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Goldene Generationen und goldene Himbeeren

Die U 21-Europameisterschaft ist der Nachfolgewettbewerb der U 23-EM und wird seit 1978 ausgetragen. Das Finale wurden bis 1992 in zwei Endspielen entschieden. Das Talent vieler späterer Stars blitzte hier zum ersten Mal auf, große Teams und goldene Generationen wurden hier geboren.

EM-TitelDas war zumindest die Erwartung, mit der ich mich dem Rückblick auf die früheren Turniersieger näherte. Doch neben bekannten Namen und goldenen Generationen habe ich auch viele abgestürzte Talente gefunden. Dazu Mannschaften, die trotz des großen Titels bei den Junioren nicht zur Frischzellenkur für den eigenen A-Kader wurden.

A Star was born: Anatolij Demjanenko

1980 gewann die UdSSR gegen die DDR den U 21-EM-Titel. Als bester Spieler wurde Anatolij Demjanenko ausgezeichnet. Der Innenverteidiger erinnert sich gern an diesen Titel. „Wir haben super zueinander gepasst und deshalb konnten wir später weitere internationale Erfolge einfahren.“ Es dauerte allerdings etwas, bis sich die mannschaftlichen Erfolge auf internationaler Ebene einstellten.

Die Mannschaft der UdSSR scheiterte bei der WM 1982 in der Zwischenrunde, bei der EM 1984 sogar in der Qualifikation an Portugal. Erst bei der WM 1986 und der darauf folgenden EM 1988 sollte sich der Erfolg einstellen. Mit dem berühmten Trainer Walerij Lobanowskyj erreichte man in Mexiko 1986 das Achtelfinale, wo man nach Verlängerung dem Überraschungsteam aus Belgien unterlag. Mit dabei waren drei Spieler aus der Finalmannschaft der U 21 von 1980.

Beim der EM 1988 in Deutschland erreichte man sogar das Finale, verlor gegen die Niederländer mit 0:2. Mit dabei erneut drei Spieler aus dem Siegerteam von 1980, so auch Anatolij Demjanenko, der 81 Länderspiele bestreiten sollte und mit Dynamo Kiew fünf Meisterschaften und vier Pokalsiege holte. Das Sieger-Team von 1980 war also keine goldene Generation, hatte aber dennoch zumindest einen großen Spieler hervorgebracht.

Englands goldene Himbeeren-Generation

England gewann die Turniere 1982 und 1984. Man möchte meinen, der Grundstock für eine goldene Generation und eine Dekade der Unschlagbarkeit sei gelegt worden. Doch dem war nicht so. Aus dem 82er Team waren es nur zwei Spieler, die sich auch im A-Kader der Three Lions wiederfanden. Terry Fenwick (damals bei QPR), der immerhin auf 20 Länderspiele kam und Sammy Lee (Liverpool), der 14 Mal für England berufen wurde.

Der erneute Final-Erfolg 1984 bedeutete immerhin die sofortige Beförderung von elf Spielern in das A-Team Englands. Allerdings waren Englands junge Löwen von 1984 größtenteils nur Eintagsfliegen unter dem Wappen der Three Lions. Sechs Spieler kamen maximal nicht über drei Länderspiele hinaus. Gary Stevens (Tottenham) stand immerhin sieben Mal und Mark Chamberlain (Stoke) acht Mal im A-Kader. Bekannter noch sind Dave Watson (Norwich), der 12 Länderspiele absolvierte und Steve Hodge (Nottingham) mit 24 Länderspielen.

Und dann war da noch ein gewisser Mark Hateley der 22 Tore für den damaligen Zweitligisten Portsmouth erzielt hatte und zum besten Spieler der U 21-EM 1984 gewählt wurde. Der kopfballstarke Stürmer gehört bis heute zu den erfolgreichsten U21-Torschützen Englands (acht Treffer in zehn Einsätzen).

Mark Hateley, 1988 (Quelle: Panini Fußball-Sticker)
Mark Hateley, 1988 (Quelle: Panini Fußball-Sticker)

Was wurde aus Mark Hateley?

Seine Karriere sollte nach dem Gewinn des EM-Titels so richtig Fahrt aufnehmen. Nur 17 Tage nach der U 21-EM köpfte er bei einem Freundschaftsspiel Englands das 2:0 für die Three Lions gegen Brasilien im Maracana Stadion. „Das Tor wurde weltweit ausgestrahlt und nur zwölf Tage später war ich ein Spieler vom AC Mailand. Zuvor hatte ich in der zweiten Liga bei Portsmouth gespielt, ich war jung und naiv und dann traf ich für England im Maracana“, beschrieb Hateley vor kurzem das Tor, das seine Karriere veränderte gegenüber der Daily Mail.

