Schlagworte: WM 2014

Das wahre Los: Spiele statt Brot

Wer am 15. Juni kommenden Jahres zum ersten von insgesamt sieben WM-Spielen in die Hauptstadt Brasilia reisen möchte, sollte Geduld mitbringen. Nach der Privatisierung des internationalen Flughafens wurde das Bodenpersonal massiv gekürzt, was in den vergangenen Monaten immer wieder zu Chaos führte. Augenzeugen berichten von genervten Fluggästen, von Problemen bei der Abfertigung, von langen Warteschlangen an den Gepäckbändern, wo dann die falschen oder gar keine Koffer ankommen.

Verärgerte Touristen klingen zunächst nach ähnlich dringlichen Problemen wie eine drohende „Todesgruppe“ für die deutsche Nationalmannschaft oder die Verärgerung anderer WM-Teilnehmer angesichts der Festlegung der Lostöpfe für die Auslosung der acht WM-Gruppen. Und doch nähern wir uns über die Flughafen-Anekdote der Kernfrage dieses Artikels: Den vielen Verfehlungen nach der Übertragung der WM 2014 an ein Schwellenland wie Brasilien im Speziellen und der zweifelhaften Vergabe von Sportgroßveranstaltungen durch Verbände wie FIFA, UEFA und IOC im Allgemeinen.

FIFA und IOC: Image-Probleme, na und?

Seit FIFA-Präsident Joseph Blatter im Jahr 2007 die kommende Weltmeisterschaft quasi per Handstreich – durch das neu eingeführte kontinentale Rotationsprinzip hatte Brasilien keinen Gegenkandidaten – an seine Buddies Joao Havelange und Ricardo Teixeira vergeben hat, hat sich in der internationalen Sportpolitik und vor allem in ihrer öffentlichen Wahrnehmung einiges verändert, wie diese kleine Auswahl an Ereignissen zeigt:

  • Nicht erst seit den Demonstrationen beim Confed Cup in Brasilien im vergangenen Sommer will die Öffentlichkeit Erklärungen für die immense Kostenexplosion. Ein Beispiel: Die WM 2010 brachte Südafrika einen Schuldenberg von 2,2 Milliarden Euro ein, während die FIFA gleichzeitig einen Gewinn von 2,4 Milliarden Euro einstrich.
  • Havelange musste im Zuge der ISL-Schmiergeldaffäre als Ehrenpräsident der FIFA zurücktreten.
  • Dessen Schwiegersohn Teixeira war nicht nur in die ISL-, sondern in diverse andere Korruptionsaffären verwickelt und hat, zumindest offiziell, nichts mehr im brasilianischen Fußball zu sagen.
  • Beim Thema Korruption fällt dem geneigten Sportbeobachter sofort die WM-Vergabe an Russland und Katar ein, als beispielsweise der Sohn von UEFA-Präsident Michel Platini nach der „Wahl“ plötzlich einen Job in der Chefetage bei Qatar Sports Investment (QSI) innehatte. Einzig die Beweisführung – Blatter hat sich nicht umsonst den Beinamen „Teflon-Sepp“ erarbeitet – ist aufgrund der schützenden Schweizer Hand (IOC und FIFA unterliegen als Vereine in der Schweiz nicht der normalen Gerichtsbarkeit) schwierig.
  • Als erste Konsequenz wird der Weltverband die kommenden Weltmeisterschaften durch den FIFA-Kongress und nicht durch die wesentlich kleinere Exekutive bestimmen lassen. Dadurch soll weiteren Korruptionsfällen vorgebeugt werden.
  • Vorsichtiger Vorreiter in dieser Frage ist das Internationale Olympische Komitee (IOC), das immerhin die Vergabeprozesse seiner Spiele nach dem Korruptionsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City transparenter gemacht hat. Was allerdings nichts an den hohen Kosten und Auflagen sowie der Gewinnmaximierung geändert hat. Und mit Wirtschaftslobbyist Thomas Bach an der Spitze dürfte es nicht besser werden.

