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Weltrangliste: Auf dem Weg nach Brasilien

Am 6. Dezember werden in Brasilien die acht WM-Gruppen ausgelost. Bis dahin müssen in verschiedenen Playoffs noch elf Teilnehmer gefunden werden, doch das Bild wird immer klarer. 21 Verbände können nun planen und Gegen den Ball kürt parallel zur FIFA-Weltrangliste die derzeit 20 besten Nationalmannschaften. Welches Team hat, unabhängig von der Auslosung, realistische Chancen, das Achtelfinale zu erreichen? Und wer hat wirklich Chancen auf den WM-Titel? Äquivalent zur Europarangliste der Vereinsmannschaften haben wir auch für dieses Ranking Bewertungskriterien festgelegt:

1) Die Qualität des Kaders
Wie stark sind die einzelnen Positionen besetzt und wie gut sind die Mannschaftsteile aufeinander abgestimmt?

2) Die Ergebnisse in der WM-Qualifikation
Dabei ist die Stärke der jeweiligen Konföderation ein wichtiger Faktor. In Europa gibt es weniger Pflichtspiele, dafür ist die Leistungsdichte größer. Ähnlich stark werten wir die südamerikanische Qualifikation, während Siege gegen kleine Teams in Asien, Afrika oder Nordamerika richtig eingeordnet werden müssen.

3) Die Ergebnisse in Freundschaftsspielen
Gerade in Deutschland wissen wir, dass in Testspielen die Motivation bei Spielern von Champions League-Teilnehmern geringer sein kann. Trotzdem geben gerade Partien gegen andere Spitzenmannschaften Aufschluss über den wahren Leistungsstand.

4) Der Trainer
Ein guter Trainer mit taktischem Geschick und einer modernen Mannschaftsführung kann auch bei Nationalmannschaften den Unterschied ausmachen.

Los geht’s!

Platz 20: Costa Rica

WM-Qualifikation: 8 Siege – 4 Unentschieden – 4 Niederlagen

Zum vierten Mal in der WM-Historie ist Costa Rica bei einer Weltmeisterschaft dabei. 1990 schafften es die Mittelamerikaner gar ins Achtelfinale, 2002 und 2006 kam jeweils das Aus in der Vorrunde. Das Team des kolumbianischen Trainers Jorge Luis Pinto ist zwar weitestgehend ein Team der Namenlosen, bekanntester Spieler ist Stürmer Bryan Ruiz vom FC Fulham, doch Costa Rica besticht seit Jahren mit konstanten Ergebnissen und einer guten Defensive. Beim Gold Cup standen Los Ticos im Viertelfinale, die Copa Centroamericana wurde gewonnen und in der WM-Qualifikation holte Costa Rica vier Punkte gegen das verblasste Mexiko und somit souverän den zweiten Rang hinter den USA.

Platz 19: Nigeria

WM-Qualifikation: 4 Siege – 3 Unentschieden

Das Niveau des Afrika Cups 2013 hat gezeigt, dass sich der afrikanische Fußball zurückentwickelt hat. Überraschungsteams wie 1990 Kamerun, 2002 Senegal oder 2010 Ghana wird es in Brasilien vermutlich nicht geben. Afrika Cup-Sieger Nigeria ist eine von zwei Mannschaften, denen wir im kommenden Jahr zumindest das Erreichen des Achtelfinales zutrauen. Trainer Stephen Keshi lässt pragmatischen Defensivfußball spielen, obwohl mit Victor Moses, Brown Ideye, John Obi Mikel oder Emmanuel Emenike durchaus Kreativität und Offensivkraft vorhanden ist. Allerdings muss sich Nigeria zunächst noch für die WM qualifizieren, nach dem 2:1-Sieg in den Playoffs gegen Äthiopien reicht dem viermaligen WM-Teilnehmer im Heimspiel am 16. November schon ein Remis.

Platz 18: Bosnien-Herzegowina

WM-Qualifikation: 8 Siege – 1 Unentschieden – 1 Niederlage

In Bosnien-Herzegowina ist seit dem Krieg im eigenen Land von 1992 bis 1995 auch fußballerisch alles ein wenig anders. Von den Nationalspielern spielen die Wenigsten in der Heimat, die meisten Topstars wie Sejad Salihovic oder Vedad Ibisevic wuchsen gar als Flüchtlinge im Ausland aus. Die Teilrepublik Srpska will mit Dortmunds Co-Trainer Zeljko Buvac als Coach eigene Länderspiele durchführen, ein Indiz wie gespalten das Land fast 20 Jahre nach Ende des Krieges immer noch ist. Und trotzdem kannte der Jubel in Sarajevo nach der erfolgreichen Qualifikation zur WM 2014 keine Grenzen. Die Drachen (30 Tore) markierten nach Deutschland (36), Niederlande (34) und England (31) die meisten Treffer in der europäischen Qualifikation, die Offensive mit Ibisevic, Salihovic, Edin Dzeko, Miralem Pjanic und Zvjezdan Misimovic ist das Herzstück des Kaders von Trainer Safet Susic.

Platz 17: Schweiz

WM-Qualifikation: 7 Siege – 3 Unentschieden

Zugegeben, die Eidgenossen hatten eine der leichtesten Quali-Gruppen. Die Souveränität, mit der Island, Slowenien, Norwegen, Albanien und Zypern hinter sich gelassen wurde, ist trotzdem bemerkenswert. Unter Trainer Ottmar Hitzfeld reift eine Mannschaft heran, die aufgrund ihrer Altersstruktur auch in den kommenden Jahren für Furore sorgen kann. Bis auf den Sturm ist keine wirkliche Schwachstelle im Schweizer Team auszumachen.