Hateleys Zeit in Italien begann mit einem Kopfstoß und einer Roten Karte, aber durch ein Tor im Derby gegen Inter konnte er die Milanisti für sich gewinnen. Aufgrund seiner langen Haare nannte man ihn dort „Attila“. Er schoss 17 Tore in 66 Spielen, ehe ihn Arsene Wenger zum AS Monaco holte. Dort hielt es ihn drei Jahre, und er erzielte 22 Tore in 59 Spielen in der Ligue 1. In Schottland wurde Hateley zum ersten nichtschottischen Spieler des Jahres gewählt (93/94).

Er spielte ab 1990 bei den Glasgow Rangers und wurde zur legendären Nummer zehn. Der ganz große internationale Durchbruch gelang Hateley in seiner Karriere allerdings nicht. Dies liegt wohl auch daran, dass seine Laufbahn in der Nationalelf nach dem sensationellen Beginn enttäuschend verlief. Er begann er bei der WM 1986 in Mexiko zwar neben Gary Lineker im Sturm, aber wurde nach zwei schwachen Spielen durch Peter Beardsley ersetzt.

Das Sturmduo Lineker-Beardsley funktionierte und so kam Hateley nur noch als Joker zum Einsatz. England scheiterte schließlich im Viertelfinale an der „Hand Gottes“ und dem Team von Argentinien. Auch bei der EM 1988 war er im Kader, wurde aber in drei Spielen jeweils spät eingewechselt. Letztlich erzielte er neun Tore in 32 Länderspielen.

Italien prägte die Geschichte der U 21-EM

Wenn es aber eine goldene Generation gegeben haben muss, dann doch wohl die Teams der Italiener, die 1992, 1994 und 1996 die U 21-EM drei Mal in Folge gewinnen konnten. Die Geschichte der Italiener beginnt zunächst ernüchternd. Im 92er Team war Renato Buso das viel versprechende Talent. Renato wer? Der offensive Mittelfeldspieler Renato Buso ging 1985 als 15-Jähriger von seinem Heimatklub Montebelluna Calcio zu Juventus Turin. Mit 19 Jahren zog er weiter zu Florenz, zum Zeitpunkt des Turniers spielte er bei Sampdoria Genua.

Renato Buso
Renato Buso, 1992

Buso erzielte neun Treffer in 24 U 21-Länderspielen und wurde 1992 zum besten Spieler gewählt. Er konnte diese Leistung in seiner späteren Karriere aber nie bestätigen und so war die U 21-Europameisterschaft der letzte Titel, den er gewinnen konnte. Es gab allerdings zwei Spieler im 92er Kader, die es zu einer großen Karriere brachten. Demetrio Albertini, der 79 Länderspiele absolvierte und bei der WM 1994 und EM 2000 mit Italien im Endspiel stand und auch Dino Baggio (60 Länderspiele) war schon 1992 dabei.

Immer wieder Italien

Zwei Jahre später, 1994, waren es immerhin vier Topstars, die im Finale gegen Portugal den ersten internationalen Titel der Karriere sicherten; Filippo Inzaghi, Fabio Cannavaro, Christian Panucci und Francesco Toldo. Beim Verlierer, der sich erst in der siebten Minute der Verlängerung geschlagen geben musste, stand übrigens ein Großteil der portugiesischen goldenen Generation auf dem Platz; Rui Costa, Abel Xavier, Joao Pinto, Jorge Costa und Luis Figo. Eben jener Luis Figo hatte Portugal bei der U 20-Weltmeisterschaft 1991 zum Triumph geführt. Figo wurde auch bei den U 21-Junioren 1994 zum „Goldenen Spieler“ gewählt.

Italien gewann auch den EM-Titel 1996, und es finden sich weitere illustre Namen im Kader: Gianluigi Buffon, wiederum Fabio Cannavaro (zum Goldenen Spieler gewählt) sowie Christian Panucci, Francesco Totti, Alessandro Nesta, Alessio Tacchinardi und Marco Delvecchio. Bei Endspielgegner Spanien sind Raúl, Fernando Morientes, Iván de la Peña und Gaizka Mendieta auch heute noch ein Begriff. Die nur knapp unterlegenen Spanier konnten nur zwei Jahre später (1998) aufgrund einer starken Defensive um Keeper Francesc Arnau (Barcelona) den Titel holen.

