Vorsicht, frisch gestrichen

In Hamburg wird das Länderspiel gegen Polen auf Plakaten mit den Konterfeis von Marcell Jansen, Miroslav Klose und André Schürrle beworben. Wer bis zu 60 Euro für ein Ticket ausgegeben hat, wird dieses Trio wie 17 andere Spieler aus dem vorläufigen WM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw vergeblich suchen. Das Spiel wird zur sportlichen Farce, deshalb verkauft es der DFB als wichtigen Testlauf für die Wackelkandidaten im WM-Kader.

Dabei kann das zusammengewürfelte Team gegen das B-Team von Polen nur schlecht aussehen, echte Erkenntnisse für die Weltmeisterschaft wird Löw nicht bekommen. Neuling Erik Durm sollte sogar froh sein, erst nach dem Pokalfinale dazuzustoßen. Letztlich werden die Eindrücke aus dem Trainingslager in Südtirol über die Tickets nach Brasilien entscheiden. Dabei ist die Sache ganz einfach: Gegen den Ball präsentiert die logische Streichliste, in der ein großer Name nicht fehlen sollte:

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Matthias Ginter (SC Freiburg/1 Länderspiel)

Schon die Tatsache, dass der Freiburger auf der DFB-Seite im WM-Kader im Mittelfeld, für das Polen-Länderspiel aber in der Abwehr aufgelistet wurde, sollte Matthias Ginter zu denken geben. Bei Ginter hatte der DFB auf der Provinz-Präsentation des WM-Kaders auch kein Foto parat und als Löw im Anschluss bei den Vorzügen Ginters von dessen Erfahrungen auf der Zehn erzählte, hätte der zweifache Träger der Fritz-Walter-Medaille seine Koffer wieder auspacken können.

Ginter scheint mit seiner Vielseitigkeit ein echter Notnagel zu sein, der überall spielen kann, aber nirgendwo spielen wird. Tatsächlich ist die Zeit für den von Borussia Dortmund umworbenen Ginter noch nicht reif. Er ist zwar ein moderner Innenverteidiger, der in der Spieleröffnung an Mats Hummels erinnert und mit hohem taktischen Verständnis auch auf der Doppelsechs eingesetzt werden kann. Auf beiden Positionen ist die Konkurrenz aber noch zu groß.

In der Abwehr sind Hummels, Jérôme Boateng und Per Mertesacker unverzichtbar und für den gerade genesenen Benedikt Höwedes spricht die Erfahrung von 18 Länderspielen und die Möglichkeit, als rechter Außenverteidiger aushelfen zu können. Auf der defensiven Sechs werden Sami Khedira, Lars Bender oder zur Not Philipp Lahm spielen. Sollte Ginter tatsächlich zum BVB wechseln und dort mehr Praxis auf hohem Niveau erhalten, gehört ihm in der Innenverteidigung die Zukunft.

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Shkodran Mustafi (Sampdoria/kein Länderspiel)

Für Mustafi gelten ähnliche Voraussetzungen wie für Ginter. Drei von vier Plätzen in der Innenverteidigung sind fest vergeben, über den vierten entscheidet allein Höwedes mit seiner Fitness. Der Schalker Kapitän musste in dieser Saison dreimal mit muskulären Verletzungen aussetzen. Nach einem Muskelbündelriss schaffte es Höwedes gegen Nürnberg mal wieder in den Kader und durfte ein paar Minuten mitspielen. Höwedes braucht nach Verletzungen allerdings wenig Anlaufzeit und erreicht schnell wieder seine Topform.

Mustafi, der bei Eintracht Frankfurt im Gespräch ist, wird seine Chance nutzen wollen, steht in der Hierarchie aber noch hinter Ginter und müsste somit zwei Spieler überholen. Im Gespräch mit der FAZ vor einigen Wochen hat Mustafi eine seiner Stärken genannt: Geduld. Bei seinen Stationen Hamburger SV, FC Everton und Sampdoria musste er sich stets hinten anstellen. „Im Fußball spielt nicht immer der, der besser ist“, ist sich Mustafi sicher. „Das muss man verstehen als junger Spieler, sonst geht man dran kaputt.“ Ein unkaputtbarer Mustafi ist deshalb erst nach der Weltmeisterschaft ein realistischer Kandidat.

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Marcell Jansen (Hamburger SV/45 Länderspiele)

Seit Jahren beklagt Löw die qualitativ und quantitativ dünne Besetzung auf den Außen in der Viererkette. Philipp Lahm ist die einzige Konstante, nach Pep Guardiolas Rochade gilt Lahm aber plötzlich auch als Kandidat für das defensive Mittelfeld. Auch wenn Löw mit Lahm, Marcel Schmelzer, den umgeschulten Erik Durm und Kevin Großkreutz sowie Marcell Jansen gleich fünf Außenverteidiger in den Kader berufen hat, bleibt das qualitative Problem bestehen. Schmelzer konnte im Nationalteam nie an die Leistungen beim BVB anknüpfen, Durm ist unerfahren und Großkreutz spielt nach der Rückkehr von Lukasz Piszczek wieder überwiegend im Mittelfeld.