Platz 16: Ghana

WM-Qualifikation: 6 Siege – 1 Niederlage

Wer beim zweiten afrikanischen Team in unserer Top 20 mit der Elfenbeinküste gerechnet hat, den müssen wir angesichts der Altersstruktur der Elefanten enttäuschen. Die Generation um Didier Drogba hechelt verzweifelt einem Erfolg hinterher und verliert dabei den realistischen Blick auf das eigene Alter. Wesentlich stärker präsentiert sich Ghana, obwohl es für die Black Stars beim Afrika Cup nur zu Rang vier reichte. Trainer Kwesi Appiah hat mit Asamoah Gyan, den Ayew-Brüdern, Sulley Muntari, Kevin-Prince Boateng, Kwadwo Asamoah oder Michael Essien jedoch sehr viel Qualität in seinem Kader, Ägypten kann nach der 1:6-Niederlage im Hinspiel der Playoffs ein klagvolles Lied davon singen.

Platz 15: Japan

WM-Qualifikation: 8 Siege – 3 Unentschieden – 3 Niederlagen

Zum fünften Mal in Serie hat sich Japan für die Weltmeisterschaft qualifizieren können. In einer Gruppe mit Australien, Jordanien, Oman und Irak holte sich das Team von Trainer Alberto Zaccheroni souverän den ersten Platz, trotzdem kann Japan wegen der vielen Niederlagen außerhalb der Qualifikation mit dem Leistungsstand nicht zufrieden sein. So gab es beim Confed Cup drei Pleiten, in Testspielen erwiesen sich zuletzt sogar Bulgarien, Serbien und Weißrussland als zu stark. Doch die Misere hat Gründe: Viele Spieler der Samurai Blue kicken in Europa und gehören zu den Vielfliegern im Weltfußball. Wegen der vielen Spiele kann Zaccheroni nicht an der defensiven Abstimmung arbeiten. Superstar Shinji Kagawa fehlt bei Manchester United die Spielpraxis. Und wenn Shinji Okazaki (Mainz) nicht trifft, fehlt ein zuverlässiger Torjäger. Mit einer längeren Vorbereitung im kommenden Sommer, gehören die Japaner in Brasilien wieder zu den Achtelfinal-Kandidaten.

Platz 14: Russland

WM-Qualifikation: 7 Siege – 1 Unentschieden – 2 Niederlagen

Seit Russland den Zuschlag für die WM 2018 bekommen hat, sind die heimischen Clubs darum bemüht, russische Nationalspieler in der Heimat zu halten oder zurückzuholen. Im erweiterten Kader von Trainer Fabio Capello spielt mit Denis Cheryshev (FC Sevilla, von Real Madrid ausgeliehen) nur ein Profi im Ausland. Die heimische Liga ist jedoch nicht stark genug, um einen Effekt für die Sbornaja herzustellen. Vor allem die Talente Alan Dzagoev (ZSKA Moskau), Aleksandr Kokorin (Dinamo Moskau) und Oleg Shatov (Zenit) müssen in stärkere Ligen wechseln, um Russland 2018 zu einem Topteam machen zu können. In Brasilien ist spätestens nach dem Achtelfinale Schluss.

Platz 13: USA

WM-Qualifikation: 11 Siege – 2 Unentschieden – 3 Niederlagen

Zu Beginn seiner Amtszeit 2011 musste US-Coach Jürgen Klinsmann mit viel Gegenwind leben. Zu groß waren seine Ambitionen, zu ernüchternd die Ergebnisse. Doch spätestens seit dem 4:3-Sieg im Testspiel gegen Deutschland vergangenen Sommer reiten die US-Kicker auf einer Erfolgswelle. Es folgten elf weitere Siege, was einen einsamen Rekord in der Länderspiel-Geschichte der USA bedeutete und der Turniersieg beim Gold Cup. Klinsmann nutzte die vielen Spiele zu zahlreichen Experimenten, mittlerweile hat er eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft mit vielen Legionären zusammengestellt.

Platz 12: England

WM-Qualifikation: 6 Siege – 4 Unentschieden

Seit dem EM-Aus gegen Italien hat die englische Nationalmannschaft erst ein Spiel verloren – 2:4 im Testspiel gegen Schweden. Gegen Brasilien gab es in zwei Partien einen Sieg und ein Remis. In der Qualifikation zeigten die Three Lions zeitweise ein anderes Gesicht, die vier Unentschieden gegen Ukraine (2), Polen und Montenegro ließen Trainer Roy Hodgson bis zum letzten Spieltag zittern. Hodgson musste seit Amtsantritt mit Kritik leben, der personelle Umbruch ging nur schleppend voran und taktisch fehlte es an einem klaren Konzept. Nun wird Hodgson vorerst in Ruhe weiterarbeiten können, mit dem vorhandenen Spielermaterial gehört England jedoch nicht mehr zu den absoluten Top-Nationen.

Platz 11: Uruguay

WM-Qualifikation: 7 Siege – 4 Unentschieden – 5 Niederlagen

Die Celeste muss in die Verlängerung. Nachdem es in der südamerikanischen Qualifikationsgruppe nur zu Rang fünf reichte, kommt es gegen Jordanien zu zwei Ausscheidungsspielen. Trotzdem stufen wir Uruguay vor Ecuador und Chile ein, die Qualität des Kaders und die Erfahrungen der letzten Jahre liefern genügend Argumente. Nach Platz vier bei der WM 2010 und dem Sieg bei der Copa América 2011 fiel das Team von Trainer Oscar Tabárez in ein kleines Loch. Spätestens mit dem Halbfinale beim Confed Cup fand Uruguay zurück in die Erfolgsspur, der Traumsturm mit Edinson Cavani und Luis Suárez kann bei der Weltmeisterschaft für Furore sorgen.