Das große tschechische Team

Die große Spanische Generation sollte sich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht herauskristallisieren. Unterdessen schlugen sich die Italiener zwei Jahre später einmal mehr grandios. Das Team um Gennaro Gattuso, Christian Abbiati und Cristiano Zanetti gewann 2:1 gegen die Tschechische Republik. Andrea Pirlo erzielte beide Treffer und wurde zum Goldenen Spieler 2000 gewählt. Während bei den Italienern die erwähnten Top-Talente in der Folgezeit den starken A-Kader des Landes zu liefen, wuchs beim unterlegenen Finalgegner der Tschechen ebenfalls eine legendäre Generation heran.

David Jarolim, Tomas Ujfalusi und Milan Baros waren die Vorboten. Zwei Jahre später gewann das Team der Tschechischen Republik vor allem wegen Petr Čech. Der Keeper hielt im U 21-Finale 2002 gegen Frankreich bis zum Elfmeterschießen die null, wo er zum Held durch zwei gehaltene Strafstöße wurde. Bei der folgenden Europameisterschaft 2004 spielte die große Generation Tschechiens dann begeisternden Fußball. Petr Čech, Milan Baros, Karel Poborský, Tomáš Rosický und Pavel Nedvěd scheiterten aber unglücklich am späteren Sieger Griechenland.

Titel Nr. 5 für die Squadra Azzurra

Den fünften EM-Titel im U21-Klassement sicherten sich die Italiener 2004. Damit sind sie alleiniger Rekordtitelträger vor Spanien und der Sowjetunion mit drei Titeln. Auch aus dieser Mannschaft fanden einige Spieler den Weg ins Nationalteam. Daniele De Rossi, Alberto Gilardino, Andrea Barzagli, Marco Amelia und Cristian Zaccardo fanden sich im Weltmeisterschaftskader der Italiener von 2006 wieder. Das WM-Team 2006 war gespickt mit U 21-Europameistern.

Aus dem U 21-Sieger-Team von 1994 waren Filippo Inzaghi und Fabio Cannavaro dabei sowie die Titelträger von 1996; Gianluigi Buffon, Francesco Totti und Alessandro Nesta. Nicht zu vergessen die U 21-Europameister von 2000: Gennaro Gattuso und Andrea Pirlo. Zählen wir die mit Erfolg vorbelasteten Spieler zusammen, dann haben 12 von 23 Spielern des WM-Kaders von 2006 einen U 21-EM-Titel im Gepäck gehabt.

Geht man noch einmal einen Schritt zurück, dann ist auch der Vize-Europameistertitel der italienischen A-Nationalmannschaft 2000 mit zuvor erfolgreichen U 21-Titelträgern erreicht worden (Christian Abbiati, Demetrio Albertini, Fabio Cannavaro, Filippo Inzaghi, Francesco Toldo, Alessandro Nesta, Francesco Totti, Marco Delvecchio). Noch im letzten Jahr, bei der EM 2012 spielte einige Spieler der großen italienischen Generation eine entscheidende Rolle: Gianluigi Buffon, Andrea Barzagli, Daniele De Rossi und Spielmacher Andrea Pirlo.

2006 und 2007: Huntelaar und Drenthe

Aber zurück zu den U 21-Titeln. Die folgenden Jahre gehörten den Niederländern, die 2006 und 2007 den Titel gewinnen konnten. Ziehen wir die Sache mal von hinten auf. Das Team, das im WM-Finale 2010 in Südafrika den Spaniern unterlag, bestand aus sechs U 21-Europameistern (Stijn Schaars, Edson Braafheid, Demy de Zeeuw, Michel Vorm, Ryan Babel und Klaas-Jan Huntelaar). Der Schalker Goalgetter wurde bei den Junioren gar zum Goldenen Spieler gewählt (2006). Ein Jahr später – der Rhythmus kam durcheinander, da die UEFA den großen Turnieren aus dem Weg gehen wollte – wurde ein Spieler mit Namen Royston Drenthe zum besten Spieler gekürt.

Drenthe konnte von fünf Treffern in der Gruppenphase zwei vorbereiten und erzielte einen selbst. Er wechselte anschließend für 14 Millionen Euro zu Real Madrid. Doch der Neffe von Edgar Davids war kein aufgehender Stern am königlichen Spielerhimmel. In der Saison 2010/11 wurde er für ein Jahr an Hércules Alicante ausgeliehen und in der darauffolgenden Spielzeit ging er auf Leihbasis zum FC Everton. Im Sommer 2012 lief sein Vertrag bei Real Madrid aus und er unterschrieb schließlich beim russischen Erstligisten Alania Vladikavkaz.

