Taktik-Vorschau: FC Bayern – FC Barcelona

Die zwei besten Teams Europas treffen in der Champions-League aufeinander. Es treffen aber auch zwei ähnliche Spielsysteme aufeinander. Gegen den Ball berichtet über Messi in the cage, Schachmatt und Patt und den vielleicht entscheidenden Vorteil des FC Bayern.

Wie kann man die beste Mannschaft der Welt stoppen?

Beispiele dafür, wie man den FC Barcelona besiegt, gibt es durchaus. In dieser Saison verlor Barcelona immerhin schon sechs Pflichtspiele. In der letzten Spielzeit waren es vier Pleiten. Uns interessieren dabei vor allem die Niederlagen auf höchstem Niveau, also die in der Champions League und in den Spielen gegen Real Madrid.

Dabei wollen wir speziell auf die CL-Spiele eingehen. Da wären also die Niederlage und das Ausscheiden im Halbfinale in der vergangenen Saison gegen Chelsea, das unglückliche 1:2 bei Celtic Glasgow in der Gruppenphase diesen Jahres und die 0:2-Niederlage beim AC Milan im Achtelfinale im Februar.

Diese Beispiele basieren alle, mit unterschiedlichen taktischen Variationen, auf einem destruktiven Ansatz. Dem Eingeständnis der Unterlegenheit folgte die legitime Konsequenz des Underdogs: Defensivfußball. Celtic ließ zahlreiche Großchancen, gewann mit viel Glück und dank eines Sahnetags ihres Torhüters Fraser Forster. Diese Partie bietet uns wenig Anhaltspunkte für eine mögliche Herangehensweise.

Barcas Ballbesitz ertragen?

Chelseas 1:0-Heimsieg im April 2012 und der 2:0-Heimsieg des AC Milan liefern dagegen auffällige taktische Übereinstimmungen. Beide Teams agierten defensiv in einem 4-5-1-System mit drei defensiven zentralen Spielern und nutzten das Pressing nicht als durchgehendes Element. Vom „Gegenpressing als Spielmacher“, konnte keine Rede sein. Es wurde a) situativ gepresst, um Barca zu einem Rückpass zu zwingen und die eigene Formation zu finden, oder b) überfallartig gepresst, um den Rhythmus zu stören.

Der FC Bayern spielt in dieser Saison ein zweikampforientiertes Gegenpressing. Ein bis zwei Spieler setzen den Gegenspieler bei Ballverlust sofort unter Druck, die möglichen Anspielstationen werden extrem eng gedeckt. Das beste Pressing-Ergebnis tritt ein, wenn sich der ballführende Gegenspieler mit einem unkontrollierten langen Ball befreien muss (was Dante und van Buyten dankend annehmen), einen Fehl- oder Rückpass spielt oder versucht, die markierten Spieler anzuspielen, welche dann sofort attackiert werden, was meist einen Ballgewinn zur Folge hat.

Nun ist der FC Barcelona die wohl pressingresistenteste Mannschaft der Welt. Das liegt an den hervorragenden Einzelspielern, die sich auch auf engstem Raum befreien können und an der Taktik, die sehr variabel ist und viele Möglichkeiten bietet, Dreiecke zu bilden und so Anspielstationen zu kreieren. Um diese Stärken nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, kann der FC Bayern vielleicht doch etwas von Milan und Chelsea lernen.

Anstatt sich als defensiver Spielmacher tief vor der eigenen Abwehr zu platzieren, um einzig und allein den Raum vor dem Strafraum möglichst eng zu machen, bewegten sich sowohl John Obi Mikel (Chelsea) als auch Massimo Ambrosini (Milan) situativ immer wieder recht weit nach vorne und übten Druck auf Xavi aus. Das wäre die perfekte Rolle für Bastian Schweinsteiger, der ein gutes Gefühl für Pressing-Situationen hat und sehr geschickt im Zweikampf agiert.

Mögliche taktische Aufstellung: FC Bayern - Barca
Die mögliche taktische Formation des FC Bayern gegen Barca. Die schwarze gestrichelte Linie ist die asymetrische Raute, die Barca im Mittelfeld oft bildet. Die rote Linie ist der Käfig, den die Bayern für Messi „bauen“ müssen.

