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Die unüblichen Verdächtigen

Robert Lewandowski wird Borussia Dortmund verlassen. Der Zeitpunkt ist zwar weiterhin offen, die Verlängerung des bis 2014 datierten Vertrags schlossen die Verantwortlichen des BVB aber bereits aus.

Gerüchte über mögliche Nachfolger gibt es schon länger, die Namen werden Woche für Woche wiederholt: Edin Dzeko war dem BVB ein auffällig lautes Dementi wert, aus der Bundesliga werden Mame Diouf und Stefan Kießling gehandelt, wobei Diouf am ehesten zu den Dortmundern passen würde. Und die Kombination aus Alter, Ablöse und Qualität sprechen unserer Ansicht nach nicht für eine Verpflichtung von Alvaro Negredo (FC Sevilla/27), Kevin Gameiro (PSG/25) oder Bafetimbi Gomis (Olympique Lyon/27).

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigte bereits eine Verstärkung des Kaders in der Tiefe an, das spricht für mindestens zwei neue Stürmer – wenn Lewandowski denn gehen sollte. Gegen den Ball schlägt deshalb zehn Namen vor, die auf einer guten Scouting-Liste nicht fehlen sollten. Dabei haben wir nicht nur klassische Stoßstürmer gesucht, Trainer Jürgen Klopp denkt über eine Systemumstellung hin zum 4-3-3 mit falscher Neun nach. Hier ist für jeden etwas dabei:

Andreas Cornelius (20) – FC Kopenhagen

Saison 2012/13: 35 Spiele-18 Tore-5 Assists
Saison 2011/12: 2-0-0
Marktwert: 1,75 Millionen Euro / Vertrag bis 2016 (transfermarkt.de)

In England wird der dänische Stürmer Andreas Cornelius als neuer Nicklas Bendtner gehandelt. Kein allzu schmeichelhafter Vergleich, wenn man die ins Stocken geratene Karriere Bendtners betrachtet. Cornelius (1,93 Meter) hat eine ähnliche Statur wie Bendtner (1,94), beide gelten als kopfballstark und Cornelius ist am Wochenende in der WM-Qualifikation erster Kandidat, um Bendtner im Sturm der dänischen Nationalmannschaft zu ersetzen. Die Vergleiche sind somit nachvollziehbar. Derzeit führt Cornelius (Video: Seine besten Tore) die Torschützenliste in Dänemark mit 16 Toren an, zudem gilt er – anders als Bendtner – als absoluter Teamplayer, der sich immer in den Dienst der Mannschaft stellt.

Pro BVB: Kopfball, Physis, Torabschluss, Alter
Contra BVB: Unerfahrenheit, Schwache Liga (Umstellung), Namhafte Konkurrenz (FC Arsenal)
Fazit: Außenseiter-Tipp, der Zeit bräuchte. Idealer dritter Stürmer.

Heung-Min Son (20) – Hamburger SV

Saison 2012/13: 27-9-1
Saison 2011/12: 30-5-1
Marktwert: 13 Millionen Euro / Vertrag bis 2014

Besser hätte der Präsentierteller nicht geschmückt sein können: In den beiden Spielen gegen den BVB erzielte Heung-Min Son drei Tore und bescherte seinem HSV damit sechs nicht eingeplante Punkte. Vor allem der 2:1-Führungstreffer in Dortmund stellte die Qualitäten des Südkoreaners unter Beweis: Langer Ball aus der Abwehr, Son gewinnt den Zweikampf gegen Hummels, marschiert die rechte Seite entlang, am Sechzehner zieht er in die Mitte und lässt Weidenfeller mit seinem starken linken Fuß keine Chance. Son (Video: Tore beim HSV) kann Spiele im Alleingang entscheiden, er ist flexibel einsetzbar und seine Abschlussquote hat sich stark verbessert. Son verliert jedoch zu viele Zweikämpfe und im taktischen Bereich müsste ihm Klopp viel beibringen.

