Warum Brasilien nicht Weltmeister wird

Besser hätte es für die brasilianische Nationalmannschaft nicht laufen können. Auf dem Weg zum vierten Titel beim Confederations Cup hat der neue, alte Trainer Luiz Felipe Scolari eine feste Formation gefunden, die in den fünf Spielen 14 Tore erzielte, dabei mit Italien und Spanien zwei europäische Großmächte besiegte und so ein Jahr vor der Weltmeisterschaft eine sportliche Euphorie im Land des Rekordweltmeisters auslöste.

Scolari sieht seine Mannschaft, die vor dem Turnier laut FIFA-Weltrangliste nicht mehr zu den Top 20 in der Welt gehörte, auf Augenhöhe mit den Großen, auch wenn er die noch bevorstehende Arbeit ausdrücklich betonte. Die Rechnung ist einfach: Nach einem 3:0-Sieg gegen Spanien kann die Selecao mit dem Heimvorteil im Rücken nur als Topfavorit in die WM 2014 gehen. Ich sehe das anders und habe mal ein paar Gründe zusammengetragen, warum das kein Selbstläufer wird:

Euphorie ist gut, aber…

Das System der Selecao hat durchaus interessante Aspekte, die von den Ergebnissen her auch zum Erfolg führten. Die Bedeutung des Confed Cups für den Gastgeber ist in dieser Erfolgsstory jedoch ein wichtiger Faktor. Seit der Copa America 2011 und bis zur WM im eigenen Land waren die fünf Partien die einzigen Pflichtspiele – für Trainer Scolari war es sportlich daher der ultimative Härtetest und genau so stellte er seine Mannschaft ein.

Fast noch wichtiger für Scolari: Die Stimmung im Land musste nach den Jahren mit den ungeliebten Nationaltrainern Carlos Dunga und Mano Menezez wieder ins Positive gedreht werden. Neymar, Marcelo, David Luiz oder Luiz Gustavo brachten das Publikum in allen Spielen gestenreich hinter sich und die Solidarität mit dem vor den Stadien demonstrierenden Volk erledigte den Rest. Der Plan ging auf: Scolari und seine Spieler fühlen sich sportlich wieder der Weltspitze zugehörig und die Fans der Selecao stehen – auch ohne jogo bonito – hinter dem Team.

Somit war das 3:0 gegen übermüdete Spanier keine Überraschung, höchstens in dieser Deutlichkeit. Brasilien war mit dem patriotischen Herzen dabei und warf alles in die Waagschale, während der Welt- und Europameister diesen Titel nicht mit letzter Kraft anstrebte. Das wird im kommenden Jahr anders sein. Spanien, aber auch die anderen Mitfavoriten wie Deutschland, Italien oder Argentinien wissen nun, wie Brasilien spielen wird – Scolari wird keine großartigen Änderungen mehr vornehmen. Die Karten liegen auf dem Tisch und können gelesen werden.

Brasilien ist taktisch leicht auszurechnen

Brasilien spielte das gesamte Turnier nahezu mit der gleichen Startelf, einzig David Luiz und Paulinho mussten wegen Verletzungen zwischenzeitlich durch Dante und Hernanes ersetzt werden. Scolari ließ seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 spielen, wobei dem Flügelspiel eine besondere Bedeutung beikam.

Die beiden Außenverteidiger Dani Alves und Marcelo standen in allen Spielen gemäß ihrer offensiven Veranlagung sehr hoch und bildeten mit ihren Vorderleuten Hulk und Neymar auf den Seiten spielstarke Tandems. Zeitweilig wurden fast drei Viertel der brasilianischen Angriffe über Außen eingeleitet. Wichtige Rollen nahmen in diesem Konzept auf Paulinho und Oscar ein, die mit ihrer Laufstärke und Spielintelligenz das Überladen der Seiten unterstützten.

Des weiteren fiel auf, wie sich Bayerns Luis Gustavo immer wieder zwischen die Innenverteidiger abkippen ließ, um aus der Vierer- eine Dreierkette zu machen. Offensiv trat Gustavo dagegen kaum in Erscheinung, wegen dieser Disziplin hat ihn Scolari zum Stammspieler befördert. Das mit der Disziplin gilt auch für Oscar und Fred. Der offensive Mittelfeldspieler vom FC Chelsea ist kein klassischer Zehner, seine größte Aufgabe war es, die in kein taktisches Rezept zu pressenden individuellen Ausflüge von Neymar abzusichern. Und Fred glänzte zwar als fünffacher Torschütze, er leistete in erster Linie jedoch viel Drecksarbeit als erster Verteidiger des Teams.