Diese und andere Beispiele haben zumindest in Westeuropa zu einem Umdenken geführt. In den vergangenen Monaten kam es im Vorfeld möglicher Olympia-Kandidaturen zu drei negativen Bürgerentscheiden. Das Votum in München zu den Winterspielen 2022 ist noch sehr präsent, aber auch in Graubünden (2022) und Wien (2028) sagten die Bürger Nein zu Olympia. Jörg Schild, Chef der Swiss Olympic Association, meint den Grund für das negative Votum in Graubünden zu kennen: „Das Image des IOC ist nicht das beste. Der Sport ist in Verruf geraten. Seine Glaubwürdigkeit hat enorm gelitten.“ Die Olympischen Spiele stecken bereits in einer Glaubwürdigkeitskrise, der gleiche Weg für den Fußball ist schwer aufzuhalten.

Der Gigantismus lebt

Brasilien ist im doppelten Sinne betroffen, denn zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Die seit dem Confed Cup regelmäßig stattfindenden Demonstrationen richten sich auf den ersten Blick natürlich gegen beide Veranstaltungen, auch wenn sich die fußballverrückte Bevölkerung weiterhin sehr auf die WM freut und die Selecao zum sechsten Titel jubeln will.

Die Begleitumstände haben in Brasilien jedoch sehr viel Wut aufsteigen lassen. Was als Protest gegen erhöhte Preise im öffentlichen Nahverkehr begann, entwickelte sich zu einem Flächenbrand, der im kommenden Sommer wieder aufflammen kann. Neben Korruption prangerten Hunderttausende Demonstranten Folgendes an:

  • Privatisierung öffentlichen Raums: Der Flughafen in Brasilia ist nur eines von vielen Beispielen. Der Staat veräußert öffentliches Eigentum, obwohl den Bewohnern laut Gesetz ein „Recht auf eine nachhaltige Stadt“ zusteht.
  • Kostenexplosion: Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten für die WM 2014 mittlerweile auf umgerechnet 12 Milliarden Euro. Den größten Teil übernimmt der Staat, obwohl im Zuge der Bewerbung noch von zahlreichen Privatinvestoren die Rede war.
  • FIFA-Auflagen: Zu einer WM-Bewerbung gehört der obligatorische Eingriff des Weltverbandes in die Souveränität des Gastgeberlandes. Die FIFA legt den (überteuerten) Standard der Stadien fest, schützt mit einem WM-Gesetz die Interessen der Sponsoren und lässt Bauvorhaben ohne öffentliche Ausschreibung vergeben. Zudem errichtet die FIFA rund um die Stadien eine Bannmeile, in der fliegende Händler keine Geschäfte machen dürfen.
  • Bildungs- und Gesundheitswesen: Er bereut den Satz mittlerweile, indem er Verständnis für die Demonstranten zeigt. Aber der ehemalige Weltfußballer Ronaldo ist ein gefallener Held. „Man kann keine Weltmeisterschaft mit einem Krankenhaus machen“, sagte Ronaldo vor einigen Monaten und wollte den Bau der Stadien rechtfertigen. Allerdings traf er den Nerv der Bevölkerung, denn das investierte WM-Geld fehlt im brachliegenden Bildungs- und Gesundheitswesen ganz besonders.
  • White Elephants: Aufgrund der verwurzelten Fußball-Kultur in Brasilien wird es nicht so schlimm wie in Südafrika, wo beispielsweise die Stadien in Durban, Kapstadt oder Nelspruit zu sogenannten Weißen Elefanten wurden – teure und meist ungenutzte Ruinen. In Brasilien droht dieses Schicksal den Arenen in Cuiabá (Baukosten: 250 Millionen Euro), Manaus (Baukosten: 192 Millionen Euro) oder Brasilia (Baukosten: 400 Millionen Euro) jedoch auch.
  • Gentrifizierung: Die Städte werden modernisiert, in allen WM-Austragungsorten steigen die Mietpreise und damit ändert sich zwangsläufig auch die Zusammensetzung einzelner Stadtteile.

Wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden

Dass Sepp Blatter zu vielen Dingen eine ganz eigene Sichtweise hat, dürfte mittlerweile nicht mehr überraschen. Als der FIFA-Chef auf die Proteste in Brasilien angesprochen wurde, stellte er das mal wieder unter Beweis: „Brasilien wollte die Weltmeisterschaft von sich aus austragen“, sagte Blatter am Rande des Confed Cups. „Wir haben sie nicht gezwungen.“

Populismus ist ein beliebtes Werkzeug, um von eigenen Verfehlungen abzulenken – die gigantischen Auflagen kommen nun mal von der FIFA. Und beim Kollegen Jens Weinreich ist wunderbar nachzulesen, wie die Weltmeisterschaft im Korruptionssog tatsächlich nach Brasilien gelangt ist.