Pro BVB: Torabschluss, Schusstechnik, Schnelligkeit, Bundesliga-Erfahrung, Vielseitigkeit, Alter
Contra BVB: Defensivschwächen, Taktisches Verständnis, Konstanz, Namhafte Konkurrenz (FC Arsenal, FC Liverpool)
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz, als Nachfolger für den im Winter gewechselten Ivan Perisic aber die richtige Wahl.

Jackson Martinez (26) – FC Porto

Saison 2012/13: 32-28-2
Saison 2011/12 (Chiapas/Mexiko): 35-20-6
Marktwert: 8,5 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Beim Thema Scouting macht dem FC Porto in Europa kein Club etwas vor. Mit dem Brasilianer Hulk verließ Porto nach Falcao und Lisandro Lopez zum wiederholten Male für viel Geld ein Topstürmer, deren Nachfolger schlugen aber sofort ein. Das gilt auch für den bis dahin nicht mal Insidern bekannten Jackson Martinez, der in Mexiko sein Geld verdiente. Seine Torquote ist für das erste Jahr in einer europäischen Liga erstaunlich, auch in der Champions League erzielte Martinez bis zum Ausscheiden von Porto drei Treffer. Allein wegen seiner Spielintelligenz und seiner Beweglichkeit – welcher Stürmer bekommt schon den Spitznamen Cha Cha Cha? – würde der Kolumbianer zum BVB passen. Allerdings ist Porto nicht dafür bekannt, Spieler für geringe Ablösesummen gehen zu lassen.

Pro BVB: Kopfball, Torabschluss, Spielverständnis, Physis, Wendigkeit
Contra BVB: Taktisches Verständnis, Ausstiegsklausel über 40 Millionen, Alter
Fazit: Finanziell für Dortmund nicht darstellbar.

Leo Baptistao (20) – Rayo Vallecano

Saison 2012/13: 24-7-7
Marktwert: 6 Millionen Euro / Vertrag bis 2015

Bereits mit 16 Jahren wagte Leo Baptistao den Sprung nach Europa. Bei Rayo Vallecano wurde er aber zunächst durch eine Hepatitis-Erkrankung und in der vergangenen Saison durch einen Schlüsselbein-Bruch zurückgeworfen. In dieser Spielzeit profitierte Leo von Michus Weggang und sicherte sich einen Stammplatz. Mit seiner Spielweise wäre er eine starke Ergänzung zu Mario Götze und Marco Reus. Leo kann gut kombinieren, er sucht aber auch immer wieder erfolgreich das Dribbling. Bei Rayo hat er überwiegend als vorderste Sturmspitze gespielt, anders als Lewandowski kann er aber den Ball im Zweikampf nicht so gut behaupten. Der Brasilianer besitzt eine Ausstiegsklausel über acht Millionen Euro, in spanischen Medien wird schon länger über einen Wechsel zu Atlético Madrid spekuliert.

Pro BVB: Spielverständnis, Technik, Kurzpassspiel, Dribbling, Schnelligkeit, Balleroberung, Alter
Contra BVB: Torabschluss, Taktisches Verständnis, Zweikämpfe, Namhafte Konkurrenz (Manchester United, Atlético)
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz. Die Ablöse wäre hoch, aber nicht zu hoch, um Leo die benötigte Eingewöhnungsphase einzuräumen.

Luc Castaignos (20) – Twente Enschede

Saison 2012/13: 37-10-4
Saison 2011/12 (Inter Mailand): 8-1-0
Marktwert: 6 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Der nächste Youngster in unserer Scouting-Liste: Luc Castaignos galt in den Niederlanden schon früh als großes Talent. 2008 unterschrieb er als 16-Jähriger seinen ersten Profivertrag bei Feyenoord Rotterdam. Ein Jahr später spielte er sich mit überzeugenden Leistungen bei der U-17-EM in Deutschland in die Notizbücher vieler Vereine. Doch den verheißungsvollen Start konnte Castaignos zunächst nicht bestätigen. Bei Feyenoord konnte er sich nicht durchsetzen und auch den Versuch bei Inter Mailand brach der Stürmer nach einem Jahr ab. Seit dieser Saison spielt er wieder in der Eredivisie, bei Twente Enschede eroberte er sich mit zehn Pflichtspieltoren einen Stammplatz. Castaignos (Video: Seine schönsten Tore) gilt als schneller und kopfballstarker Stürmer, der das Zeug zum echten Torjäger hat.