Platz 10: Portugal

WM-Qualifikation: 6 Siege – 3 Unentschieden – 1 Niederlage

Seit der EM 2000 in Belgien und Niederlande war Portugal bei sieben großen Turnieren in Folge qualifiziert, nur bei der WM 2002 kam dabei schon in der Vorrunde das Aus. Stattdessen war die Seleccion drei Mal in einem Halbfinale und bei der Heim-EM 2004 sogar im Finale vertreten. Portugal gehört zur erweiterten Weltspitze. In der Qualifikation tut sich das Team von Trainer Paulo Bento auch obligatorisch schwer, zum dritten Mal kommt es zum Umweg über die Playoffs – Ende diesmal noch offen. Dass es bisher noch nicht zu mehr gereicht hat, liegt nicht nur an den im Gegensatz zum Vereinsfußball schwankenden Leistungen von Cristiano Ronaldo. Der Superstar tut sich im rot-grünen Trikot schwer mit der großen Verantwortung. In der Breite ist Portugals Kader aber auch nicht stark genug besetzt.

Platz 9: Kolumbien

WM-Qualifikation: 9 Siege – 3 Unentschieden – 4 Niederlagen

Die Euphorie in Kolumbien ist gewaltig. Seit der Goldenen Generation um Carlos Valderrama und René Higuita in den 90er Jahren fiebern die Fans der Cafeteros der nächsten WM-Teilnahme entgegen. Nach der spektakulären Aufholjagd beim 3:3 gegen Chile am vorletzten Spieltag kann der Traum nun gelebt werden. Vater des Erfolgs ist der argentinische Trainer José Pékerman, der aus einer offensiv berauschenden Mannschaft mit Disziplin und Taktik ein funktionierendes Gebilde geformt hat. Mit 13 Gegentoren stellte Kolumbien in der WM-Qualifikation die beste südamerikanische Abwehr, in der Abteilung Attacke hat Pékerman mit Radamel Falcao (Monaco), Jackson Martínez (Porto), Carlos Bacca (Sevilla), James Rodríguez (Monaco), Juan Quintero (Porto), Téofilo Gutiérrez (River Plate) oder Fredy Guarín (Inter) sogar die Qual der Wahl. Kolumbien ist ein ernsthafter Kandidat für das WM-Viertelfinale.

Platz 8: Italien

WM-Qualifikation: 6 Siege – 4 Unentschieden

Vize-Europameister Italien wird auch in Brasilien nur schwer zu schlagen sein. Wie Deutschland eilt auch der Squadra Azzurra der Ruf einer Turniermannschaft voraus. Deshalb sollten die Ergebnisse seit der Niederlage im EM-Finale gegen Spanien als Fingerzeig nicht überbewertet werden. Die Qualifikation stand frühzeitig fest, gegen England (1:2), Frankreich (1:2), Niederlande (1:1), Brasilien (2:2) und Argentinien (1:2) feierte die Elf von Trainer Cesare Prandelli jedoch keinen Sieg und auch beim Confed Cup waren Brasilien (2:4) und Spanien (6:7 i.E.) zu stark. Prandelli tut sich schwer mit der Verjüngung des Kaders, Mario Balotelli (23), Marco Verratti (20) oder Alessandro Florenzi (22) sind in ihren Leistungen noch nicht konstant genug. In taktischer Hinsicht wird Italien jedoch wieder zu den stärksten Nationen gehören.

Platz 7: Belgien

WM-Qualifikation: 8 Siege – 2 Unentschieden

Eine souveräne Qualifikation mit den wenigsten Gegentoren aller europäischen Teams und ansehnlichem Offensivfußball sowie eine nicht enden wollende Ansammlung von Toptalenten (Hazard, Lukaku, Kompany, Benteke, de Bruyne, Courtois) ließen Belgien zum WM-Geheimfavoriten aufsteigen. Ich hatte schon im März eine Huldigung verfasst, für den Titel wird es in Brasilien trotzdem nicht reichen. Dafür gibt es einfach zu starke Konkurrenten, zudem fehlt den Roten Teufeln vor allem eines: Erfahrungen bei großen Turnieren.

Platz 6: Frankreich

WM-Qualifikation: 5 Siege – 2 Unentschieden – 1 Niederlage

Wie bei Portugal steht auch Frankreichs WM-Teilnahme noch nicht fest. In den Playoffs könnten die beiden Schwergewichte sogar aufeinander treffen, was nicht nur Cristiano Ronaldo am Modus und am Wertungssystem der FIFA-Weltrangliste zweifeln lässt: „Frankreich ist das einzige Team, auf das ich nicht treffen will.“ Die Franzosen hätten dann doppeltes Pech gehabt, denn schon in einer Gruppe mit Spanien spielen zu müssen, ist ein hartes Los. Unter Trainer Didier Deschamps entwickelt sich die Equipe Tricolore immer mehr zu einer Einheit, die durch Paul Pogba (20), Raphael Varane (20), Mamadou Sakho (23) oder Moussa Sissoko (24) mit aufstrebenden Talenten aufwarten kann. Und Franck Ribéry schaffte es zuletzt immer häufiger, die beim FC Bayern üblichen Leistungen auch für Frankreich zu zeigen.