Was jedoch noch schwerer wiegt als der von oben gesteuerte Gigantismus ist die unzählige Verletzung von Menschenrechten in Brasilien, aber vor allem auch in Russland und Katar. Im russischen Sotschi finden in wenigen Wochen die Olympischen Winterspiele statt, 2018 folgt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Und die WM 2022 in Katar ist jedem Fußball-Fan aufgrund der Diskussion über den Austragungszeitraum ein Begriff.

Auch wenn Franz Beckenbauer bei seinen Besuchen in Katar „keinen einzigen Sklaven gesehen“ haben will, so steht mittlerweile zweifelsfrei fest, dass die Arbeitsbedingungen in dem Emirat eine dauerhafte Verletzung von Menschenrechten darstellt. Eine Studie von Amnesty International stellt in Katar ein „alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit“ fest. Die überwiegend aus Asien stammenden Arbeiter müssen in extremer Hitze ohne ausreichenden Schutz arbeiten, bekommen häufig keinen Lohn und können weder kündigen noch ausreisen.

Das liegt an dem in Golfstaaten üblichen Kafala-System, in dem Bürgen die Verantwortung für die Arbeiter übernehmen und die einbehaltenen Pässe erst bei Vertragsende wieder aushändigen. Prominentester Fall war der des französischen Fußballprofis Zahir Belounis, der Katar erst nach über zwei Jahre ohne Gehalt vor wenigen Tagen verlassen konnte. Nicht weniger bedenklich ist in Katar der Umgang mit der Pressefreiheit, mit Frauenrechten oder Homosexuellen.

Bei diesem Stichwort landen wir schnell in Russland, wo Präsident Wladimir Putin ein Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ unterschrieben hat und Sportler wie Zuschauer unter seltsamer Beobachtung stehen werden. Putin hat mittlerweile klargestellt, „dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohlfühlen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, der Rasse oder der sexuellen Ausrichtung“ – Homophobie ist im undemokratischen Russland gesellschaftlich jedoch tief verwurzelt.

Ein Brückenschlag zurück nach Brasilien fällt nur auf den ersten Blick schwer, denn WM und Olympia werden dort auf dem Rücken der ganz Armen ausgetragen. Die Veränderungen in der Infrastruktur des Landes brauchte vor allem eines: Platz. Der war nicht überall vorhanden und so kam und kommt es in den Favelas im Zuge der Großveranstaltungen zu insgesamt 250.000 Zwangsumsiedlungen, teilweise ohne jegliche Vorankündigung oder mit einem Umzug in über 50 km entfernte Gebiete.

Boykott ist keine Lösung

In Brasilien werden bei der Frage nach Konsequenzen vereinzelt Stimmen hörbar, die einen Boykott fordern. Wenn es um Katar geht, sind diese Stimmen sogar in größerer Lautstärke zu vernehmen. Ich persönlich halte von diesen Forderungen nichts, aufgrund von fehlender Einigkeit im Weltsport und dem damit ausbleibenden Effekt. Ich halte es mit Wolfgang Büttner von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: „Wir sprechen uns grundsätzlich nicht für den Boykott von Sportveranstaltungen aus, denn das träfe vor allem die Sportler, die jahrelang auf den Wettbewerb hinarbeiten.“

Trotzdem gibt es verschiedene Interessengruppen, die Einfluss ausüben können:

  1. Sportler sollten sich zusammentun, um sich gemeinsam dem Druck der Verbände zu entziehen. Beispielsweise droht das IOC bei Olympia mit Ausschluss, wenn sich Sportler in politischen Fragen engagieren. Das IOC beruft sich auf Paragraf 50 der Olympischen Charta. Der besagt, dass jede Demonstration „politischer, religiöser oder rassenbezogener Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder anderen Bereichen“ untersagt ist.
  2. Eingegliederte Verbände wie der DFB oder die englische Football Association (FA) müssen ihren Einfluss geltend machen statt Lippenbekenntnisse abzugeben.
  3. Wir Sportjournalisten müssen häufiger unserer Pflicht nachkommen, kritisch zu berichten und nicht mehr dem Reflex nachgeben, sich mit einer Sache, sprich dem Wettbewerb, dem Verein oder dem Verband, gemein zu machen.
  4. Und in demokratischen Ländern sollte die Bevölkerung weiter vom Demonstrationsrecht Gebrauch machen.

WM 2026 in Tschetschenien?

