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Bayern vs. BVB: Trainer, Tempo, Trennung

Seit Wochen beherrscht ein Transfergerücht die Berichterstattung über den FC Bayern und Borussia Dortmund. Ist es dann journalistische Sorgfaltspflicht oder Einfallslosigkeit, wenn der Sky-Moderator vor dem Spiel alle Verantwortlichen über eben dieses Gerücht ausfragt, obwohl erstens die inhaltlosen Antworten feststehen (auch Manager Zorcs Aussage war letztlich nicht neu) und es zweitens deutlich spannendere Fragen vor einem solchen Topspiel gibt?

Und auch nach dem insgesamt verdienten 1:0-Sieg der Bayern gibt es viele Themen, die über den Bayern-Jubel oder das Zusammenstellen von zufriedenen Hoeneß-Zitaten hinausgeht. Wir analysieren die taktischen Feinheiten des Spiels, stellen einen durchaus interessanten Spielervergleich hinten an und prophezeien Arjen Robben eine schwierige Zeit.

Jürgen Klopp ist … flexibler geworden

Bis zum Beginn dieser Saison, die immer mehr zum rot-weißen Triumphzug wird, hatte Jupp Heynckes das Image eines verwaltenden Trainers. Bereits bestehende Taktiken oder Spielideen fortführen, mit dem vorhandenen Spielermaterial das Optimum herausholen – das waren die Qualitäten des mittlerweile 67-Jährigen, die auch gewisse Erfolge garantierten.

Heynckes stand aber nicht dafür, eigene Ideen zu entwickeln oder einer Mannschaft seinen Stil zu vermitteln. Kurz vor der Rente hat Heynckes nun aber neue Wege bestritten und die Bayern damit zum wohl heißesten Team in Europa gemacht.

Ob der BVB dabei als Anschauungsunterricht herhalten musste ist nicht entscheidend. Letztlich hat Heynckes mit seinen Transfer-Entscheidungen und den taktischen Umstellungen – das entscheidende Wort heißt Gegenpressing – alles richtig gemacht.

Diese Maßnahmen waren auch verantwortlich für die erstaunlich dominante erste Halbzeit der Bayern. Mario Mandzukic glänzte als lauf- und zweikampfstarke Gegenpressing-Speerspitze. Bastian Schweinsteiger und Javier Martinez harmonierten glänzend und schoben ständig von hinten an. Dante war nicht nur defensiv stark, über seine langen Pässe staunen sie in Mönchengladbach noch heute. Und das Tor durch Robben entstand nach Gegenpressing, auch wenn der indisponierte Marcel Schmelzer den Ball hätte klären können.

Die einseitigen ersten 45 Minuten wurden aber auch durch die falsche Ausrichtung der Dortmunder begünstigt. BVB-Trainer Jürgen Klopp entschied sich für ein 4-5-1, das in bestimmten Phasen zu einem 4-3-2-1 wurde. Mit der Hereinnahme von Kevin Großkreutz wollte Klopp das Mittelfeld kompakter und laufstärker machen, doch diese Maßnahme spielte Bayern in die Karten und ließ das eigene Offensiv-Potential bereits im Keim ersticken. Ohne den erkrankten Mats Hummels fehlte in diesem 4-5-1 der spielmachende Innenverteidiger, Felipe Santana und Neven Subotic konnten diese Rolle nie ausfüllen.

In den ersten 45 Minuten wurde somit auch Klopp vorgeführt. Heynckes profitiert in dieser Saison vom deutlich besseren Kader, von den anders gelagerten finanziellen Mitteln der Bayern ganz zu schweigen, doch konnte er dem BVB auch taktisch die Stirn bieten. Doch auch Klopp hat sich weiterentwickelt, taktische Flexibilität innerhalb eines Spiel war bisher nicht seine Stärke.

Wenn sich Klopp, wie in der Hinrunde gegen den FC Schalke, mal in der taktischen Trickkiste vergreift, oder, wie gegen Wolfsburg und im Rückspiel gegen den HSV, durch Platzverweise die Ordnung im Spiel des BVB verloren geht, schaffte es die Borussia bisher nicht, auf diese Störfaktoren zu reagieren.