Platz 5: Niederlande

WM-Qualifikation: 9 Siege – 1 Unentschieden

Die Verantwortlichen des FC Bayern haben mit kritischen Zitaten nach dem Ende seiner Amtszeit in München dafür gesorgt, dass Louis van Gaal in Deutschland ein machtbesessenes und unflexibles Image bekommen hat. Dabei wird einfach vergessen, welch großartiger Trainer, Taktiker und Talente-Entwickler van Gaal ist. Davon profitierte nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2012 auch die niederländische Nationalmannschaft, Oranje spazierte durch die Qualifikation. Van Gaal meisterte dabei den Spagat, trotz der Pflichtaufgabe viele neue Spieler zu testen und somit seinen Kader breiter aufzustellen. Vor allem in der Defensive hat van Gaal mit Daryl Janmaat, Jetro Willems oder Stefan de Vrij den nötigen Umbruch eingeleitet und viele Defizite aufgearbeitet. Um in den Titelkampf eingreifen zu können, fehlt der neuformierten Abwehr im Umkehrschluss aber Erfahrung.

Platz 4: Argentinien

WM-Qualifikation: 9 Siege – 5 Unentschieden – 2 Niederlagen

Lange Jahre bestand zwischen dem Lionel Messi im Barcelona-Trikot und dem in Argentiniens Farben ein Missverhältnis. Seine Weltfußballer-Titel sicherte sich Messi fast ausschließlich mit Toren im Verein. Doch mittlerweile gleichen sich die Leistungen an, auch weil es Trainer Alejandro Sabella geschafft hat, die Last in der Albiceleste auf mehrere Schultern zu verteilen. Die WM-Qualifikation war ein Selbstläufer, in Freundschaftsspielen gegen Deutschland (3:1) und Italien (2:1) wurden wichtige Prestige-Erfolge gefeiert.

Platz 3: Brasilien

Confed-Cup und Testspiele seit 2012: 18 Siege – 5 Unentschieden – 5 Niederlagen

Brasilien ist fünffacher Weltmeister. Brasilien hat im kommenden Jahr den Heimvorteil. Und Brasilien hat unter Trainer Luiz Felipe Scolari wieder in die Erfolgsspur gefunden. Trotzdem ist die Selecao nicht der automatische Topfavoit, wie ich schon direkt nach dem Sieg beim Confed Cup geschrieben habe. Seitdem hat sich wenig verändert, Brasilien ist wieder im Testspiel-Modus. Dabei gab es gegen die Schweiz eine 0:1-Niederlage, gegen Australien, Portugal, Südkorea und Sambia folgten überzeugende Siege.

Platz 2: Deutschland

WM-Qualifikation: 9 Siege – 1 Unentschieden

Dass Deutschland zu den WM-Favoriten gehört, ist keine Breaking News. Trotzdem kann man nicht oft genug die kurzsichtige Denkweise kritisieren, für das DFB-Team zähle in Brasilien nur der WM-Titel. Die Qualität und auch die nötige Erfahrung ist mittlerweile ohne Frage vorhanden, doch es gibt auch genügend Fragezeichen. Da wären 1. der Fitnesszustand der international immer stärker eingebundenen Spieler aus München und Dortmund, 2. die schwierigen klimatischen Verhältnisse in Brasilien, 3. das immer noch anfällige Defensivverhalten der gesamten Mannschaft, 4. der verletzungsanfällige Sturm und 5. große Qualität der Gegner.

Platz 1: Spanien

WM-Qualifikation: 6 Siege – 2 Unentschieden

Wir sind uns sicher, auch vor der WM 2014 wird es einen Abgesang auf die spanische Nationalmannschaft geben. Nach drei Titeln in Serie sollen die Spieler satt sein, Leistungsträger wie Xavi zudem ihren Zenit überschritten haben. Objektiv betrachtet, ist das aber nicht mehr als das berühmte Pfeifen im Walde. Trainer Vicente del Bosque hat die Verjüngung bereits eingeleitet, mit den seit Jahren erfolgreichen U-Nationalmannschaften Spaniens fällt das auch leicht. Seit dem EM-Finale 2012 gegen Italien hat Spanien nur ein Spiel verloren, das 0:3 gegen Brasilien im Confed Cup-Finale kam allerdings vor allem wegen fehlender Frische zustande. Bei der Frage nach dem Topfavoriten gibt es deshalb nur eine Antwort.

Zwergen-Doppel: 5 Dinge, die wir gelernt haben

Sechs Punkte waren gegen den erschreckend schwachen Gegner Kasachstan das erklärte Ziel, und die DFB-Elf erfüllte den Auftrag mit zeitweise begeisterndem Fußball. Gleichwohl wird gemeckert, kritisiert und sogar gepfiffen. Wir haben die beiden Spiele auch gesehen und kommen zu anderen Erkenntnissen:

1. Nürnberg wird lange auf das nächste Länderspiel warten

Zum 20. Mal in der DFB-Historie spielte eine deutsche Nationalmannschaft in Nürnberg. Damit steht die Heimat des Glubbs in der Liste der Heimspielstätten auf dem neunten Platz. Die Bilanz ist mit nun zwölf Siegen, sechs Unentschieden und zwei Niederlagen durchaus passabel.

