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Zwergen-Doppel: 5 Dinge, die wir gelernt haben

Sechs Punkte waren gegen den erschreckend schwachen Gegner Kasachstan das erklärte Ziel, und die DFB-Elf erfüllte den Auftrag mit zeitweise begeisterndem Fußball. Gleichwohl wird gemeckert, kritisiert und sogar gepfiffen. Wir haben die beiden Spiele auch gesehen und kommen zu anderen Erkenntnissen:

1. Nürnberg wird lange auf das nächste Länderspiel warten

Zum 20. Mal in der DFB-Historie spielte eine deutsche Nationalmannschaft in Nürnberg. Damit steht die Heimat des Glubbs in der Liste der Heimspielstätten auf dem neunten Platz. Die Bilanz ist mit nun zwölf Siegen, sechs Unentschieden und zwei Niederlagen durchaus passabel.

Und doch wird das ehemalige Frankenstadion vorerst kein weiteres Länderspiel bekommen, Nürnberg wurde gegen Kasachstan erstmals seit 2008 bedacht. Das liegt vor allem an der Ausstattung der Arena, der DFB möchte bei Länderspielen mindestens 1500 Business Seats vermarkten, der 1. FC Nürnberg als Ausrichter kann aber nur 800 Plätze in dieser Kategorie bieten.

Bevor der fränkische Aufschrei ob der Geschäftemacherei zu groß wird, der ausschlaggebende Grund für das steigende Desinteresse des DFB dürfte das gestrige Fanverhalten sein. Ja, Manuel Neuer hat mit einem Konzentrationsfehler ein Gegentor verschuldet und ja, er spielt beim in Nürnberg nicht sehr beliebten FC Bayern. Hohn, Spott und Pfiffe sind jedoch ärgerliche Begleiterscheinungen.

Neuer selbst gab sich kleinlaut („Ich entschuldige mich bei der Mannschaft für meinen Bock“), Bundestrainer Joachim Löw regte sich hingegen schon während der gesamten zweiten Hälfte auf und fand nach Spielschluss die richtigen Worte: „Absolut nicht fair, absolut nicht in Ordnung.“

Die Diskussion, ob sich Zuschauer mit einer Eintrittskarte das Recht, zu pfeifen, mitkaufen, wollen wir hier nicht führen. Beim Stand von 3:1 und einer begeisternden ersten Halbzeit sind Pfiffe aber so unnötig wie störend. Gestern legten sie den Fokus auf eine unwichtige Begleiterscheinung. Neuer nahm sogar die Schuld für die etwas schwächere zweite Halbzeit auf sich. Tatsächlich sollte sich das Nürnberger Publikum fragen, ob es beim nächsten Mal mit mehr Fingerspitzengefühl reagiert. Ach nee, ein nächstes Spiel wird es ja vorerst nicht mehr geben.

2. Lukas Podolski ist endgültig kein Stammspieler mehr

Lukas Podolski ist ein Nationalspieler mit beeindruckenden Werten. Mit seinen 27 Jahren hat er bereits 108 Länderspiele absolviert, erzielte dabei 44 Tore. Eigentlich galt er als sicherer Kandidat, um Lothar Matthäus als Rekordnationalspieler abzulösen. Und bis zum vergangenen Freitag, als Sergio Ramos für Spanien sein 100. Länderspiel bestritt, war Podolski auch der jüngste europäische Spieler, der die magische 100er Grenze knackte.

Doch all diese Werte haben an Strahlkraft verloren. Denn spätestens seit dem Doppelspieltag gegen Kasachstan dürfte auch Podolski ein Licht aufgehen: Er findet in dieser Mannschaft keinen Platz mehr und muss deshalb sogar um die WM-Teilnahme bangen. Löw lässt verdiente Spieler zwar selten fallen, wenn, dann aber umso heftiger.

In Astana fiel Marco Reus, der auf der linken Mittelfeldseite mit seinem aus Dortmund bekannten Highspeed an Podolski vorbeigezogen ist, wegen einer Gelbsperre aus. Doch Löw gab nicht dem Gunner eine Chance von Beginn an, es spielte der Schalker Julian Draxler. Dank eines kasachischen Bodychecks musste Draxler früh raus, und Podolski bekam doch seine Chance. Und nutzte sie nicht.

Podolski wirkt seit Monaten wie ein Fremdkörper im deutschen Spiel. Die Kombinationen von Mesut Özil oder Mario Götze gehen zu schnell für den technisch limitierten Ex-Kölner. Seine Schussgewalt ist in der neuen deutschen Ausrichtung kein erwünschtes Stilmittel mehr. Die wenigen Chancen, die er dennoch bekommt, vergibt der verunsicherte Podolski dann auch noch.