Die große Verantwortung kann allerdings nur bei den Mächtigen in den großen Verbänden liegen. Ob die Proteste in Brasilien, der internationale Gegenwind in Katar oder die negativen Bürgerentscheide in Deutschland, Österreich und der Schweiz für ein Umdenken bei FIFA und IOC sorgen werden, wird letztlich erst die Zukunft zeigen. Aber nur so kann der Lösungsansatz lauten: Die großen Sportverbände müssen in die Pflicht genommen werden.

Denn wenn sich das IOC, oder auch die FIFA als IOC-Mitglied, an die Richtlinien der eigenen Charta halten würde, wären Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften in China, Russland oder Katar ausgeschlossen. Allerdings heißen die Verantwortlichen auch in den nächsten Jahren Blatter, Bach und Platini. Stellen wir uns also lieber auf Turniere in Nordkorea, Tschetschenien und Saudi Arabien ein.

gdb-artikel-trennlinie_blau-mit-g

Warum Brasilien nicht Weltmeister wird

Besser hätte es für die brasilianische Nationalmannschaft nicht laufen können. Auf dem Weg zum vierten Titel beim Confederations Cup hat der neue, alte Trainer Luiz Felipe Scolari eine feste Formation gefunden, die in den fünf Spielen 14 Tore erzielte, dabei mit Italien und Spanien zwei europäische Großmächte besiegte und so ein Jahr vor der Weltmeisterschaft eine sportliche Euphorie im Land des Rekordweltmeisters auslöste.

Scolari sieht seine Mannschaft, die vor dem Turnier laut FIFA-Weltrangliste nicht mehr zu den Top 20 in der Welt gehörte, auf Augenhöhe mit den Großen, auch wenn er die noch bevorstehende Arbeit ausdrücklich betonte. Die Rechnung ist einfach: Nach einem 3:0-Sieg gegen Spanien kann die Selecao mit dem Heimvorteil im Rücken nur als Topfavorit in die WM 2014 gehen. Ich sehe das anders und habe mal ein paar Gründe zusammengetragen, warum das kein Selbstläufer wird:

Euphorie ist gut, aber…

Das System der Selecao hat durchaus interessante Aspekte, die von den Ergebnissen her auch zum Erfolg führten. Die Bedeutung des Confed Cups für den Gastgeber ist in dieser Erfolgsstory jedoch ein wichtiger Faktor. Seit der Copa America 2011 und bis zur WM im eigenen Land waren die fünf Partien die einzigen Pflichtspiele – für Trainer Scolari war es sportlich daher der ultimative Härtetest und genau so stellte er seine Mannschaft ein.

Fast noch wichtiger für Scolari: Die Stimmung im Land musste nach den Jahren mit den ungeliebten Nationaltrainern Carlos Dunga und Mano Menezez wieder ins Positive gedreht werden. Neymar, Marcelo, David Luiz oder Luiz Gustavo brachten das Publikum in allen Spielen gestenreich hinter sich und die Solidarität mit dem vor den Stadien demonstrierenden Volk erledigte den Rest. Der Plan ging auf: Scolari und seine Spieler fühlen sich sportlich wieder der Weltspitze zugehörig und die Fans der Selecao stehen – auch ohne jogo bonito – hinter dem Team.

Somit war das 3:0 gegen übermüdete Spanier keine Überraschung, höchstens in dieser Deutlichkeit. Brasilien war mit dem patriotischen Herzen dabei und warf alles in die Waagschale, während der Welt- und Europameister diesen Titel nicht mit letzter Kraft anstrebte. Das wird im kommenden Jahr anders sein. Spanien, aber auch die anderen Mitfavoriten wie Deutschland, Italien oder Argentinien wissen nun, wie Brasilien spielen wird – Scolari wird keine großartigen Änderungen mehr vornehmen. Die Karten liegen auf dem Tisch und können gelesen werden.

Brasilien ist taktisch leicht auszurechnen

Brasilien spielte das gesamte Turnier nahezu mit der gleichen Startelf, einzig David Luiz und Paulinho mussten wegen Verletzungen zwischenzeitlich durch Dante und Hernanes ersetzt werden. Scolari ließ seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 spielen, wobei dem Flügelspiel eine besondere Bedeutung beikam.