Pro BVB: Spielverständnis, Torabschluss, Schnelligkeit, Kopfball, Auslandserfahrung, Alter
Contra BVB: Konstanz, Taktisches Verständnis, Zweikämpfe
Fazit: Ein Außenseiter, der mit seinen Qualitäten zum Geheimtipp werden könnte. Kann Lewandowski aber nicht allein ersetzen.

Mathis Bolly (22) – Fortuna Düsseldorf

Saison 2012/13: 3-2-0
Saison 2011/12 (Lilleström): 28-4-4
Marktwert: 600.000 Euro / Vertrag bis 2016

In der Winterpause kam Mathis Bolly aus Lilleström zur Fortuna nach Düsseldorf und bekam aufgrund seiner Schnelligkeit vom Boulevard gleich den Spitznamen „Bolt“ verpasst. Muskuläre Probleme verhinderten zwar einen schnellen Einstieg in die Bundesliga, gegen den FC Bayern und den VfL Wolfsburg legte Bolly mit zwei Toren aber ein Tempo vor, wie es norwegische Experten von ihm gewohnt sind. In Düsseldorf spielt er zentraler als noch in Lilleström, wo er überwiegend als Linksaußen aufgestellt wurde. Das erklärt auch seine durchschnittliche Torquote, die Abschlüsse gegen Bayern und Wolfsburg (Video: Bollys Tor gegen Bayern) zeigen aber, dass er zentraler spielen kann.

Pro BVB: Schnelligkeit, Tempo-Dribbling, Physis, Torabschluss
Contra BVB: Unerfahrenheit, Spielpraxis
Fazit: Nach zwei guten Spielen eine verfrühte Idee. Für 2014 könnte Bolly aber ein Kandidat für die Borussia werden.

Mauro Icardi (20) – Sampdoria

Saison 2012/13: 22-9-2
Saison 2011/12: 2-1-0
Marktwert: 10 Millionen Euro /Vertrag bis 2015

Mauro Icardi bringt ein Gütesiegel mit, das ihn für viele Vereine in Europa interessant macht. Der Argentinier wurde in der Jugendakademie des FC Barcelona ausgebildet, bevor er nach Italien zu Sampdoria wechselte. In seiner ersten Saison als vollwertiges Kadermitglied der Blucerchiati erkämpfte Icardi sich schnell einen Stammplatz, den er mit sehenswerten Toren gegen Juventus und die Roma festigte. Icardi (Video: Seine Tore in der Serie A) gilt als echter Stoßstürmer, der den Ball gut behaupten und ablegen kann, einen starken Abschluss hat, mit seiner Schnelligkeit aber auch für das Konterspiel geeignet ist. Sampdoria will 15 Millionen Euro für Icardi haben.

Pro BVB: Torabschluss, Physis, Kopfball, Ballverteilung, Alter
Contra BVB: Rückwärtsbewegung, Namhafte Konkurrenz (Inter Mailand, Manchester City)
Fazit: Ein echter Lewandowski-Ersatz, der aber an seinen defensiven Qualitäten arbeiten müsste. Die hohe Ablöse könnte die Dortmunder abschrecken.