So wundert es nicht, dass Löw seinen einstigen Musterschüler im Rückspiel auf der Bank ließ. Dann aber nicht mal eingewechselt zu werden, ist für Podolski eine neue Erfahrung. Die Konkurrenz im offensiven Mittelfeld ist riesig und mit Marcell Jansen und dem Gladbacher Patrick Herrmann sogar noch angewachsen. Der Prinz hat das Zepter nicht mehr in der Hand.

3. Die Kritik an den 2. Halbzeiten ist idiotisch

Bela Rethy und Tom Bartels sind verdiente Kommentatoren, die als Aushängeschilder ihrer Sender ZDF und ARD häufig Länderspiele begleiten dürfen. Diese Tatsache wird sich vorerst nicht ändern lassen, über Sympathien schreiben wir deshalb lieber ein anderes Mal.

Warum aber beide ihre Spiele unisono schlecht reden mussten, erschließt sich Gegen den Ball nicht. Tatsächlich wies das kasachische Doppel deutliche Parallelen auf. Findungsphase zu Beginn, grandioser Zwischensprint inklusive Vorentscheidung, Kräfte sparender Rest mit etwas mutiger werdendem Gegner.

Wer aber bitte hat die Regel aufgestellt, eine deutsche Nationalmannschaft müsse fast jeden Gegner über 90 Minuten dominieren, dabei brillieren und zweistellig gewinnen? Die Herren Rethy („Grütze“) und Bartels („deutliche Schwächen“) vertraten jedenfalls genau diese Meinung.

Wenden wir uns doch mal den Fakten zu: Kasachstan spielte teilweise eine 11:0-Deckung. Die DFB-Elf kam in beiden Partien trotzdem auf zusammen 78 Prozent Ballbesitz, 52 Torschüsse, sechs Aluminium-Treffer und nur zwölf Fouls (Quelle: Opta). Beeindruckende Zahlen, die erstens mit Spielfreude untermauert wurden und zweitens kaum eine andere Nationalmannschaft so hinbekommen würde.

Entscheidender ist aber die Tatsache, dass die Qualifikation zur WM in Brasilien völlig ungefährdet ist und sich die Spieler deshalb einer berechtigten Prioritätenverschiebung hingaben. In Astana standen acht, in Nürnberg sogar zehn Akteure in der Startelf, die in der kommenden Woche im Viertelfinale der Champions League stehen. Und das ist der wichtigste Titel in dieser Saison.

4. Schweinsteiger und Gündogan sind kein Problem, sondern Luxus

Welche Berufsbezeichnung dürfen sich Günter Netzer und Olaf Thon auf die Fahne schreiben? Als ehemalige Nationalspieler nennen sie sich TV- oder Printexperten, was zum Glück für diese Spezies kein geschützter Ausbildungsberuf ist. Flächendeckende Arbeitslosigkeit wäre wohl die Folge.

Netzer und Thon stießen vor einigen Wochen eine Diskussion über die richtige Besetzung im defensiven Mittelfeld des Nationalteams an. Bastian Schweinsteiger sei (sinngemäß) schon über den Zenit und den Anforderungen an das moderne Spiel nicht mehr gewachsen.

Die starke Saison von Ilkay Gündogan tat ihr Übriges, plötzlich gab es ein in Schwarz und Weiß gemaltes Duell nach dem Motto: Es kann nur einen geben. Völliger Quatsch, wie die Spiele gegen Kasachstan gezeigt haben. Beide spielten jeweils einmal über 90 Minuten und waren dabei in absoluter Topform. Wenn es in dieser Konstellation ein Problem geben sollte, dann hat es der Bundestrainer – und zwar ein Luxusproblem.

5. Es gibt wieder kleine Gegner

Der ehemalige Bundestrainer Rudi Völler hat sie geprägt, die Phrase gehört mittlerweile zum alltäglichen Fußball-Jargon: „Es gibt keine kleinen Gegner mehr.“ Streichen Sie diesen Satz bitte.

Das Gefälle im Weltfußball ist in den vergangenen Jahren wieder größer geworden. Die beiden Spiele gegen den Zwerg Kasachstan haben das eindrucksvoll bewiesen. Es fehlte den Kasachen an individueller Klasse, an taktischen Grundkenntnissen, an einer echten Strategie. Sie durften nur am Spiel teilhaben, wenn es die Deutschen aus erwähnten Gründen zuließen.

Deshalb ist Gegen den Ball ein Befürworter der vom Bundestrainer angesprochenen Idee einer Vorqualifikation, die er in Astana als höflicher Gast wieder relativierte. Im überfüllten FIFA-Kalender gehören Spiele gegen San Marino, Luxemburg oder Färöer bedauerlicherweise dazu – schön ist aber was anderes.