Und doch wird das ehemalige Frankenstadion vorerst kein weiteres Länderspiel bekommen, Nürnberg wurde gegen Kasachstan erstmals seit 2008 bedacht. Das liegt vor allem an der Ausstattung der Arena, der DFB möchte bei Länderspielen mindestens 1500 Business Seats vermarkten, der 1. FC Nürnberg als Ausrichter kann aber nur 800 Plätze in dieser Kategorie bieten.

Bevor der fränkische Aufschrei ob der Geschäftemacherei zu groß wird, der ausschlaggebende Grund für das steigende Desinteresse des DFB dürfte das gestrige Fanverhalten sein. Ja, Manuel Neuer hat mit einem Konzentrationsfehler ein Gegentor verschuldet und ja, er spielt beim in Nürnberg nicht sehr beliebten FC Bayern. Hohn, Spott und Pfiffe sind jedoch ärgerliche Begleiterscheinungen.

Neuer selbst gab sich kleinlaut („Ich entschuldige mich bei der Mannschaft für meinen Bock“), Bundestrainer Joachim Löw regte sich hingegen schon während der gesamten zweiten Hälfte auf und fand nach Spielschluss die richtigen Worte: „Absolut nicht fair, absolut nicht in Ordnung.“

Die Diskussion, ob sich Zuschauer mit einer Eintrittskarte das Recht, zu pfeifen, mitkaufen, wollen wir hier nicht führen. Beim Stand von 3:1 und einer begeisternden ersten Halbzeit sind Pfiffe aber so unnötig wie störend. Gestern legten sie den Fokus auf eine unwichtige Begleiterscheinung. Neuer nahm sogar die Schuld für die etwas schwächere zweite Halbzeit auf sich. Tatsächlich sollte sich das Nürnberger Publikum fragen, ob es beim nächsten Mal mit mehr Fingerspitzengefühl reagiert. Ach nee, ein nächstes Spiel wird es ja vorerst nicht mehr geben.

2. Lukas Podolski ist endgültig kein Stammspieler mehr

Lukas Podolski ist ein Nationalspieler mit beeindruckenden Werten. Mit seinen 27 Jahren hat er bereits 108 Länderspiele absolviert, erzielte dabei 44 Tore. Eigentlich galt er als sicherer Kandidat, um Lothar Matthäus als Rekordnationalspieler abzulösen. Und bis zum vergangenen Freitag, als Sergio Ramos für Spanien sein 100. Länderspiel bestritt, war Podolski auch der jüngste europäische Spieler, der die magische 100er Grenze knackte.

Doch all diese Werte haben an Strahlkraft verloren. Denn spätestens seit dem Doppelspieltag gegen Kasachstan dürfte auch Podolski ein Licht aufgehen: Er findet in dieser Mannschaft keinen Platz mehr und muss deshalb sogar um die WM-Teilnahme bangen. Löw lässt verdiente Spieler zwar selten fallen, wenn, dann aber umso heftiger.

In Astana fiel Marco Reus, der auf der linken Mittelfeldseite mit seinem aus Dortmund bekannten Highspeed an Podolski vorbeigezogen ist, wegen einer Gelbsperre aus. Doch Löw gab nicht dem Gunner eine Chance von Beginn an, es spielte der Schalker Julian Draxler. Dank eines kasachischen Bodychecks musste Draxler früh raus, und Podolski bekam doch seine Chance. Und nutzte sie nicht.

Podolski wirkt seit Monaten wie ein Fremdkörper im deutschen Spiel. Die Kombinationen von Mesut Özil oder Mario Götze gehen zu schnell für den technisch limitierten Ex-Kölner. Seine Schussgewalt ist in der neuen deutschen Ausrichtung kein erwünschtes Stilmittel mehr. Die wenigen Chancen, die er dennoch bekommt, vergibt der verunsicherte Podolski dann auch noch.

So wundert es nicht, dass Löw seinen einstigen Musterschüler im Rückspiel auf der Bank ließ. Dann aber nicht mal eingewechselt zu werden, ist für Podolski eine neue Erfahrung. Die Konkurrenz im offensiven Mittelfeld ist riesig und mit Marcell Jansen und dem Gladbacher Patrick Herrmann sogar noch angewachsen. Der Prinz hat das Zepter nicht mehr in der Hand.

3. Die Kritik an den 2. Halbzeiten ist idiotisch

Bela Rethy und Tom Bartels sind verdiente Kommentatoren, die als Aushängeschilder ihrer Sender ZDF und ARD häufig Länderspiele begleiten dürfen. Diese Tatsache wird sich vorerst nicht ändern lassen, über Sympathien schreiben wir deshalb lieber ein anderes Mal.

Warum aber beide ihre Spiele unisono schlecht reden mussten, erschließt sich Gegen den Ball nicht. Tatsächlich wies das kasachische Doppel deutliche Parallelen auf. Findungsphase zu Beginn, grandioser Zwischensprint inklusive Vorentscheidung, Kräfte sparender Rest mit etwas mutiger werdendem Gegner.

Wer aber bitte hat die Regel aufgestellt, eine deutsche Nationalmannschaft müsse fast jeden Gegner über 90 Minuten dominieren, dabei brillieren und zweistellig gewinnen? Die Herren Rethy („Grütze“) und Bartels („deutliche Schwächen“) vertraten jedenfalls genau diese Meinung.

Wenden wir uns doch mal den Fakten zu: Kasachstan spielte teilweise eine 11:0-Deckung. Die DFB-Elf kam in beiden Partien trotzdem auf zusammen 78 Prozent Ballbesitz, 52 Torschüsse, sechs Aluminium-Treffer und nur zwölf Fouls (Quelle: Opta). Beeindruckende Zahlen, die erstens mit Spielfreude untermauert wurden und zweitens kaum eine andere Nationalmannschaft so hinbekommen würde.