Nicht nur das Spiel gegen Uruguay, als die Celeste ein starkes Pressing spielte und Brasiliens Flügelzangen gut zustellte, zeigte einige taktische Mängel, die die Selecao im Laufe der Weltmeisterschaft vor arge Probleme stellen kann. Auch Mexiko und Italien deckten Schwächen auf, die Mannschaften in Topform und mit einer optimalen Vorbereitung auf ein solches Turnier ausgenutzt hätten.

Scolari leistete sich nämlich den Luxus, die im modernen Fußball so wichtige Zentrale aufzugeben. Gustavo, das wissen Bayern-Fans nur zu genau, ist ein klassischer Arbeiter und kein Spieleröffner. Seine guten Passquoten rühren von den vielen Querpässen her. Paulinho war da kreativer, er musste jedoch häufig auf die Seiten ausweichen, um das Überladen einer Seite zu verstärken. Und Oscar bewegte sich taktisch zwar sehr schlau, ein Spielgestalter war er aber nicht.

Stattdessen hing der Spielaufbau in ungesundem Maße an den beiden Außenverteidigern. Waren Marcelo oder Dani Alves zugestellt, hatte die Selecao aus taktischer Sicht nur noch zwei Varianten: lange Bälle der beiden Innenverteidiger auf Stoßstürmer Fred oder die individuelle Klasse von Neymar.

Scolari hat den mittlerweile angestaubten Fußball der WM 2002 zurückgebracht, als Cafu und Roberto Carlos die Flügel-Spielmacher waren, eine gut geordnete Defensive über Kreativität und Spielkunst stand. Das erkennt man auch an der Tatsache, dass die Brasilianer in den fünf Spielen über 100 Mal Foul spielten – ein viel zu hoher Wert für ein ambitioniertes Team.

Das Team hat individuelle Schwachpunkte

Ein Blick auf die gestrige Siegerehrung lässt Zweifel an diesem Kritikpunkt aufkommen. Julio Cesar wurde als bester Torhüter des Confed Cups ausgezeichnet, Fred wiederum wurde knapp hinter Fernando Torres als Zweiter der Torschützenliste geehrt, weil er für seine fünf Treffer mehr Spielzeit benötigte als sein spanischer Kontrahent. Cesar und Fred – zwei Siegertypen für den WM-Titel?

Ich bleibe auch nach der erfolgreichen Generalprobe skeptisch, Cesar und Fred verkörpern für mich keine internationale Klasse. Der ehemalige Inter-Keeper, der nach dem Abstieg der Queens Park Rangers einen neuen Club sucht, offenbart zu große Schwächen im Herauslaufen, zudem war er in den letzten Jahren häufiger für individuelle Fehler gut, die zu Gegentoren führten.

Fred spielt wieder in Brasilien, nach seiner durchaus erfolgreichen Zeit bei Olympique Lyon zog es den Angreifer zurück in seine Heimat. Seine Torquote ist respektabel (104 Tore in 152 Pflichtspielen seit 2009), er konnte es aber nicht bei einem absoluten Topclub unter Beweis stellen. Für Scolari muss er das auch gar nicht, die Treffer beim Confed Cup waren für den Trainer angenehme Nebengeräusche. Aber selbst als Wandspieler für die langen Pässe aus der Abwehr oder als laufstarke Speerspitze im Pressing ist Fred für mich kein Stürmer der Extraklasse. Auf dieser Position wird Brasilien im kommenden Jahr Probleme bekommen.

Einer, der Fred ersetzen könnte, ist Hulk. Das sieht Scolari jedoch anders. Hulk spielt im rechten Mittelfeld, um mit seinem starken linken Fuß – äquivalent zu Neymar – in die Mitte ziehen und zum Abschluss kommen kann. Beim Confed Cup klappte diese Option nur ganz selten, trotzdem hält Scolari an Hulk fest und verzichtet auf den spielstärkeren Lucas Moura. Alles für Neymar:

Die Fokussierung auf Neymar ist gefährlich

Und jetzt spinnt der Krämer komplett, wie kann er denn den besten Spieler des Turniers als Schwachpunkt im brasilianischen Team ausmachen? Seine Schusstechnik, die Dribblings, die Schnelligkeit mit Ball, seine technischen Fähigkeiten, das Auge für den Mitspieler – all das sind tatsächlich Qualitäten eines kommenden Weltstars.