Bleibt noch Marcell Jansen, der mit dem HSV zunächst in die Relegation muss, bevor er zum DFB reisen kann. Wie Höwedes, Sami Khedira und Miroslav Klose gehört auch Jansen zu den Fitness-Wackelkandidaten. Der Linksverteidiger pausierte seit dem 24. Spieltag mit einem Außenbandriss, bezahlte sein Comeback in Augsburg mit einem körperlichen Rückschlag und durfte gegen Mainz am letzten Spieltag erneut für acht Minuten mitspielen. Jansen kehrte nur wegen der prekären Lage in Hamburg so schnell zurück, an seiner Verfassung gibt es berechtigte Zweifel. Zumal Jansen – im Gegensatz zu Höwedes – ein Spieler ist, der bis zur Bestform einige Wochen benötigt. Das wird der Bundestrainer in Südtirol auch erkennen und Jansen nach Hause schicken.

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Leon Goretzka (FC Schalke/kein Länderspiel)

Der FC Schalke hat die beste Rückrunde der Bundesliga-Geschichte gespielt und Leon Goretzka hatte durchaus seinen Anteil an dieser Entwicklung. In der Hinrunde kämpfte der Youngster noch mit Umstellungs- und Krankheitsproblemen. Doch seit seinem Tor gegen Leverkusen am 21. Spieltag gehörte Goretzka zum Stammpersonal auf Schalke. Allerdings stellt sich schon die Frage, wo genau der Ex-Bochumer in der Nationalmannschaft spielen sollte.

Goretzka gilt als zentraler Mittelfeldspieler, der von Trainer Jens Keller aber überwiegend auf Außen eingesetzt wurde. Gegen den FC Bayern und Werder Bremen durfte er dann mal auf der Acht spielen, in beiden Partien machte Goretzka grobe taktische Fehler und wurde danach wieder nach außen versetzt – wo er zu überzeugen wusste. Für eine zentrale Rolle auf der Doppelsechs ist Goretzka mit seinen 19 Jahren noch zu unerfahren und auf Außen wird er sich gegen die deutlich schnelleren Konkurrenten Mario Götze, Marco Reus, André Schürrle, Kevin Volland sowie Thomas Müller sicher nicht durchsetzen.

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Max Meyer (FC Schalke/kein Länderspiel)

Der Jüngste im DFB-Kader müsste schon ein überirdisches Trainingslager hinlegen, um den Sprung nach Brasilien zu schaffen. Meyer (18) gehört auf Schalke zwar zu den Gewinnern der Saison, immerhin kam er auf 30 Bundesliga-Spiele und war dabei an zehn Treffern beteiligt. In den Spielen gegen die absoluten Topteams wie Real Madrid, FC Bayern oder FC Chelsea wurden jedoch Meyers körperliche Defizite offensichtlich.

Meyer kann ein Spiel lenken, spielt kluge Pässe, setzt seine Nebenleute geschickt ein und ist vor dem Tor schon extrem cool. Gegen robuste und erfahrene Gegenspieler, von denen es bei einer Weltmeisterschaft einige geben soll, kann sich Meyer aber noch nicht durchsetzen und taucht dann völlig ab. Es ist einfach nicht vorstellbar, wie Meyer die etablierten Spielmacher Mesut Özil, Marco Reus oder Mario Götze aus dem Kader verdrängen sollte.

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André Hahn (FC Augsburg/kein Länderspiel)

Die Scouting-Abteilungen der Proficlubs werden immer professioneller, trotzdem rutschen manchmal talentierte Spieler durch, die erst über Umwege den Weg in die Bundesliga oder gar in die Nationalmannschaft finden. André Hahn ist ein solcher Spieler. Beim HSV II für nicht gut genug befunden, führte sein Weg über den FC Oberneuland, die TuS Koblenz und Kickers Offenbach nach Augsburg.

Dort stieg er zu einem der torgefährlichsten Außen der Liga auf, im kommenden Jahr spielt er mit Borussia Mönchengladbach in der Europa League. Dort wird Hahn ausgeruht in die Vorbereitung gehen können, denn er hat das Pech, auf einer sehr umkämpften Position zu spielen. Seine Dynamik und Abschlussstärke könnten auch für Löw eine Waffe sein, aber wie Goretzka und Meyer muss auch Hahn Außergewöhnliches leisten, um an Götze, Reus, Müller, Volland oder Schürrle vorbeizuziehen.

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Lukas Podolski (FC Arsenal/112 Länderspiele)

Lukas Podolski gilt als sicherer WM-Kandidat. Die Argumente für diese Einschätzung sind so einfach wie irritierend. Podolski ist nach Klose der erfahrenste Nationalspieler im Kader, er hat schon 46 Länderspiel-Tore erzielt und Löw könne sich immer auf Podolski verlassen. Erfahrung allein darf nicht der ausschlaggebende Punkt sein, Ralph Siegel darf beim ESC ja auch nicht mehr für Deutschland komponieren.

Denn bei Podolski stehen der Erfahrung taktische Schwächen, seine Eindimensionalität, fehlende Laufbereitschaft und die seit 2011 anhaltende Torflaute im DFB-Trikot (vier Tore in 29 Spielen) gegenüber. Podolski ist nicht in der Lage, die Rolle im linken Mittelfeld so auszufüllen, wie es der moderne Fußball erfordert. Hält er sich an defensive Aufgaben, leiden wie bei der EM 2012 seine Abschlussqualitäten. Und konzentriert er sich auf die Offensive, kann sich der Linksverteidiger hinter ihm auf einsame 90 Minuten einstellen. Podolskis Zeit ist vorbei, zumal mit Julian Draxler ein Konkurrent nominiert werden kann, der die Balance zwischen Offensive und Defensive deutlich besser beherrscht und vielseitiger einsetzbar ist.

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