Entscheidender ist aber die Tatsache, dass die Qualifikation zur WM in Brasilien völlig ungefährdet ist und sich die Spieler deshalb einer berechtigten Prioritätenverschiebung hingaben. In Astana standen acht, in Nürnberg sogar zehn Akteure in der Startelf, die in der kommenden Woche im Viertelfinale der Champions League stehen. Und das ist der wichtigste Titel in dieser Saison.

4. Schweinsteiger und Gündogan sind kein Problem, sondern Luxus

Welche Berufsbezeichnung dürfen sich Günter Netzer und Olaf Thon auf die Fahne schreiben? Als ehemalige Nationalspieler nennen sie sich TV- oder Printexperten, was zum Glück für diese Spezies kein geschützter Ausbildungsberuf ist. Flächendeckende Arbeitslosigkeit wäre wohl die Folge.

Netzer und Thon stießen vor einigen Wochen eine Diskussion über die richtige Besetzung im defensiven Mittelfeld des Nationalteams an. Bastian Schweinsteiger sei (sinngemäß) schon über den Zenit und den Anforderungen an das moderne Spiel nicht mehr gewachsen.

Die starke Saison von Ilkay Gündogan tat ihr Übriges, plötzlich gab es ein in Schwarz und Weiß gemaltes Duell nach dem Motto: Es kann nur einen geben. Völliger Quatsch, wie die Spiele gegen Kasachstan gezeigt haben. Beide spielten jeweils einmal über 90 Minuten und waren dabei in absoluter Topform. Wenn es in dieser Konstellation ein Problem geben sollte, dann hat es der Bundestrainer – und zwar ein Luxusproblem.

5. Es gibt wieder kleine Gegner

Der ehemalige Bundestrainer Rudi Völler hat sie geprägt, die Phrase gehört mittlerweile zum alltäglichen Fußball-Jargon: „Es gibt keine kleinen Gegner mehr.“ Streichen Sie diesen Satz bitte.

Das Gefälle im Weltfußball ist in den vergangenen Jahren wieder größer geworden. Die beiden Spiele gegen den Zwerg Kasachstan haben das eindrucksvoll bewiesen. Es fehlte den Kasachen an individueller Klasse, an taktischen Grundkenntnissen, an einer echten Strategie. Sie durften nur am Spiel teilhaben, wenn es die Deutschen aus erwähnten Gründen zuließen.

Deshalb ist Gegen den Ball ein Befürworter der vom Bundestrainer angesprochenen Idee einer Vorqualifikation, die er in Astana als höflicher Gast wieder relativierte. Im überfüllten FIFA-Kalender gehören Spiele gegen San Marino, Luxemburg oder Färöer bedauerlicherweise dazu – schön ist aber was anderes.

Was Hollande hat und Deutschland fehlt

In aller Freundschaft schlug die DFB-Elf im Februar die Länderauswahl Frankreichs. Deplatziert wirkte dabei nicht nur Kanzlerin Merkel neben Frankreichs Staatspräsident. Benedikt Höwedes spielte auf der Position des linken Verteidigers. Höwedes ist gelernter Innenverteidiger und noch dazu Rechtsfuß. Hätte Deutschland doch bloß so viele gute linke Außenverteidiger wie François Gérard Georges Nicolas Hollande zweite Vornamen, es gäbe diesen Artikel nicht.

Es drängt sich der Eindruck auf, Europas ökonomische Zugmaschine müsse sich in diesem speziellen Bereich in Mangelwirtschaft üben. Doch schaut man über den sportlichen Tellerrand hinaus, blüht auch in England keineswegs das Schlaraffenland der Linksverteidiger und die Rechtsverteidiger mit Weltklasseniveau wachsen in Spanien ebenfalls nicht auf den Bäumen. Der kruden Analogien und bunten Sprachbilder sei damit Genüge getan.

Rein in die Kartoffeln und damit rein ins Namedropping. Zu den wenigen Außenverteidigern mit Weltklasseprädikat gehören zum Beispiel Patrice Evra (31 Jahre/Manchester United) und Ashley Cole (32/FC Chelsea). Zwei Spieler, die diese Position nahezu perfekt beherrschen, sich jedoch im letzten Drittel ihrer Karriere befinden. Fragt man in Spanien nach guten Außenverteidigern, dann fallen die Namen Dani Alves und Jordi Alba (beide Barcelona). Zwei Spieler, die auch als Außenstürmer durchgehen würden. Daneben gilt es noch das Modell „verlässliche Defensive“ zu erwähnen, hier beispielhaft Alvaro Arbeloa (Real Madrid).

Ein Modell, das serienmäßig mit Vor- wie Rückwärtsgang bei hoher Spielintensität und Ballbehandlung ausgestattet ist, scheint nur als Sonderanfertigung lieferbar zu sein. Kurz gesagt: Defensiv wie offensiv gleich starke Außenverteidiger auf internationalem Niveau sind schwer zu finden.

Der frühere DFB-Sportdirektor Matthias Sammer kennt das Problem: „In der Jugend wollen sich die Spieler eben eher auf zentralen Positionen ausbilden lassen“, bemängelte Sammer gegenüber Spiegel Online. Dabei seien die Außenverteidiger häufig „die Spieler mit den meisten Ballkontakten, diejenigen, die den ersten Pass nach vorne zu spielen haben.“

Auch Sammer-Nachfolger Robin Dutt hat eine Erklärung: „Inzwischen gibt es sehr viele spielstarke Akteure. Aber nicht alle können im Zentrum spielen. Viele von ihnen werden auf den Außenpositionen eingesetzt. Dadurch haben die klassischen Linksfuß-Außenverteidiger eine viel größere Konkurrenz, zumal sie rein mathematisch ohnehin in der Minderzahl sind“, so Dutt gegenüber der Badischen Zeitung.