Michu (26) – Swansea City

Saison 2012/13: 36-19-5
Saison 2011/12 (Rayo): 39-17-4
Marktwert: 13 Millionen Euro / Vertrag bis 2016

Michu ist der lebende Beweis, dass Scouting auch in den großen europäischen Ligen erfolgreich sein kann, ohne überteuerte Ablösesummen zahlen zu müssen. Der Spanier wechselte vor dieser Saison für 2,5 Millionen Euro von Rayo Vallecano zu Swansea City und avancierte zum Überraschungsspieler der Premier League. Die Schwäne stehen im gesicherten Mittelfeld, spielen nach dem Sieg im Ligapokal im nächsten Jahr Europa League und Michu hat mit 19 Toren einen entscheidenden Anteil. Michu (Video: Seine Tore für Swansea) ist kein klassischer Mittelstürmer, auch wenn er bei Swansea häufig ganz vorne spielen musste. Er kommt gerne aus der Tiefe oder weicht auf die Flügel aus, im Strafraum schließt er dann aber konsequent ab.

Pro BVB: Spielverständnis, Kurzpassspiel, Kopfball, Laufleistung, Torabschluss
Contra BVB: Gelernter Mittelfeldspieler, Alter
Fazit: Kein unmittelbarer Lewandowski-Ersatz und als ergänzender Stürmer wohl zu teuer.

Philipp Hosiner (23) – Austria Wien

Saison 2012/13: 33-32-6
Saison 2011/12 (Admira Wacker): 36-18-4
Marktwert: 2 Millionen Euro / Vertrag bis 2015

Die Austria ist Philipp Hosiners dritter Verein in drei Jahren. Das mögliche Image eines Wandervogels war Hosiner dabei egal, in seiner Zeit bei 1860 München und dem SV Sandhausen hatte der Stürmer schon zu viel Zeit verschenkt. Bei Admira Wacker etablierte er sich als Erstliga-Stürmer und die Austria war der nächste richtige Schritt. Hosiner (Video: Die Hinrunde bei Austria) will in Deutschland einen zweiten Versuch starten, „irgendwann würde ich gerne nochmal zurückgehen und mich dort durchsetzen“. Der BVB könnte jedoch eine Nummer zu groß sein. Auch wenn er seine Abschlussqualitäten bereits seit Jahren unter Beweis stellt und als vielseitiger Angreifer gilt, der auch auf Außen oder hängend spielen kann. Gerade aus taktischer Sicht bräuchte Hosiner eine längere Anlaufphase.

Pro BVB: Torabschluss, Technik, Schnelligkeit, Spielverständnis, Konstanz
Contra BVB: Defensivschwächen, Zweikämpfe, Schwache Liga (Umstellung)
Fazit: Hosiner soll bereits auf der Scouting-Liste des HSV und in Mönchengladbach stehen. Beim BVB dürfte er aber nur ein Außenseiter sein.

Viktor Fischer (18) – Ajax Amsterdam

Saison 2012/13: 27-8-5
Marktwert: 2,5 Millionen Euro / Vertrag bis 2017

Die Jugendakademie von Ajax Amsterdam ist so legendär wie erfolgreich. Mit Viktor Fischer ist in dieser Saison der nächste Jungstar in den Kader der Profimannschaft aufgerückt und hat bereits viel Spielpraxis sammeln dürfen. Fischer wird als einer der talentiertesten Offensivspieler in Europa gehandelt. Der Däne, vor zwei Jahren vom FC Midtjylland nach Amsterdam gewechselt, ist mit seiner Dynamik, den technischen Fähigkeiten und der Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor vielseitig einsetzbar, die Rolle des Stoßstürmers behagt Fischer (Video: Das dänische Wunderkind) dabei am wenigsten. Lange kann Ajax seine Toptalente selten halten, das Beispiel Christian Eriksen zeigt aber, dass auch ein längerer Verbleib in der Eredivisie für das Interesse der Konkurrenz und die Entwicklung des Marktwerts nicht schädlich sein mus.

Pro BVB: Torabschluss, Dribbling, Spielverständnis, Alter
Contra BVB: Unerfahrenheit, Position, Namhafte Konkurrenz (Man United, Arsenal)
Fazit: Dem Jungspund auf unserer Scouting-Liste würde ein weiteres Jahr bei Ajax gut tun, solche Spielanteile könnte ihm der BVB nicht garantieren.