Das war in München nun anders. Klopp stellte sein Team in der Pause völlig neu ein. Aus dem 4-5-1 wurde das Champions League erprobte 4-3-3, das erst mit der Einwechslung von Jakub Blaszczykowski für Großkreutz so richtige funktionieren konnte. Die im Aufbau überforderten Innenverteidier Santana und Subotic wurden von den abkippenden Sechsern Ilkay Gündogan oder Sven Bender im Spielaufbau unterstützt und Mario Götze bekam im Zentrum die nötigen Freiheiten.

Damit war das Spiel nun ausgeglichen, die Bayern wirkten durchaus beeindruckt, zogen sich zurück und das Gegenpressing verlor an Wirkung. Allerdings fehlten dem BVB auch die großen Torchancen, ein wirkliches Comeback konnte so nicht vollzogen werden. Das taktische Niveau dieser Partie war extrem hoch, nicht umsonst findet dieses Duell auch in der internationalen Presse eine große Beachtung. Mit Jupp Heynckes und Jürgen Klopp als immer besser werdende Taktiker – was international beide Teams zu Mitfavoriten auf eine Reise ins Wembley-Stadion machen.

Der Vergleich Schweinsteiger/Gündogan ist … unfair

Ob Expertenmeinungen von Günter Netzer oder Olaf Thon überhaupt Gehör geschenkt werden sollten, hätte eine eigene Analyse, oder besser: eine eigene Glosse verdient. Immerhin haben die beiden Alt-Internationalen mit ihren Äußerungen zu Bastian Schweinsteiger für einen interessanten Denkanstoß gesorgt: Ist Ilkay Gündogan, unbestritten ein, wenn nicht der Schlüsselspieler im System des BVB, mittlerweile so gut, dass er Schweinsteiger in der Nationalmannschaft verdrängen könnte?

Es lag natürlich auf der Hand, das gestrige Spiel als Maßstab für eine Bewertung dieser Frage heranzuziehen. Dann hätte Schweinsteiger seinen ohnehin vorhandenen Stammplatz im DFB-Team zementiert.

Und tatsächlich fehlen Gündogan noch ein paar Dinge, um Schweinsteiger noch vor der WM 2014 aus dem Zentrum zu verdrängen. Im Zweikampf muss Gündogan noch robuster werden (schlechteste Zweikampfquote aller defensiven Mittelefdspieler im Spiel gegen Bayern), für einen zentralen Mittelfeldspieler ist er nicht torgefährlich genug und bei Pässen entscheidet er sich noch zu häufig die für risikoreiche Variante.

Gegen die Bayern wurde Gündogan jedoch zum taktischen Opfer der Kloppschen Ideen. Im ersten Durchgang begann Gündogan im halbrechten Mittelfeld, dabei fehlten ihm offensiv die Anspielstationen. Nach der Pause war das Abkipp-Verbot zwar aufgehoben, doch im 4-3-3 übernahm Götze die Rolle des Taktgebers und wieder konnte Gündogan seine Qualitäten nicht zeigen. Somit gewann Schweinsteiger das statistische Rennen (14:8-Zweikämpfe, 95:61-Ballkontakte, 4:0-Torschussvorlagen) um Längen – Gündogan waren aber die Hände gebunden. gegendenball.com widmet sich diesem Vergleich aber zu einem späteren Zeitpunkt der Saison.

Arjen Robben ist … ein Auslaufmodell

Diese Aussage mag angesichts des Siegtores von Robben durchaus provokant oder gar hanebüchen klingen. Oberflächlich betrachtet war Robben wegen des sehenswerten Treffers gar der Matchwinner.