Messi in the cage

Aber was passiert mit Messi? Ein zweites interessantes Element, das auch dem FC Bayern weiterhelfen könnte, nennt sich „Messi in the cage“ und wurde von Mailand und zuvor schon von José Mourinhos Teams angewandt. Dabei wird Messi nicht in Manndeckung genommen, sondern in einem Dreieck eingekesselt und möglichst isoliert. Er wird dann von einem Spieler gepresst und zu einer Aktion gezwungen.

Hier muss der FC Bayern vor allem auf Javi Martinez und, je nachdem in welchem Raum sich Messi bewegt, auf die Innenverteidiger verlassen. Deshalb wäre es ratsam, den weniger statischen Jerome Boateng anstelle von Daniel van Buyten zu bringen. Messi ist dennoch nie ganz auszuschalten, deshalb ist auch ein geschicktes Zweikampfverhalten vonnöten, bei dem Messi durch kleine Störungsmanöver am besten oberhalb der Hüfte aus der Balance zu bringen ist, um nicht frühzeitig eine Verwarnung durch eine rüdes Foul zu kassieren.

Barcas Abhängigkeit von Lionel Messi scheint in Bezug auf die Torgefährlichkeit derzeit sehr groß zu sein. Das liegt daran, dass David Villa nach seiner langen Verletzungspause noch nicht wieder in Top-Form ist. Die anderen Offensivspieler tun sich ebenfalls sehr schwer. So agiert der zuletzt oft meist als Messi-Ersatz eingesetzte Cesc Fabregas oft noch zu wenig dynamisch in der Vertikalen. Das Spiel der Blaugrana wirkt auch deshalb horizontaler als in den starken Jahren zuvor.

Barcelona hat das Pressing, das auf das Zustellen von Passwegen basiert, perfektioniert. Allerdings zeigt sich auch hier ein leichter Abwärtstrend. Pressing und Gegenpressing zu spielen, das setzt viel Laufarbeit und extreme Fitness voraus. Hier vermuten wir bei Barca leichte Ermüdungserscheinungen, denn mit Xavi (33 Jahre) und dem überspielten Busquets (Schambeinprobleme) scheinen die Blaugrana nicht mehr im Vollbesitz der Kräfte früherer Tage zu sein.

Welche Stärken haben die Bayern?

Die größte Chance der Bayern sollte es sein, Vorteile aus der leicht abnehmenden Pressingkompetenz der Spanier zu ziehen. Barcas Verteidigung baut nicht auf defensivstarken Verteidigern auf, sondern auf Gegenpressing und den daraus resultierenden Ballverlusten des Gegners. Barca entwickelte die Fußballerweisheit „Angriff ist die beste Verteidigung“, zur spielbestimmenden Idee „Attackieren nach Ballverlust ist die beste Verteidigung“, weiter.

Die eigentliche Defensive der Katalanen ist dagegen vor allem in den Halbräumen anfällig für Konter. Gerade im Rücken von Dani Alves und Jordi Alba sollten die Bayern die Räume nutzen, dazu später mehr. Zudem fehlt der durchsetzungsstarke Carles Puyol in der Abwehr und somit der perfekte Partner für den spielstarken Gerard Piqué. Vermutlich wird der unerfahrene und ebenfalls eher weniger robuste Marc Batra zum Einsatz kommen.

Ein weiterer Mosaikstein für einen möglichen Erfolg des FC Bayern ist Mario Gomez, der für den gesperrten Mario Mandzukic auflaufen wird. Gomez ist ein physisch starker Spieler, der sich durchaus gegen Pique und Batra durchsetzen kann, allerdings nicht so variabel und effektiv rückwärts verteidigt, wie es Mandzukic gegen Juventus in Perfektion zeigte. Gomez ist ein weiteres Plus bei Standardsituationen, bei denen die Bayern mit Dante, van Buyten, Schweinsteiger und Martinez ein Übergewicht an individueller Qualität und Kopfballstärke besitzen.

Die Münchner werden nicht so hoch pressen, wie gegen Juventus Turin, die sehr tief spielend agierten und deshalb früh am Aufbauspiel gehindert werden mussten. Die Pressingräume werden eher um die Mittellinie bespielt werden. Dort muss Thomas Müller die Passwege von und zu Sergio Busquets einschränken und ihn zum Rückpass nötigen. Schweinsteiger wird es vermutlich mit Xavi und Martinez mit Iniesta zu tun bekommen.