Bayern vs. BVB: Trainer, Tempo, Trennung

Seit Wochen beherrscht ein Transfergerücht die Berichterstattung über den FC Bayern und Borussia Dortmund. Ist es dann journalistische Sorgfaltspflicht oder Einfallslosigkeit, wenn der Sky-Moderator vor dem Spiel alle Verantwortlichen über eben dieses Gerücht ausfragt, obwohl erstens die inhaltlosen Antworten feststehen (auch Manager Zorcs Aussage war letztlich nicht neu) und es zweitens deutlich spannendere Fragen vor einem solchen Topspiel gibt?

Und auch nach dem insgesamt verdienten 1:0-Sieg der Bayern gibt es viele Themen, die über den Bayern-Jubel oder das Zusammenstellen von zufriedenen Hoeneß-Zitaten hinausgeht. Wir analysieren die taktischen Feinheiten des Spiels, stellen einen durchaus interessanten Spielervergleich hinten an und prophezeien Arjen Robben eine schwierige Zeit.

Jürgen Klopp ist … flexibler geworden

Bis zum Beginn dieser Saison, die immer mehr zum rot-weißen Triumphzug wird, hatte Jupp Heynckes das Image eines verwaltenden Trainers. Bereits bestehende Taktiken oder Spielideen fortführen, mit dem vorhandenen Spielermaterial das Optimum herausholen – das waren die Qualitäten des mittlerweile 67-Jährigen, die auch gewisse Erfolge garantierten.

Heynckes stand aber nicht dafür, eigene Ideen zu entwickeln oder einer Mannschaft seinen Stil zu vermitteln. Kurz vor der Rente hat Heynckes nun aber neue Wege bestritten und die Bayern damit zum wohl heißesten Team in Europa gemacht.

Ob der BVB dabei als Anschauungsunterricht herhalten musste ist nicht entscheidend. Letztlich hat Heynckes mit seinen Transfer-Entscheidungen und den taktischen Umstellungen – das entscheidende Wort heißt Gegenpressing – alles richtig gemacht.

Diese Maßnahmen waren auch verantwortlich für die erstaunlich dominante erste Halbzeit der Bayern. Mario Mandzukic glänzte als lauf- und zweikampfstarke Gegenpressing-Speerspitze. Bastian Schweinsteiger und Javier Martinez harmonierten glänzend und schoben ständig von hinten an. Dante war nicht nur defensiv stark, über seine langen Pässe staunen sie in Mönchengladbach noch heute. Und das Tor durch Robben entstand nach Gegenpressing, auch wenn der indisponierte Marcel Schmelzer den Ball hätte klären können.

Die einseitigen ersten 45 Minuten wurden aber auch durch die falsche Ausrichtung der Dortmunder begünstigt. BVB-Trainer Jürgen Klopp entschied sich für ein 4-5-1, das in bestimmten Phasen zu einem 4-3-2-1 wurde. Mit der Hereinnahme von Kevin Großkreutz wollte Klopp das Mittelfeld kompakter und laufstärker machen, doch diese Maßnahme spielte Bayern in die Karten und ließ das eigene Offensiv-Potential bereits im Keim ersticken. Ohne den erkrankten Mats Hummels fehlte in diesem 4-5-1 der spielmachende Innenverteidiger, Felipe Santana und Neven Subotic konnten diese Rolle nie ausfüllen.

In den ersten 45 Minuten wurde somit auch Klopp vorgeführt. Heynckes profitiert in dieser Saison vom deutlich besseren Kader, von den anders gelagerten finanziellen Mitteln der Bayern ganz zu schweigen, doch konnte er dem BVB auch taktisch die Stirn bieten. Doch auch Klopp hat sich weiterentwickelt, taktische Flexibilität innerhalb eines Spiel war bisher nicht seine Stärke.

Wenn sich Klopp, wie in der Hinrunde gegen den FC Schalke, mal in der taktischen Trickkiste vergreift, oder, wie gegen Wolfsburg und im Rückspiel gegen den HSV, durch Platzverweise die Ordnung im Spiel des BVB verloren geht, schaffte es die Borussia bisher nicht, auf diese Störfaktoren zu reagieren.

