Versuchskaninchen Schalke 04

Der FC Schalke 04 dreht die nächsten Kapriolen in der Glückauf-Achterbahn der Gefühle. Nach dem überzeugenden 3:0-Heimsieg gegen Stuttgart am Samstag folgte die desaströse 1:3-Pokal-Heimpleite gegen Hoffenheim. Die Leistung von Jermaine Jones in beiden Spielen steht stellvertretend für die Leistung der Mannschaft und die Gefühlswelt der Fans. Gegen Stuttgart war Jones noch Antreiber und Torschütze und lieferte sein bestes Saisonspiel ab. Gegen Hoffenheim war er an zwei Gegentoren beteiligt und machte das Gegenteil von einem guten Spiel.

Jenseits der pauschalen „Hurra-Wir-sind-die-Geilsten“ und „Die-kannste-alle-vergessen“-Urteile, wie sie der mal gestreichelten, mal geplagten Fanseele gerne entweichen, gibt es einen Anspruch, der sich aus der Qualität des Kaders ergibt. Hier liegt die Messlatte ziemlich hoch. Schalke hat mit 80 Millionen Personaletat die zweitteuerste Mannschaft der Liga. In der Marktwerttabelle der Kader liegt Schalke hinter Bayern München und Borussia Dortmund auf Platz drei der Liga. Schalke ist also finanziell mit den besten Voraussetzungen gesegnet. Nur auf dem Trainerposten, da leistet man sich ein Experiment.

Die Bayern lassen den teuersten Kader der Liga von dem wohl derzeit bestmöglichen Trainer betreuen. Nach ersten Erfolgen in Mainz war es Jürgen Klopp, der in Zusammenarbeit mit Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke den BVB überhaupt erst in die heutige Position gebracht hat. Warum leistet sich ein Club wie Schalke, ein Club mit Champions League-Ambitionen und einem Kader, der den Einzug in die Königsklasse möglich machen sollte, einen Trainer, der bisher noch kaum Erfahrung gesammelt hat, geschweige denn gezeigt hat, dass er auf diesem Niveau eine gute Wahl ist?

Jens Keller absolviert den praktischen Teil seiner Trainerausbildung am lebenden Objekt. Er schied nun zum zweiten Mal frühzeitig im DFB-Pokal aus. Beide Male in einem Heimspiel gegen einen schlagbaren Gegner (Mainz, Hoffenheim). Er schied im letzten Jahr gegen einen schwächer eingestuften Gegner in der Champions League aus (Galatasaray). Er erreichte am letzten Spieltag mit Ach und Krach das Minimalziel Platz vier in der Liga und mit ebenso viel Blut, Schweiß und Tränen überwand er gerade so die PAOK Saloniki-Hürde in der CL-Qualifikation. Die Ergebnisse sind mäßig, die Flut an Gegentoren unübersehbar, und die taktischen Fehler häufen sich.

Nach dem Spiel gegen Galatasaray äußerte Keller sich vor laufenden Kameras, die taktische Aufstellung von Fatih Terim habe ihn überrascht, und Schalke konnte erst in der Halbzeit reagieren. Im Spiel gegen Hoffenheim wurde so offensiv gewechselt, dass kaum noch Spieler für den Spielaufbau vorhanden waren. Keller machte den seit Berti Vogts’ Stürmer-Inflation beim 0:3 gegen Kroatien 1998 nicht mehr so häufig beobachteten Fehler und wechselte so offensiv, dass die Kontrolle über das Mittelfeld verloren ging und der Ball überhaupt nicht mehr vor das gegnerische Tor kam. Markus Gisdol übrigens machte es genau richtig, ließ seine Mannschaft höher stehen und durch Überzahl im Mittelfeld die Schalker in der letzten Spielphase gar nicht erst vor das eigene Tor kommen.

Ein Club wie Schalke kann es sich nicht erlauben, einen Trainer im laufenden Betrieb auszubilden. Ich bin der Meinung, junge Trainer sollten in der Regionalliga, dritten oder zweiten Liga ihre ersten Erfahrungen machen und sich ihre Meriten verdienen, bevor sie in der Champions League auf die Spitze Europas treffen. Noch gefährlicher ist es, einen Trainer nur aufgrund dessen großer Spielerkarriere zum Chefcoach zu machen, was ich schon in meinem Artikel zum Effenberg-Experiment mit Zahlen untermauern konnte.

Warum nicht einem Trainer eine Chance geben, der bereits in der Bundesliga oder zweiten Liga gezeigt hat, dass er aus weniger mehr machen kann, sprich aus einem geringen Budget eine bessere Mannschaft? Einem Trainer, der seine Erfahrungen mit 0:3-Rückständen, Umstellungen während des Spiels und Saisonvorbereitungen schon gesammelt hat? Oder einem international erfahrenen ausländischen Trainer, der bereit ist, die Sprache zu lernen? Den neuen Superhasen aus dem Trainerhut zu ziehen, dieser Versuch von Horst Heldt ist meiner Meinung nach gescheitert.
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5 comments

