Und täglich grüßt der Schaaf

Zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren wird Werder Bremen am Ende der Saison nicht auf einem internationalen Tabellenplatz landen. In der Bewertung dieser Tatsache gibt es zwei konträre Perspektiven. Da wäre a) die Sichtweise der neutralen Beobachter und vor allem der Medien, wo die Schlagworte „Werder“ und „Krise“ mittlerweile ein dynamisches Duo bilden und Trainer Thomas Schaaf zunehmend zum Sündenbock wird. Dagegen ticken b) in Bremen die Uhren anders. Schaaf hat sich dort einen Status erarbeitet, der ihn über den Dingen stehen lässt. Diese Ambivalenz ist grotesk:

a) Rein historisch gehören die Bremer, sowohl vom Selbstverständnis her als auch in der öffentlichen Wahrnehmung, zu den fünf besten Mannschaften der Bundesliga. Bremen spielte unter Thomas Schaaf stets offensiv, attraktiv und in der Regel auch erfolgreich – mit der Meisterschaft 2004 als Höhepunkt. Internationaler Fußball gehörte zu Werder wie Abstiegskampf zu Arminia Bielefeld. Im vergangenen Jahrzehnt spiegelte sich das auch in den finanziellen Rahmenbedingungen wider. Und trotz des klaren Schnitts im Bremer Kader vor dieser Saison (Werder liegt in der Etat-Rangliste der Liga nur noch auf Platz acht) ist das Team auch heute noch gespickt mit Nationalspielern. Der Ertrag bleibt im dritten Jahr in Folge gering, fehlende Konstanz bringt das Team mittlerweile sogar in Abstiegsgefahr. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Absturz ist deshalb medialer Alltag, wäre in anderen Clubs aber schon viel früher aufgetreten.

b) Aber eben nur medial. Trotz der Pfiffe beim letzten Heimspiel gegen Greuther Fürth gibt es in Bremen nur selten die Forderung, es doch mal mit einem anderen Trainer auszuprobieren – Günter Hermanns Aussagen wurden da schon als Nestbeschmutzung aufgefasst. In Werder-Foren wird Schaafs Entlassung weiterhin als falscher Schritt bewertet. Und tatsächlich gibt es Argumente dafür, Werders Lage realistisch einzuordnen. In den vergangenen Jahren hat sich die Zusammensetzung der Bundesliga stark verändert. Mannschaften wie Mainz, Freiburg oder Hannover haben mit vielen guten Personalentscheidungen aufgeholt, die Arminia spielt in der 3. Liga und Werder eben nicht mehr in Turin, was extreme Einnahmeverluste mit sich brachte. Nur noch wenige Clubs kämpfen um die Meisterschaft oder gegen den Abstieg – für den breiten Rest geht es um die knapp bemessenen Europa League-Plätze. Bereits genannte Konkurrenten können in Ruhe arbeiten und nutzen diesen Vorteil, um mit Werder gleich- oder sogar vorbeizuziehen. Thomas Schaaf könnte demnach gar nicht so viel dafür, im Bremer Umfeld geraten eher die hoch veranlagten Spieler in den Fokus der Kritik. Was stimmt denn nun?

Widmen wir uns den harten Fakten und betrachten die Aufgaben von Thomas Schaaf als Trainer. Folgende Checkliste gibt die nötigen Antworten auf die Frage, ob Thomas Schaaf auch in Zukunft der richtige Trainer für Werder Bremen ist:

Schaaf und die Systemfrage

Die Bremer eroberten unter Schaaf die Bundesliga und Europa als klassische Rauten-Mannschaft. Mit Johan Micoud, Diego und Mesut Özil hatte Werder bis 2010 stets einen klassischen Zehner in seinen Reihen, die Raute garantierte sehenswerten Offensivfußball.

Als Özil Bremen Richtung Madrid verließ, sollten Aaron Hunt und Marko Marin die Lücke schließen, im Jahr darauf folgte der Nürnberger Mehmet Ekici als neuer Spielmacher. Alle drei waren oder sind dieser Aufgabe jedoch nicht gewachsen, was Schaaf nicht daran hinderte, an der Raute festzuhalten.

Die Revolution folgte vor dieser Saison. Schaaf änderte das System, machte damit jedoch die nächste Baustelle auf. Werder läuft in der Regel im 4-1-4-1 auf, das bei Ballbesitz häufig zum 4-3-3 wird. Zlatko Junuzovic agiert dabei als einziger Sechser, eine fatale Entscheidung, wenn man bedenkt, wie anfällig Werder schon in den letzten Jahren defensiv war.

Junuzovic ist dabei kaum ein Vorwurf zu machen. Der Österreicher, in der Heimat als Spielmacher ausgebildet, ist der laufstärkste Bremer und hat nach Kevin de Bruyne die meisten Ballkontakte (1494). Die Lücken kann er damit aber nicht schließen, was auch an seiner Zweikampfschwäche liegt. Junuzovic gewinnt nur knapp 52 Prozent seiner direkten Duelle – die Bender-Zwillinge liegen im Vergleich bei über 57 Prozent (Quelle: bundesliga.de). Schaaf lässt nur einen Sechser spielen, der ist auch noch zweikampfschwach, ein Schlüssel für die mit 51 Gegentoren schlechteste Abwehr der Bundesliga.