Trotzdem wird dieses Spiel am Status von Robben nichts verändern. Bisher behielt der Niederländer seine Unzufriedenheit weitestgehend für sich, mit jedem guten Spiel werden seine Ansprüche aber wachsen. Was dann passiert, ist reine Spekulation, folgende Punkte sprechen jedoch gegen einen baldigen Aufstieg zum Stammspieler:

  • Die Form seiner Mitspieler: Robben konkurriert mit Thomas Müller, Toni Kroos und Franck Ribéry um die drei Plätze in der offensiven Dreierreihe. Doch wer sollte von diesem Trio weichen? Müller ist Topscorer der Bayern, Ribéry hat mit seinen Dribblings ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal und auch Kroos ist Sechser, Achter und Zehner in einer Person.
  • Robbens Defensivschwächen: Gegen den BVB zeigte er ein gutes Spiel. Robben grätschte, machte weite Wege nach hinten und war an vielen Offensivaktionen beteiligt. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Robben taktische Fehler begeht oder seinen Außenverteidiger ein, zwei Mal pro Spiel im Stich lässt. Dortmund Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek ließ diese Möglichkeiten allerdings ungenutzt.
  • Robbens Theatralik: Eine Rückschau auf das Match in der Champions League gegen Arsenal zeigt, dass Robben bei allen Teamgedanken ein Egozentriker bleibt. Nach einem Ballverlust war Robben nur mit sich und seinen Gesten beschäftigt, die Unterstützung für Philipp Lahm war völlig vergessen.
  • Robbens Qualitäten: Die Qualitäten von Arjen Robben sind bekannt. Er kann mit dem Ball eng am Fuß hohes Tempo gehen, er zieht meist nach Innen und sucht mit dem starken linken Fuß den Abschluss. Dabei ist er eine One-Man-Show. Zweistellige Vorlagenstatistiken, wie sie Ribery fast jedes Jahr liefert – Fehlanzeige. Robben ist ein spezieller Spieler, den man sich auf Kosten taktischer und mannschaftsdienlicher Geschlossenheit leisten können muss.

Robbens Vertrag läuft noch bis 2015, ein dauerhaftes Reservistendasein mit einigen Rotationseinsätzen wird wohl zu einer vorzeitigen Trennung führen, wie bei Auslaufmodellen üblich.

Dante ist … der beste Bayern-Einkauf seit Jahren

Betrachtet man die Einkaufspolitik des FC Bayern der vergangenen sechs Jahre, so ist kein einheitliches Bild zu erkennen:

Da gibt es die teure Fraktion um Franck Ribéry, Mario Gomez, Manuel Neuer oder aktuell Javier Martinez – alles erwartbar funktionierende Transfers. Weniger glücklich wurden die Bayern mit teuren Talenten wie Marcell Jansen, Breno oder Jerome Boateng. Günstige Talente wie Jan Schlaudraff, Alexander Baumjohann, Nils Petersen oder Takashi Usami hatten es noch schwerer. Und dann gab es echte Überraschungen wie Luca Toni, Hans Jörg Butt, Ivica Olic oder David Alaba, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Aber nicht erst seit gestern ist über all diesen klangvollen Namen Dante anzusiedeln. Der Brasilianer kam für 4,7 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach nach München, war als Backup hinter Holger Badstuber und Boateng eingeplant und hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Abwehrchef aufgeschwungen.

Gegen den BVB zeigte Dante erneut, warum er mittlerweile sogar sein Debüt in der Selecao feiern durfte. Dante gewann acht seiner elf Zweikämpfe, antizipierte viele Laufwege in Dortmunds Offensive, war extrem passsicher (83 Prozent kamen zum Mitspieler), schlug starke Diagonalbälle auf Thomas Müller und hätte nach 80 Minuten mit einer Doppel-Kopfballchance fast für die Entscheidung gesorgt.

Während die Dortmunder den Ausfall von Hummels nie kompensieren konnten, nahm Dante, und jetzt hätten wir den Namen doch fast genannt, den Sturm des BVB komplett aus der Partie. Welches Trikot dieser Stürmer in der kommenden Saison trägt, war an diesem Abend doch nun wirklich egal.