2009: Neuer, Özil, Khedira und Co.

Die nächste Europameisterschaft der U 21-Junioren fand in Schweden statt. Zum besten Spieler wurde Marcus Berg gewählt, seine Geschichte ist in Deutschland wohl bekannt. Den Titel holte allerdings erstmals die DFB-Elf. Mit dabei waren Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels und Marcel Schmelzer – die später im Kader der Europameisterschaft 2012 standen. Mit Andreas Beck und Dennis Aogo finden sich zwei weitere Spieler, mit denen Jogi Löw gerade sein B-Team auf der USA-Reise auffüllte.

Der Grundstein der goldenen deutschen Generation wurde also 2009 gelegt, aber was ist eigentlich mit den Spaniern, der Mannschaft die 2008, 2010 und 2012 alle internationalen Titel auf Länderebene abräumen konnten? Hat sich die goldene spanische Generation erst spät entwickelt?

Spaniens Goldene Generation machte sich zum Teil schon bei der U 20-Weltmeisterschaft 1999 bemerkbar, als man den Titel im Finale gegen Japan gewann. Mit dabei: Xavi und Iker Casillas. Schon damals zeigte sich der Fifa-Bericht beeindruckt über die Flexibilität des spanischen Systemfußballs. „Ein 4:4:2-System kann in ein 3:4:3 oder in ein 3:5:2 umgewandelt werden, ohne das Grundschema total umzuwandeln. Brauchte es eine offensivere Variante, konnte beispielsweise Spanien unverzüglich von einem 4:4:2 auf ein 4:3:3 oder ein 3:4:3 umstellen, indem entweder ein Außenverteidiger in die Mittelzone oder Xavi in die Spitze vordrang“.

Bei der U 20-WM im Jahre 2003 unterlag Spanien im Finale Brasilien, aber dennoch konnte ein gewisser Andres Iniesta für die Spanier auf sich aufmerksam machen. Bei der U 17 konnte Spanien 2003 und 2007 den Vize-Weltmeistertitel holen. Nur bei der U 21 reichte es erst vor zwei Jahren – 2011 – zum dritten Titelgewinn nach 1986 und 1998. Vor dem U-Turnier 2006 lief man in der Qualifikation hinter den Teams von Belgien und Serbien und Montenegro ein. Mit dabei waren David Silva, Cesc Fàbregas, Andrés Iniesta und Álvaro Arbeloa. 2007 verlor das Team mit Gerard Piqué, Raúl Albiol, Santi Cazorla und David Silva im Play-off-Spiel gegen Italien und konnte sich ebenfalls nicht für das Turnier qualifizieren.

Freuen wir uns auf Isco, Muniain und Peniel Mlapa

Es deutete sich also in den diversen unteren U-Mannschaften durchaus eine starke spanische Generation an, jedoch kumulierte das Talent aus den verschiedenen Jahrgängen erst in der A-Mannschaft bei der EM 2008. Das diesjährige Team der Spanier will den Titel verteidigen und besteht durchaus aus bekannten Namen. David de Gea von Manchester United steht im Tor. In der Abwehr spielt Marc Batra von Barcelona und Daniel Carvajal, der im letzten Jahr in Leverkusen spielte. Die Namen Isco (Malaga) und Iker Muniain (Athletic Bilbao) dürften den meisten Fußball-Fans ebenso nicht unbekannt sein.

Die Geschichte wird zeigen, ob die derzeitige U 21-Generation der Spanier die Dominanz der A-Nationalmannschaft weiterführen kann. Für so manches Talent in der Geschichte war der Entwicklungsschritt von den U-Teams in den Profifußball zu groß. Heutzutage haben Spieler in dem Alter meist schon Profierfahrung und diesen Sprung schon geschafft, oder sind bereits gescheitert. Einige große Talente überspringen die U 21 aber auch einfach. Diese Spieler tauchen dann auch in keiner Turnierstatistik auf. Nehmen wir das aktuelle Beispiel der deutschen U 21.

Aus dem A-Kader könnten einige Spieler auch für das U 21-Team auflaufen. Julian Draxler, Mario Götze, Toni Kroos, André Schürrle und İlkay Gündoğan haben diese Stufe durch ihr enormes Talent einfach übersprungen. Nun sollen es Bernd Leno, Lewis Holtby, Peniel Mlapa und Co. richten und den zweiten EM-Titel nach 2009 für Deutschland gewinnen. Und vielleicht fragt sich ein Blogger in zehn Jahren – falls man dann noch Blogs schreibt – wer war eigentlich dieser Peniel Mlapa?