Das war in München nun anders. Klopp stellte sein Team in der Pause völlig neu ein. Aus dem 4-5-1 wurde das Champions League erprobte 4-3-3, das erst mit der Einwechslung von Jakub Blaszczykowski für Großkreutz so richtige funktionieren konnte. Die im Aufbau überforderten Innenverteidier Santana und Subotic wurden von den abkippenden Sechsern Ilkay Gündogan oder Sven Bender im Spielaufbau unterstützt und Mario Götze bekam im Zentrum die nötigen Freiheiten.

Damit war das Spiel nun ausgeglichen, die Bayern wirkten durchaus beeindruckt, zogen sich zurück und das Gegenpressing verlor an Wirkung. Allerdings fehlten dem BVB auch die großen Torchancen, ein wirkliches Comeback konnte so nicht vollzogen werden. Das taktische Niveau dieser Partie war extrem hoch, nicht umsonst findet dieses Duell auch in der internationalen Presse eine große Beachtung. Mit Jupp Heynckes und Jürgen Klopp als immer besser werdende Taktiker – was international beide Teams zu Mitfavoriten auf eine Reise ins Wembley-Stadion machen.

Der Vergleich Schweinsteiger/Gündogan ist … unfair

Ob Expertenmeinungen von Günter Netzer oder Olaf Thon überhaupt Gehör geschenkt werden sollten, hätte eine eigene Analyse, oder besser: eine eigene Glosse verdient. Immerhin haben die beiden Alt-Internationalen mit ihren Äußerungen zu Bastian Schweinsteiger für einen interessanten Denkanstoß gesorgt: Ist Ilkay Gündogan, unbestritten ein, wenn nicht der Schlüsselspieler im System des BVB, mittlerweile so gut, dass er Schweinsteiger in der Nationalmannschaft verdrängen könnte?

Es lag natürlich auf der Hand, das gestrige Spiel als Maßstab für eine Bewertung dieser Frage heranzuziehen. Dann hätte Schweinsteiger seinen ohnehin vorhandenen Stammplatz im DFB-Team zementiert.

Und tatsächlich fehlen Gündogan noch ein paar Dinge, um Schweinsteiger noch vor der WM 2014 aus dem Zentrum zu verdrängen. Im Zweikampf muss Gündogan noch robuster werden (schlechteste Zweikampfquote aller defensiven Mittelefdspieler im Spiel gegen Bayern), für einen zentralen Mittelfeldspieler ist er nicht torgefährlich genug und bei Pässen entscheidet er sich noch zu häufig die für risikoreiche Variante.

Gegen die Bayern wurde Gündogan jedoch zum taktischen Opfer der Kloppschen Ideen. Im ersten Durchgang begann Gündogan im halbrechten Mittelfeld, dabei fehlten ihm offensiv die Anspielstationen. Nach der Pause war das Abkipp-Verbot zwar aufgehoben, doch im 4-3-3 übernahm Götze die Rolle des Taktgebers und wieder konnte Gündogan seine Qualitäten nicht zeigen. Somit gewann Schweinsteiger das statistische Rennen (14:8-Zweikämpfe, 95:61-Ballkontakte, 4:0-Torschussvorlagen) um Längen – Gündogan waren aber die Hände gebunden. gegendenball.com widmet sich diesem Vergleich aber zu einem späteren Zeitpunkt der Saison.

Arjen Robben ist … ein Auslaufmodell

Diese Aussage mag angesichts des Siegtores von Robben durchaus provokant oder gar hanebüchen klingen. Oberflächlich betrachtet war Robben wegen des sehenswerten Treffers gar der Matchwinner.