Die häufig vor Junuzovic eingesetzten Aaron Hunt und Kevin de Bruyne runden das zweikampfschwache Bild ab. Hunt liegt bei 48 Prozent, die 42 Prozent des Belgiers sind auch der Tatsache geschuldet, dass ihn Schaaf in einigen Spielen im Angriff eingesetzt hat. Das zentrale Trio der Bremer gewinnt somit nicht mal jeden zweiten Zweikampf.

Gemessen an der zweijährigen Rautenstarre reagierte Schaaf schnell. In den letzten beiden Spielen ließ er seine Mannschaft im flachen 4-4-2 mit Doppelsechs auflaufen. Eine auf den ersten Blick wohl durchdachte Maßnahme. Ein 1:1 in Mönchengladbach ist ein gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Werder seit 20 Spielen auswärts nicht mehr ohne Gegentor blieb. Schaaf verzichtete dafür bis auf den nach rechts gerückten Junuzovic jedoch auf kreative Elemente. Daher wirkte diese Entscheidung wie die eines trotzigen Kindes, das nach anderthalb Spielen und lautstarken Pfiffen gegen Fürth wieder davon abrückte, stattdessen Harakiri-Offensive spielen ließ und harmlosen Fürthern zwei Tore ermöglichte. Nüchtern betrachtet geht Schaaf die Flexibilität in der Systemfrage völlig ab, die Balance zwischen offensiver Spielentwicklung und defensiver Stabilität fehlt Werder somit schon seit Jahren.

Schaaf und die Taktikschule

Die Verteidiger von Thomas Schaaf, ein herzliches Willkommen an unsere Leser in Bremen, werden nun entgegnen, dass die Taktik im modernen Fußball viel wichtiger sei als die Systemfrage. Oder anders ausgedrückt: Werden die taktischen Aufgaben richtig umgesetzt, ist die Formation auf dem Papier zweitrangig.

Dieser Einwand ist berechtigt, deshalb begeben wir uns nun an die Taktiktafel und analysieren die Bremer Charakteristika der laufenden Saison. Besonders auffällig ist dabei, wie Schaaf mit seinem Trainerteam gerade in den Partien gegen Spitzenmannschaften gute und richtige Ideen hatte, diese Spiele trotzdem – zum Teil sogar deutlich – verloren gingen.

Den Auftakt machte die 1:2-Niederlage beim Deutschen Meister Borussia Dortmund, als die Bremer den BVB mit risikoreichem Pressing vor große Probleme stellten und erst eine Einzelleistung von Mario Götze das Spiel entschied. Oder im Hinspiel gegen den FC Bayern, als Werder geschickt verschob und der Ballbesitz der Bayern lange Zeit wirkungslos verpuffte. Oder aber bei der 1:4-Pleite gegen Leverkusen, als das Spiel der Bremer wieder sehenswert war, ungenaue Abschlüsse und die bekannten Defensivschwächen für das klare Ergebnis sorgten.

Dem stehen extrem schwache Spiele (1:3 und 0:1 gegen Augsburg, 1:1 und 2:2 gegen Fürth) gegenüber, in denen die taktische Ausrichtung zweitrangig und die Mängelliste in anderen Bereichen zu groß war. Trotzdem ziehen sich viele Dinge wie ein grüner Faden durch diese Saison, die Schaafs gute Ideen und Ansätze immer wieder konterkarieren:

  • Werders Taktik mit einer Sechs und doppelter Acht erfordert Passgenauigkeit. Hier liegt Werder im Bundesliga-Schnitt auf Rang neun (80 Prozent). Wenn die Absicherung fehlt, ist dieser befriedigende Wert eher mangelhaft.
  • Diese Aufteilung erfordert zudem Disziplin und Laufstärke. Junuzovic, Hunt und De Bruyne beherrschen das, aber nicht immer über 90 Minuten. Die Doppelacht steht zeitweise zu hoch.
  • Pressing und Gegenpressing funktionieren nur phasenweise, wenn ein oder zwei Spieler (Elia, Arnautovic) nicht richtig mitmachen, sind die Lücken im Mittelfeld zu groß.
  • Diese beiden Außenspieler haben sich individuell defensiv durchaus verbessert (beide eine Zweikampfquote knapp unter 40 Prozent), die fehlende Konstanz in dieser Frage wirft Werder immer wieder zurück.
  • Die Balance in der Mitte stimmt nicht immer. Dann stehen Junuzovic auf der Sechs und Petersen im Sturm zu weit auseinander.
  • Schaaf schafft es zu selten, auf taktische Änderungen des Gegners zu reagieren. Werder spielt seinen Stiefel häufig bis zum Ende herunter.

Unser erster Eindruck, dass Schaaf taktische Entwicklungen verschlafen hat, wird somit widerlegt. Der Trainer hat viele moderne Elemente in seine Taktik integriert. Seine Anforderungen scheinen daher zu kompliziert zu sein bzw. sein Spielermaterial (wofür Schaaf ja die Verantwortung trägt) ist für diese Ausrichtung nicht gemacht.