Diagonalbälle könnten der Schlüssel sein

Die Flügelspieler der Bayern müssen sich defensiv diszipliniert verhalten und sowohl die Kompaktheit im Mittelfeld herstellen, als auch die hoch aufrückenden Außenverteidiger übernehmen. Im Spiel nach vorne liegt die Stärke der Bayern auf den Außenbahnen gegen die eher offensiv orientierten Jordi Alba und Dani Alves auf der Hand. Franck Ribéry und Arjen Robben müssen nur geschickt in Szene gesetzt werden. Dahingehend hat sich Bayern in dieser Saison ebenfalls verbessert. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm spielen exzellente Diagonalbälle, auch Dante gelingen diese Pässe aus der Abwehr heraus regelmäßig.

Diese Diagonalbälle aus der Abwehr könnten zum Schlüssel im Offensivspiel werden, falls sich das zentrale Mittelfeld in einer Pressing-Gegenpressing-Schlacht „patt“ setzten sollte. Dante, Boateng (noch ein Argument für den Einsatz von Boateng statt van Buyten) und Lahm schlugen in dieser Reihenfolge die meisten erfolgreichen langen Bälle bei den Bayern – hinter Bastian Schweinsteiger.

Tabelle: Statistik Lange Bälle
Datenquelle whoscored.com (opta). Ohne die verletzten Javier Mascherano und Holger Badstuber.

Bei zwei Mannschaften, die sich so gut auf das Gegenpressing verstehen, so unterschiedlich das auch gespielt wird (Passwegorientiert oder Zweikampforientiert), könnte die Spielverlagerung somit entscheidend sein. Diagonale Pässe und lange Bälle werden dabei ein wichtiges Mittel sein – vor allem wenn beide Mannschaften relativ hoch stehen, das Mittelfeld sehr kompakt gestalten und somit Räume dahinter frei werden.

Barcelona löst enge Situationen im Mittelfeld meist durch überragendes Kurzpassspiel – den Tiki-Taka-Fußball – und durchstößt die Ketten durch geschickte tödliche Pässe. In einem imaginären Fünf-gegen-Zwei-Wettbewerb wären Bastian und Co. wohl die ewigen Schweinchen in der Mitte. Falls Barca in die Lücken der Viererkette spielen kann, haben die Bayern mit Manuel Neuer aber immer noch einen der antizipationsstärksten Keeper der Welt, dem die wichtige Aufgabe der Absicherung hinter der vermutlich hoch aufgerückten Viererkette zukommt. Der FC Bayern könnte seinerseits in den Halbräumen die höhere Kompetenz bei langen Bällen (siehe Tabelle) zur Geltung bringen.

Mögliche Angriffsoptionen des FC Bayern.
Mögliche Angriffsoptionen des FC Bayern. Dante spielt ebenso wie Schweinsteiger exzellente Diagonalbälle (Die Symmetrie wurde für das Schaubild erzwungen).

Ein Ende der Barca-Dominanz?

Es gibt also eine Reihe von interessanten Ansätze, die dem FC Bayern die Chance bietet, den FC Barcelona zum ersten Mal seit 1998 zu besiegen. Die interessanteste Frage ist aber nach wie vor: Wie viel Ballbesitz bekommt Barcelona? Gleich zu Beginn sollte der Taktikfreund also darauf achten, wie hoch die Bayern stehen und wo das Pressing stattfindet. Bekommen die Bayern Zugriff und funktioniert das Verteidigungskonzept gegen Messi?

Gegen den Ball-Prognose:

Bayern München hat sich im schnellen Umschaltspiel nach Ballgewinn und bei den wichtigen Diagonalbällen extrem verbessert. Das zweikampfstarke Mittelfeld spielt ein mörderisches Gegenpressing. Physisch ist der FC Bayern ebenfalls überragend. Deshalb glauben wir an einen Heimsieg der Bayern.

Be Sociable, Share!

One comment

  1. Ping: FC Barcelona vs. FC Bayern: So schlägt das Imperium zurück › Gegen den Ball

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>