  1. gruselsack

    so richtig der kommentar streckenweise ist, stört mich dennoch das traditionelle und somit quasi ewige rumgehacke auf dem trainer. sicher, die kritik ist berechtigt, ABER wie kann es sein das leute die zusammen 80 mio € bekommen, es nicht fertig bekommen ne professionelle arbeitseinstellung an den tag zu legen? es ist ja nun nicht so das der trainer kommt und dann die 11 männekes auf dem platz „fernsteuert“, ganz im gegenteil. eigentlich sollte man erwarten das derart hochbezahlte leute schon aus dankbarkeit dafür das man sie derart wertschätzt und on top generös entlohnt eine grundsätzlich solide arbeit abliefern, selbst wenn es keinen trainer gäbe. und dann kommt ja noch die frage wer ist eigentlich chef im ring? ich würde fast sagen der trainer und damit stellt man fest, das es eigentlich ganz anders ist. denn wenn die mannschaft verliert kann man auch sagen die haben schlicht nicht getan was der chef verlangt hat. was in meiner kleingeistigen denke dazu führen müsste das gehälter gekürzt werden. aber natürlich ist es einfacher einen trainer zu chassen, als 20 rotzlöffeln ihre staralüren auszutreiben.

    • Michel Massing

      @ gruselsack : Ich bin anderer Meinung. Den Charakter und Willen der Mannschaft in Frage zu stellen, oder auf die Millionen Gehälter zu verweisen, ist ebenfalls eine traditionelle Reaktion auf schlechte Leistungen einer Mannschaft. Ich glaube, es wurden in der Zeit von Jens Keller zu viele taktische Fehler gemacht. Das heißt, der Trainer hat die Mannschaft nicht gut genug eingestellt. Schalkes Offensivspiel scheint von den lichten Momenten und der individuellen Klasse von Draxler, Boateng und Farfan abzuhängen. Einen Plan, wie die Mannschaft nach vorne spielen will, eine Strategie, kann ich selten erkennen. Es ist oft Stückwerk aus individueller Klasse. Das defensive Umschaltverhalten ist ebenfalls seit längerer Zeit ein Problem und ich sehe kaum Verbesserung. Man kann natürlich argumentieren, dass einzelne Spieler sich nicht an den Plan des Trainers halten. Dann müsste Keller allerdings härter durchgreifen und Spieler, die vogelwild auf dem Platz agieren, auch auf die Bank oder Tribüne setzen. Das die ganze Mannschaft gegen Keller spielt – wie man ja vermuten muss, wenn man Ihren Kommentar ließt („die haben schlicht nicht getan was der chef verlangt hat“) – daran glaube ich persönlich eher nicht. Sollte das so sein, dann ist das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer so gestört, dass Horst Heldt eingreifen muss. Schalke hat natürlich auch großes Verletzungspech. Dennoch. Warum Schalke so oft ohne Absicherung ins Hoffenheimer Messer gerannt ist. Die Außenspieler ins offensive Dribbling gegangen sind, Jones einen zweiten offensiven Mittelfeldspieler gegeben hat – das sind alles Dinge, die ich taktisch nicht nachvollziehen kann. Warum Keller dann den einzigen echten defensiven Mittelfeldspieler zur Halbzeit aus dem Spiel nahm. Jones ist eigentlich ein dynamischer „Achter“, der ständig den Weg nach vorne sucht. Der war mit der Rolle des Spielaufbaus überfordert. Später war dann auch gar kein Spieler mehr vorhanden, der das Spiel von hinten hätte aufbauen können. Das Mittelfeld wurde grundlos preisgegeben und somit die Kontrolle über Spiel und Gegner. Gisdol hat sich gefreut.
      Interessant dazu auch dieser Artikel, der noch andere Schwerpunkte taktischer Art beleuchtet: http://spielverlagerung.de/2013/12/04/schalker-strategiewechsel/

      • Osama

        Und ich dachte ffcr einen kzuren Moment, dass hier das Klinsmann-Interview nach dem Pokalfinal-Aus kommentiert wird. Da wfcrde auch einiges passen.

  2. Rjonathan

    Alles in allem unterstütze ich die Grundausrichtung. In Italien wird niemand Trainer, der nicht unterklassig was bewiesen hat. Aber:
    – Keller für 2 Pokalaus verantwortlich zu machen ist unverschämt.
    – Gala als schlechter zu qualifizieren obwohl sie Drogba und Snijder (2 CL-Sieger) in der Mannschaft hatten, finde ich übertrieben. Man hat den Raul-Effekt auf Schalke auch gesehen.
    – Wenn man den Kader-Wert nimmt sollte man auch beachten dass zwischenzeitlich auch einige Spieler mit den hohen Marktwerten verletzt waren. Bin mir nicht mehr sicher wieviel genau aber ich hatte das glaube ich mal auf ca. 70 Mio. berechnet.

    • Michel Massing

      Beim ersten Pokalaus gegen Mainz war er gerade erst im Amt, deshalb wahrscheinlich Deine Beschwerde, man könne ihn dafür nicht verantwortlich machen. Ich frage mich aber, warum ein Trainer ein Heimspiel gegen eine deutlich schwächer besetzte Mannschaft verlieren muss, nur weil er neu ist. Die Mannschaft hat mit seiner Auf- und Einstellung gleich das erste Spiel verloren und eines ist doch vollkommen klar, wenn sich das Gesicht der Mannschaft, die Spielweise, die defensive Anfälligkeit – wenn sich all das danach maßgeblich geändert hätte -dann gäbe es diesen Kommentar gar nicht.

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