Für Dutt ist das Problem Chefsache: „Mit dem Start des Talentförderprogramms 2002 wurden einige Dinge in der technischen Ausbildung korrigiert. Aber das dauerte vier, fünf Jahre. Jetzt werden linke Außenverteidiger gesucht. Da müssen wir den nächsten Schritt machen und das Programm optimieren“, so der Sportdirektor laut dfb.de. Das Programm optimieren müssen wohl auch die Medien, denn die verlangen von Außenverteidigern oft Unmögliches.

Bei der Spurensuche zum Thema „AV-Mangel, was ist denn da los?“ stießen wir auf die Notengebung der Sportmagazine Kicker und sportal.de. Außenverteidiger bekommen im Vergleich zu den anderen Feldspieler-Positionen im Durchschnitt die schlechtesten Benotungen. Auf diesen Beobachtungen fußen folgende Thesen.

1) Die Live-Redakteure scheitern am peripheren Sehen. 2) Jeder, der nichts kann, wird Außenverteidiger. Oder: 3) Die Ansprüche an Außenverteidiger sind extrem hoch. Gerade Medien und Fans scheinen die eierlegende Wollmilchsau zu erwarten. Verteidiger, Flügelstürmer und Spielmacher in einer Person, respektive Position. Die Aufgabenstellung liest sich tatsächlich wie der Beipackzettel eines taktischen Allheilmittels.

Außenverteidiger müssen Flanken verhindern und selbst Flanken schlagen. Sie müssen einrücken, hinterlaufen, doppeln, dribbeln und überladen. Sie sind oft sogar erste Anspielstation im Spielaufbau. Für Risiken und Nebenwirkungen bei der Wahl dieser Position fragen sie als Jugendspieler lieber Ihren Trainer oder jemanden, der sich auskennt.

Das haben wir auch getan. Der 86-fache Nationalspieler und legendäre Außenverteidiger Andreas Brehme gibt Antworten.

Gegen den Ball – Experteninterview mit Andreas Brehme

GDB: Herr Brehme, zuletzt musste Benedikt Höwedes auf Ihrer alten Position in der Nationalmannschaft spielen. Herrscht ein Mangel an Außenverteidigern, oder zumindest Linksverteidigern?
Andreas Brehme: Es gibt durchaus auch gute junge Außenverteidiger. Marcel Schmelzer spielt in Dortmund zum Teil überragend auf der linken Seite, der Junge gefällt mir sehr gut. Marcell Jansen hat beim HSV eine gute Entwicklung genommen. Von ihm darf man aber auch noch mehr erwarten. Er sollte ruhig mehr Selbstbewusstsein auf dem Platz zeigen, dann kann er ein richtig Großer werden.
GDB: Wir haben festgestellt, dass Außenverteidiger in den Medien oft schlechter weg kommen als Spieler anderer Positionen. Ist der Anspruch an die Position zu hoch?
Andreas Brehme: Im Grunde bietet die Position einem Spieler viele Möglichkeiten, positiv aufzufallen. Wenn ein Spieler bereit ist, sich nach vorne einzuschalten, zum Beispiel. Als Außenverteidiger hat man zudem viele Ballkontakte, deshalb kann man auf der Position durchaus glänzen. Ich denke, der hohe Anspruch war schon immer da, aber natürlich ist es nicht leicht, gute Außenverteidiger zu finden. Inter Mailand hat schon mal bei mir angefragt, ob ich einen guten Linksverteidiger empfehlen kann. Da gibt es nur wenige, die ich zu 100 Prozent empfehlen würde. Am besten gefällt mir derzeit, wie schon gesagt, Marcel Schmelzer.
GDB: Hat sich die Spielweise verändert oder haben sich die Anforderungen an die Position verändert?
Andreas Brehme: Nein. Man muss sich intelligent einschalten. Das ist früher wie heute entscheidend für einen Außenverteidiger.
GDB: Auf dieser Position gibt es sehr offensive Vertreter, wie Dani Alves, aber auch defensive …
Andreas Brehme: Dani Alves von Barcelona marschiert 90 Minuten. Man muss den Hut ziehen, wie viel der auf der rechten Außenbahn arbeitet. Dafür braucht man auch eine hundertprozentige Fitness. Die offensive Ausrichtung liegt aber natürlich auch an den Vorgaben des Trainers.
GDB: Dani Alves ist ein offensiver Vertreter, es scheint aber nur wenige komplette Außenverteidiger der Qualität eines Ashley Cole und Patrice Evra zu geben. Diese beiden sind zudem über 30 Jahre alt. Fehlt es da an talentierten Alternativen?
Andreas Brehme: Ashley Cole und Evra gehören ohne Frage zu den besten Außenverteidigern. Ich glaube aber, die Nachwuchsabteilungen von Manchester United und anderen europäischen Teams werden auch in Zukunft Spieler dieser Klasse ausbilden. Das sehe ich nicht so schwarz.
GDB: Sie spielten früher meist in einem 3-5-2-System. Dieses Spielsystem wird in Italien gerade wiederbelebt. Kommt das System dem Außenverteidiger entgegen, da er per se offensiver positioniert ist?
Andreas Brehme: Das kommt ganz darauf an. Ich hatte damals auch meinen direkten Gegenspieler, da viele Gegner mit drei Spitzen spielten. Ob es zum Beispiel Roberto Donadoni war, ich hatte meist einen Rechtsaußen als Gegenspieler. Dennoch habe ich mich mit nach vorne eingeschaltet. In erster Linie ist man natürlich Abwehrspieler, man muss die Zweikämpfe gewinnen. Darüber hinaus ist man in der Offensive gefragt.