Trotzdem wird dieses Spiel am Status von Robben nichts verändern. Bisher behielt der Niederländer seine Unzufriedenheit weitestgehend für sich, mit jedem guten Spiel werden seine Ansprüche aber wachsen. Was dann passiert, ist reine Spekulation, folgende Punkte sprechen jedoch gegen einen baldigen Aufstieg zum Stammspieler:

  • Die Form seiner Mitspieler: Robben konkurriert mit Thomas Müller, Toni Kroos und Franck Ribéry um die drei Plätze in der offensiven Dreierreihe. Doch wer sollte von diesem Trio weichen? Müller ist Topscorer der Bayern, Ribéry hat mit seinen Dribblings ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal und auch Kroos ist Sechser, Achter und Zehner in einer Person.
  • Robbens Defensivschwächen: Gegen den BVB zeigte er ein gutes Spiel. Robben grätschte, machte weite Wege nach hinten und war an vielen Offensivaktionen beteiligt. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Robben taktische Fehler begeht oder seinen Außenverteidiger ein, zwei Mal pro Spiel im Stich lässt. Dortmund Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek ließ diese Möglichkeiten allerdings ungenutzt.
  • Robbens Theatralik: Eine Rückschau auf das Match in der Champions League gegen Arsenal zeigt, dass Robben bei allen Teamgedanken ein Egozentriker bleibt. Nach einem Ballverlust war Robben nur mit sich und seinen Gesten beschäftigt, die Unterstützung für Philipp Lahm war völlig vergessen.
  • Robbens Qualitäten: Die Qualitäten von Arjen Robben sind bekannt. Er kann mit dem Ball eng am Fuß hohes Tempo gehen, er zieht meist nach Innen und sucht mit dem starken linken Fuß den Abschluss. Dabei ist er eine One-Man-Show. Zweistellige Vorlagenstatistiken, wie sie Ribery fast jedes Jahr liefert – Fehlanzeige. Robben ist ein spezieller Spieler, den man sich auf Kosten taktischer und mannschaftsdienlicher Geschlossenheit leisten können muss.

Robbens Vertrag läuft noch bis 2015, ein dauerhaftes Reservistendasein mit einigen Rotationseinsätzen wird wohl zu einer vorzeitigen Trennung führen, wie bei Auslaufmodellen üblich.

Dante ist … der beste Bayern-Einkauf seit Jahren

Betrachtet man die Einkaufspolitik des FC Bayern der vergangenen sechs Jahre, so ist kein einheitliches Bild zu erkennen:

Da gibt es die teure Fraktion um Franck Ribéry, Mario Gomez, Manuel Neuer oder aktuell Javier Martinez – alles erwartbar funktionierende Transfers. Weniger glücklich wurden die Bayern mit teuren Talenten wie Marcell Jansen, Breno oder Jerome Boateng. Günstige Talente wie Jan Schlaudraff, Alexander Baumjohann, Nils Petersen oder Takashi Usami hatten es noch schwerer. Und dann gab es echte Überraschungen wie Luca Toni, Hans Jörg Butt, Ivica Olic oder David Alaba, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Aber nicht erst seit gestern ist über all diesen klangvollen Namen Dante anzusiedeln. Der Brasilianer kam für 4,7 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach nach München, war als Backup hinter Holger Badstuber und Boateng eingeplant und hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Abwehrchef aufgeschwungen.

Gegen den BVB zeigte Dante erneut, warum er mittlerweile sogar sein Debüt in der Selecao feiern durfte. Dante gewann acht seiner elf Zweikämpfe, antizipierte viele Laufwege in Dortmunds Offensive, war extrem passsicher (83 Prozent kamen zum Mitspieler), schlug starke Diagonalbälle auf Thomas Müller und hätte nach 80 Minuten mit einer Doppel-Kopfballchance fast für die Entscheidung gesorgt.

Während die Dortmunder den Ausfall von Hummels nie kompensieren konnten, nahm Dante, und jetzt hätten wir den Namen doch fast genannt, den Sturm des BVB komplett aus der Partie. Welches Trikot dieser Stürmer in der kommenden Saison trägt, war an diesem Abend doch nun wirklich egal.