Schaaf und das Transfer-Händchen

In den letzten fünf Jahren hat Werder Bremen laut transfermarkt.de einen Transfer-Überschuss von 33 Millionen Euro erwirtschaftet. Damit ging ein erheblicher Verlust an Qualität einher (Diego, Özil, Mertesacker, Pizarro, Wiese), das kannten die Hanseaten aber auch schon unter Otto Rehhagel (Riedle, Völler).

Schaaf reagierte in Zusammenarbeit mit dem langjährigen Manager Klaus Allofs aber stets besonnen und so wurden die Verluste gut aufgefangen. Ein Blick auf die Transfers der letzten fünf Jahre legt jedoch ein anderes Bild offen:

  1. Uneingeschränkte Volltreffer: Claudio Pizarro, Sebastian Prödl, Zlatko Junuzovic, Sokratis, Nils Petersen, Kevin de Bruyne.
  2. Hohe Erwartungen, geringer Ertrag: Marko Marin, Wesley, Marko Arnautovic, Mehmet Ekici, Eljero Elia.
  3. Echte Transferflops: Alexandros Tsiolis, Marcelo Moreno, Sandro Wagner, Aymen Abdennour, Denni Avdic, Mikael Silvestre, Samuel, Francois Affolter, Joseph Akpala

Die restlichen Namen schwimmen im Mittelmaß mit und müssen an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Nicht jeder Transfer kann ein Volltreffer sein, für einen strukturschwachen Verein wie Werder Bremen wiegen Flops aber doppelt schwer. Und wenn man bedenkt, dass die fünf Spieler unter 2. mit 32 Millionen Euro nahezu das komplette Transferplus aufgefressen haben – Arnautovic, Elia und Ekici können immerhin noch weiterverkauft werden – liest sich die Bremer Bilanz der vergangenen Jahre noch schlechter.

Schaaf und die Integration der Jugendspieler

Das Zitat stammt von Jürgen Klinsmann und wurde ihm nach seiner Zeit als Trainer des FC Bayern regelmäßig und ironisch vorgehalten: „Ich will jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen.“

Nüchtern betrachtet ein Ziel, das jeder Trainer verfolgen sollte. Erst recht bei einem Verein wie Werder Bremen, der eine hervorragende Jugendarbeit und durch den „Strategiewechsel light“ hin zur Verjüngung des Kaders sowie Reduzierung der Personalkosten großen Bedarf an eigenen Talenten hat.

Tatsächlich stehen im aktuellen Bremer Kader mit Sebastian Mielitz, Florian Hartherz, Tom Trybull, Philipp Bargfrede, Aaron Hunt, Levent Aycicek, Özkan Yildirim und Niclas Füllkrug acht Spieler, die Werder-Wurzeln haben – ein starker Wert. Zumal Mielitz und Hunt Stammspieler sind, Joker Füllkrug erst von einer Verletzung gestoppt wurde und Trybull sowie Yildirim Gewinner der taktischen Neuausrichtung der letzten Spiele sind. Die Durchlässigkeit zwischen Profis und Nachwuchs ist bei Werder gegeben und wird von Schaaf gelebt.

Fazit

Thomas Schaaf ist ein guter Trainer. Er zeigt sich taktischen Neuerungen gegenüber offen und trägt den veränderten Werder-Weg mit voller Überzeugung mit. Das spräche durchaus für eine Verlängerung der mittlerweile 14-jährigen Regentschaft. Für Gegen den Ball wiegen die defensive Instabilität, die hanseatische Sturheit in der Systemfrage, fehlende Flexibilität, die taktische Überforderung seiner Mannschaft und die anhaltende Erfolglosigkeit auf dem Transfermarkt schwerer. Deshalb sollte sich Werder zu einem neuen Impuls auf der Trainerbank entschließen, ein viertes Jahr mit den genannten Versäumnissen wird die Entwicklung der Mannschaft hemmen. Ein sauberer Schnitt am Ende der Saison würde auch zum Werder-Stil passen.

Der letzte Gedanke

Wir könnten auch sagen: Thomas Eichin, übernehmen Sie! Der vom Eishockey-Club Kölner Haie nach Bremen gewechselte Manager ist erst seit wenigen Wochen im Amt und verschafft sich gerade einen Überblick über sein neues Umfeld. Eichin hätte die nötige Distanz, um Denkmal Schaaf von eben dieser sauberen Lösung zu überzeugen. Der restliche Bremer Klüngel um Präsident Klaus-Dieter Fischer, die Aufsichtsräte Willi Lemke und Marco Bode oder Geschäftsführer Klaus Filbry scheint eine Trennung zu scheuen. Vielleicht wurde mit Eichin ja genau deshalb ein Außenstehender verpflichtet.

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2 comments

  1. O-wage

    Beim SVW läuft seit ca. 3Jahren der Umbruch … Leider ist bis jetzt noch kein Erfolg eingetreten… Das hat auch Herr Allofs erkannt und hat die Flucht ergriffen…

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