Für Andreas Brehme muss ein Außenverteidiger also nicht unbedingt offensiver Natur sein, ein guter Außenverteidiger muss sich „intelligent einschalten“, was auch an den „Vorgaben des Trainers“ liegt. Wir haben uns zwei der besten Außen der Bundesliga, und ihre Art zu spielen, genauer angesehen. Lukasz Piszczek und Philipp Lahm.

Das Spitzenspiel des 15. Spieltags zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (1:1) ist dabei unsere taktische Spielwiese. Die durchschnittlichen Daten bis zum 26. Spieltag bilden das Rüstzeug.

Sprints von Piszczek (in Gelb) und Lahm (in Rot) - Quelle: Bundesliga.de
In diesem Schaubild sind die absolvierten Sprints von Piszczek (gelb) und Lahm (rot) dargestellt. Die bisherige Saison-Statistik bestätigt den optischen Eindruck dieses Spiels. Piszczek sprintet im Durchschnitt 28,3 mal im Spiel. Philipp Lahm nur 13,9 mal (Quelle: bundesliga.de).
Pässe von Lahm und Piszczek. - Quelle: Bundesliga.de
Im zweiten Schaubild sind die gespielten Pässe abgebildet. Hier sieht man die enorme Aktivität von Philipp Lahm als Anspielstation und Spielgestalter. Die Statistik bestätigt das Beispiel. Lahm hat im Durchschnitt 90,9 Ballkontakte im Spiel, während Piszczek bei 69 liegt. Lahm spielt im Schnitt 60,8 Pässe pro Partie, Piszczek nur 34,4 Pässe (Quelle: bundesliga.de).
Statistische Daten: Philipp Lahm und Lukasz Piszczek. Quelle: Bundesliga.de
Durchschnittswerte dieser Saison (nur Spiele über 90 Minuten gewertet). Quelle: bundesliga.de

Fazit: Der Vergleich von Lukasz Piszczek mit Philipp Lahm zeigt, dass die beiden Spieler ihre Position unterschiedlich interpretieren. Das liegt zum einen an ihren individuellen Stärken, aber vor allem ist es der Spielweise ihres Teams geschuldet.

Am Beispiel Lahm/Piszczek sieht man die taktische Bandbreite, in der Trainer die Position des Außenverteidigers interpretieren können. Als erste Anspielstation im Spielaufbau (Lahm), oder als hoch stehender Außenverteidiger, der Druck auf den Ball ausübt und bei Ballgewinn den Sprint an der Linie sucht (Piszczek).

Der Trainer trifft, unter Berücksichtigung der individuellen Stärken, die Entscheidung, wie der Spieler den vorhandenen Raum bespielen soll. Piszczek zum Beispiel ist extrem schnell, schlägt gute Flanken. Er passt perfekt in das System von Jürgen Klopp, in dem die Arbeit gegen den Ball enorm wichtig ist. Gewinnt der BVB den Ball, sprintet Piszczek in den Raum auf dem Flügel und seine Mitspieler, die den Laufweg kennen, können blitzschnell umschalten. „Der Laufweg bestimmt den Pass und nicht umgekehrt“, sagte Jogi Löw einst treffend.

Philipp Lahm ist extrem passsicher und schaltet sich dosiert in die Offensive ein. Gerade wenn vor ihm die defensivschwächeren Arjen Robben oder Franck Ribéry spielen, agiert Lahm eher absichernd. Da der FC Bayern gewöhnlich viel Ballbesitz hat, kommt Lahm eine wichtige Position in der Ballverteilerrolle und Spielverlagerung zu. Er schaltet sich zudem mit Doppelpässen in das Offensivspiel ein, oder flankt aus dem Halbfeld.

Der letzte Gedanke: Halten wir fest: Der Raum auf dem Flügel ist zu groß, um von einem Spieler erschöpfend bearbeitet werden zu können. Auf den Punkt gebracht: Ein Spieler kann ja nicht überall sein. Ein kompletter Außenverteidiger muss sich also dosiert in die Offensive einschalten. Entscheidend sind dabei das Spielsystem des eigenen Teams und die individuellen Stärken des Außenverteidigers.

Dem natürlichen Mangel an Spielern mit linkem Fuß könnte man durch die Förderung von inversen Außenverteidigern begegnen. Philipp Lahm hat jahrelang bewiesen, dass ein Rechtsfuß eine Option für der linke Seite ist. Allerdings scheint auch ein Umdenken der Medien und Fans nötig zu sein.

Die Ansprüche an diese Position sind riesig. Eine eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Sollte sich die Erwartungshaltung verändern und Spieler dieser Position mehr Zeit zur Entwicklung bekommen, gehören vielleicht bereits Spieler wie Sebastian Jung, Bastian Oczipka, Sead Kolasinac oder Oliver Sorg zu den kommenden Stars der deutschen Nationalmannschaft. Dann hätte die DFB-Elf zumindest mehr Hoffnungsträger auf dieser Position als François Hollande zweite Vornamen.