Die beiden Außenverteidiger Dani Alves und Marcelo standen in allen Spielen gemäß ihrer offensiven Veranlagung sehr hoch und bildeten mit ihren Vorderleuten Hulk und Neymar auf den Seiten spielstarke Tandems. Zeitweilig wurden fast drei Viertel der brasilianischen Angriffe über Außen eingeleitet. Wichtige Rollen nahmen in diesem Konzept auf Paulinho und Oscar ein, die mit ihrer Laufstärke und Spielintelligenz das Überladen der Seiten unterstützten.

Des weiteren fiel auf, wie sich Bayerns Luis Gustavo immer wieder zwischen die Innenverteidiger abkippen ließ, um aus der Vierer- eine Dreierkette zu machen. Offensiv trat Gustavo dagegen kaum in Erscheinung, wegen dieser Disziplin hat ihn Scolari zum Stammspieler befördert. Das mit der Disziplin gilt auch für Oscar und Fred. Der offensive Mittelfeldspieler vom FC Chelsea ist kein klassischer Zehner, seine größte Aufgabe war es, die in kein taktisches Rezept zu pressenden individuellen Ausflüge von Neymar abzusichern. Und Fred glänzte zwar als fünffacher Torschütze, er leistete in erster Linie jedoch viel Drecksarbeit als erster Verteidiger des Teams.

Nicht nur das Spiel gegen Uruguay, als die Celeste ein starkes Pressing spielte und Brasiliens Flügelzangen gut zustellte, zeigte einige taktische Mängel, die die Selecao im Laufe der Weltmeisterschaft vor arge Probleme stellen kann. Auch Mexiko und Italien deckten Schwächen auf, die Mannschaften in Topform und mit einer optimalen Vorbereitung auf ein solches Turnier ausgenutzt hätten.

Scolari leistete sich nämlich den Luxus, die im modernen Fußball so wichtige Zentrale aufzugeben. Gustavo, das wissen Bayern-Fans nur zu genau, ist ein klassischer Arbeiter und kein Spieleröffner. Seine guten Passquoten rühren von den vielen Querpässen her. Paulinho war da kreativer, er musste jedoch häufig auf die Seiten ausweichen, um das Überladen einer Seite zu verstärken. Und Oscar bewegte sich taktisch zwar sehr schlau, ein Spielgestalter war er aber nicht.

Stattdessen hing der Spielaufbau in ungesundem Maße an den beiden Außenverteidigern. Waren Marcelo oder Dani Alves zugestellt, hatte die Selecao aus taktischer Sicht nur noch zwei Varianten: lange Bälle der beiden Innenverteidiger auf Stoßstürmer Fred oder die individuelle Klasse von Neymar.

Scolari hat den mittlerweile angestaubten Fußball der WM 2002 zurückgebracht, als Cafu und Roberto Carlos die Flügel-Spielmacher waren, eine gut geordnete Defensive über Kreativität und Spielkunst stand. Das erkennt man auch an der Tatsache, dass die Brasilianer in den fünf Spielen über 100 Mal Foul spielten – ein viel zu hoher Wert für ein ambitioniertes Team.

Das Team hat individuelle Schwachpunkte

Ein Blick auf die gestrige Siegerehrung lässt Zweifel an diesem Kritikpunkt aufkommen. Julio Cesar wurde als bester Torhüter des Confed Cups ausgezeichnet, Fred wiederum wurde knapp hinter Fernando Torres als Zweiter der Torschützenliste geehrt, weil er für seine fünf Treffer mehr Spielzeit benötigte als sein spanischer Kontrahent. Cesar und Fred – zwei Siegertypen für den WM-Titel?

Ich bleibe auch nach der erfolgreichen Generalprobe skeptisch, Cesar und Fred verkörpern für mich keine internationale Klasse. Der ehemalige Inter-Keeper, der nach dem Abstieg der Queens Park Rangers einen neuen Club sucht, offenbart zu große Schwächen im Herauslaufen, zudem war er in den letzten Jahren häufiger für individuelle Fehler gut, die zu Gegentoren führten.

Fred spielt wieder in Brasilien, nach seiner durchaus erfolgreichen Zeit bei Olympique Lyon zog es den Angreifer zurück in seine Heimat. Seine Torquote ist respektabel (104 Tore in 152 Pflichtspielen seit 2009), er konnte es aber nicht bei einem absoluten Topclub unter Beweis stellen. Für Scolari muss er das auch gar nicht, die Treffer beim Confed Cup waren für den Trainer angenehme Nebengeräusche. Aber selbst als Wandspieler für die langen Pässe aus der Abwehr oder als laufstarke Speerspitze im Pressing ist Fred für mich kein Stürmer der Extraklasse. Auf dieser Position wird Brasilien im kommenden Jahr Probleme bekommen.