Ich glaube trotzdem nicht an Neymar als Topstar der nächsten WM und will das natürlich kurz erklären:

  • Das leicht auszurechnende Spiel der Selecao wird im kommenden Jahr noch mehr Last auf Neymars Schultern verlagern. Scolari gibt ihm alle Freiheiten, deshalb fehlt es auf den anderen Positionen in der Offensive jedoch an Qualität. Argentinien verließ sich auch über Jahre auf das Können von Lionel Messi, gruppentaktisch die falsche Entscheidung.
  • Neymar spielt in der kommenden Saison beim FC Barcelona. Dafür muss er seine Bewegungen umstellen, der Kombinationsfußball der Katalanen liegt dem 21-Jährigen nicht. Solche Prozesse können lange dauern. Auf seiner ersten Europa-Station wird er deshalb auch mal auf der Bank landen, was ebenfalls eine neue Erfahrung sein wird.
  • Auch wenn Neymars Bewegungen geschmeidig wirken und er sehr schnell ist, er leistete sich in den Spielen des Confed Cups viel zu häufig den Luxus, den Ball anzunehmen, abzustoppen, zu schauen und erst dann in die Bewegung zurückzukehren. So verlangsamte Neymar das Spiel der Selecao häufig, gegen moderne und ausgeruhte Abwehrreihen wird er nicht so oft zum Abschluss kommen.
  • Dieser Punkt betrifft nicht nur Neymar, aber eben auch. Brasilien spielte, vor allem gegen Spanien, ein sehr effektives Pressing. Das sah modern aus, aber eben auch, weil Spanien die nötige Fitness für die sonst so einzigartige Pressing-Resistenz fehlte. Denn in den anderen Spielen war immer wieder zu beobachten, wie sich die Selecao schwer tat, nach dem Überspielen der ersten Verteidigungsreihe wieder alle Spieler hinter den Ball zu bekommen. Neymars defensive Disziplin ist stark ausbaufähig.
  • Neymars Theatralik hat eigentlich keinen sportlichen Bezug. Er wird sich in Zukunft aber mit besonders aufmerksamen Gegenspielern auseinandersetzen müssen, was zu Verletzungen oder Revanche-Fouls führen kann. In Brasilien hat sich Neymar auch den Ruf eines Hitzkopfes erworben.

Der letzte Gedanke: Legende Heimvorteil

Zum Abschluss erlaube ich mir noch einen kurzen Gedanken zum scheinbar in Stein gemeißelten Vorteil der südamerikanischen Teams. Richtig ist, dass bei sechs WM-Turnieren in Mittel- und Südamerika noch nie eine europäische Mannschaft mit der Trophäe nach Hause fahren konnte. Der letzte Gastgeber hieß Mexiko und das ist im nächsten Jahr 28 Jahre her. Ich weigere mich deshalb, in Zeiten der modernen Sportmedizin und den Fortschritten in der Regeneration klimatische Bedingungen über die taktischen und individuellen Qualitäten zu stellen. Und der statistische Heimvorteil des Gastgebers (sechs Heimerfolge bei 19 Weltmeisterschaften) ist genauso viel wert wie die Tatsache, dass ein Confed Cup-Sieger im Jahr darauf noch nie die WM gewinnen konnte. Frei nach Adi Preißler: Entscheidend ist auf’m Platz!

Be Sociable, Share!

3 comments

  1. Jöran Landschoff

    Sehr schöner Aufsatz. Sehe vieles sehr ähnlich. Ich fand es erschreckend, wie die Spanier über den Platz schlichen. Es war meiner Meinung nach deutlich zu sehen, dass Brasilien am meisten an diesem Titel lag. Trotzdem hat die Mannschaft zweifellos viel Herz, und das ist auch im modernen Fußball noch immer ein großer Faktor für den Erfolg. Ich freue mich sehr auf das Turnier. Brasilien gegen Deutschland im Finale wäre sicherlich eine fantastische Begegnung.
    Beste Grüße!

  2. Ping: Weltrangliste: Auf dem Weg nach Brasilien › Gegen den Ball

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>