zu seiner erstmaligen Berufung in den Länderspielkader von Joachim Löw hatte Neustädter eine Durchschnittsnote von 3,34 (Quelle: sportal.de). Danach kam Neustädter in den Spielen vom 13. bis zum 25. Spieltag nur noch zu einem Notenschnitt von 3,77.

Hatte Neustädter zuvor nur in zwei der zwölf Spiele eine Bilanz von unter 50 Prozent gewonnener Zweikämpfe, so waren es danach fünf Spiele, in denen er weniger als 50 % seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Zuletzt musste er in Wolfsburg (zugegebenermaßen grippegeschwächt) ohne einen einzigen Zweikampf gewonnen zu haben, nach 45 Minuten vom Platz.

Die Länderspielberufung als Grund für den Leistungseinbruch heranzuziehen, können wir aufgrund des fehlenden Diploms in Psychologie nur in den Bereich der Spekulation verweisen. Handfester scheint uns da ein anderer Erklärungsansatz. Neustädter hat mit 2158 Spielminuten die meiste Spielzeit aller Schalker in den Knochen – Höwedes kommt auf 2070 Minuten, Jones auf 1550 Spielminuten. Insgesamt liegt Neustädter auf Platz zehn in der Liga, was die geleistete Spielzeit aller Feldspieler der Bundesliga angeht.

Sieht man sich nur die letzten sieben Spiele (5BL/2CL) an, dann hat Neustädter einen Notenschnitt von 4,43. Noch einmal zum Vergleich: Nach den ersten zwölf Saisonspielen war es ein Schnitt von 3,34! Rotation würde den Schalkern auf dieser Schlüsselposition sicherlich gut tun. Jermaine Jones kehrt nach seiner Gelbsperre vor dem Spiel am Samstag in Nürnberg zurück, Marco Höger ist derzeit in guter Form – einer Verschnaufpause für Neustädter stände somit nichts im Wege.