Einer, der Fred ersetzen könnte, ist Hulk. Das sieht Scolari jedoch anders. Hulk spielt im rechten Mittelfeld, um mit seinem starken linken Fuß – äquivalent zu Neymar – in die Mitte ziehen und zum Abschluss kommen kann. Beim Confed Cup klappte diese Option nur ganz selten, trotzdem hält Scolari an Hulk fest und verzichtet auf den spielstärkeren Lucas Moura. Alles für Neymar:

Die Fokussierung auf Neymar ist gefährlich

Und jetzt spinnt der Krämer komplett, wie kann er denn den besten Spieler des Turniers als Schwachpunkt im brasilianischen Team ausmachen? Seine Schusstechnik, die Dribblings, die Schnelligkeit mit Ball, seine technischen Fähigkeiten, das Auge für den Mitspieler – all das sind tatsächlich Qualitäten eines kommenden Weltstars.

Ich glaube trotzdem nicht an Neymar als Topstar der nächsten WM und will das natürlich kurz erklären:

  • Das leicht auszurechnende Spiel der Selecao wird im kommenden Jahr noch mehr Last auf Neymars Schultern verlagern. Scolari gibt ihm alle Freiheiten, deshalb fehlt es auf den anderen Positionen in der Offensive jedoch an Qualität. Argentinien verließ sich auch über Jahre auf das Können von Lionel Messi, gruppentaktisch die falsche Entscheidung.
  • Neymar spielt in der kommenden Saison beim FC Barcelona. Dafür muss er seine Bewegungen umstellen, der Kombinationsfußball der Katalanen liegt dem 21-Jährigen nicht. Solche Prozesse können lange dauern. Auf seiner ersten Europa-Station wird er deshalb auch mal auf der Bank landen, was ebenfalls eine neue Erfahrung sein wird.
  • Auch wenn Neymars Bewegungen geschmeidig wirken und er sehr schnell ist, er leistete sich in den Spielen des Confed Cups viel zu häufig den Luxus, den Ball anzunehmen, abzustoppen, zu schauen und erst dann in die Bewegung zurückzukehren. So verlangsamte Neymar das Spiel der Selecao häufig, gegen moderne und ausgeruhte Abwehrreihen wird er nicht so oft zum Abschluss kommen.
  • Dieser Punkt betrifft nicht nur Neymar, aber eben auch. Brasilien spielte, vor allem gegen Spanien, ein sehr effektives Pressing. Das sah modern aus, aber eben auch, weil Spanien die nötige Fitness für die sonst so einzigartige Pressing-Resistenz fehlte. Denn in den anderen Spielen war immer wieder zu beobachten, wie sich die Selecao schwer tat, nach dem Überspielen der ersten Verteidigungsreihe wieder alle Spieler hinter den Ball zu bekommen. Neymars defensive Disziplin ist stark ausbaufähig.
  • Neymars Theatralik hat eigentlich keinen sportlichen Bezug. Er wird sich in Zukunft aber mit besonders aufmerksamen Gegenspielern auseinandersetzen müssen, was zu Verletzungen oder Revanche-Fouls führen kann. In Brasilien hat sich Neymar auch den Ruf eines Hitzkopfes erworben.

Der letzte Gedanke: Legende Heimvorteil

Zum Abschluss erlaube ich mir noch einen kurzen Gedanken zum scheinbar in Stein gemeißelten Vorteil der südamerikanischen Teams. Richtig ist, dass bei sechs WM-Turnieren in Mittel- und Südamerika noch nie eine europäische Mannschaft mit der Trophäe nach Hause fahren konnte. Der letzte Gastgeber hieß Mexiko und das ist im nächsten Jahr 28 Jahre her. Ich weigere mich deshalb, in Zeiten der modernen Sportmedizin und den Fortschritten in der Regeneration klimatische Bedingungen über die taktischen und individuellen Qualitäten zu stellen. Und der statistische Heimvorteil des Gastgebers (sechs Heimerfolge bei 19 Weltmeisterschaften) ist genauso viel wert wie die Tatsache, dass ein Confed Cup-Sieger im Jahr darauf noch nie die WM gewinnen konnte. Frei nach Adi Preißler: Entscheidend ist auf’m Platz!