Warum die 50+1-Regel Retortenclubs produziert

Der Schriftsteller William S. Burroughs hat in Anmerkungen zu seinem bekanntesten Roman Naked Lunch schon 1959 etwas geschrieben, das man auch über den sogenannten War on Drugs sagen könnte, den US-Präsident Richard Nixon 1971 ausrief. Entscheidend für Drogenabhängigkeit, -konsum und -handel sei der Süchtige, nicht der Dealer. Solange es Bedarf für bestimmte Drogen gebe, werde es immer auch Leute oder Organisationen geben, die diese befriedigen würden. Die Illegalisierung bestimmter Drogen führe demnach nicht dazu, dass die kriminalisierten Substanzen nicht mehr gehandelt würden, sondern nur dazu, dass ihre Preise deutlich anstiegen – was wiederum die Attraktivität des Handels ebenso verstärke wie das Elend der Abhängigen.

Was hat das mit Fußball zu tun? Der Grund dafür, dass Investoren aus aller Welt Geld in den europäischen Profifußball stecken, besteht darin, dass man mit diesem Profifußball sehr viel Geld verdienen kann. So wurden zahlreiche Clubs vor allem in England, aber auch in Frankreich, Spanien und anderen Ländern von Unternehmern übernommen, die mit mehr oder weniger Erfolg, besseren oder schlechteren Konzepten an diesem großen Business partizipieren wollen. Dass man in Deutschland mit der landauf, landab beliebten sogenannten „50+1-Regel“ (nach der die „Stammvereine“ immer eine Mehrheit der Stimmrechte in allen Gesellschaften der Proficlubs halten müssen) solche Investoren aus dem Fußball heraushalten will, ist bekannt. Es führt aber nicht dazu, dass die Attraktivität des deutschen Fußballs für solche Zwecke verschwunden wäre. Es führt vielmehr dazu, dass Konzerne und Privatinvestoren in Deutschland nicht in sogenannte „Traditionsclubs“ investieren dürfen (vor allem nicht in solche, die bereits in den ersten beiden Ligen spielen). Da die Profitinteressen aber weiterhin gegeben sind, umgehen sie die 50+1-Regel eben, indem sie unterklassige Vereine übernehmen, deren Struktur nicht von der DFL erfasst wird.

Ergebnis ist also nicht etwa, dass der deutsche Fußball in seiner traditionellen Struktur erhalten wird, sondern dass in der Saison 2015/16 schon vier von 18 Vereinen der Bundesliga faktisch reine kommerzielle Vehikel sein könnten: Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg, die aus „historischen Gründen“ von Konzernen statt von ihren Mitgliedern gelenkt werden dürfen, sowie die TSG Hoffenheim (von SAP-Gründer Dietmar Hopp als Mäzen aus dem Amateurbereich in die Bundesliga gekauft) und RB Leipzig (Marketinginstrument des österreichischen Red Bull-Konzerns). In keiner anderen großen Liga gibt es dieses Phänomen so ausgeprägt wie in Deutschland. Was nicht bedeutet, dass man alle Regeln aufgeben muss. Aber die kritiklose Verteidigung der 50+1-Regel, die in praktisch allen hiesigen Sportmedien und Fanzines zu finden ist, befremdet doch etwas.

Um die mutmaßlich unbeabsichtigte Nebenwirkung der 50+1-Regel mit Zahlen zu belegen: Anders als in der Bundesliga gibt es im schrankenlosen Investorenparadies Premier League nicht einen einzigen Club, der in die Elite des englischen Fußballs „hineingekauft“ wurde. Unter den 20 Erstligisten der abgelaufenen Saison könnte man höchstens Hull City als Beispiel für ein Team nennen, das nicht traditionell eine größere Rolle im englischen Fußball gespielt hat, und auch die sind seit über 100 Jahren in den Profiligen vertreten (nur halt historisch eher zweit- oder drittklassig).

Damit will ich nicht die Zustände in England wie die Übernahme Manchester Uniteds durch die Glazer-Familie verharmlosen – nicht ohne Grund gibt es unter den Fans viele Widerstände gegen die starke Kommerzialisierung. Die relative Leichtigkeit, mit der Investoren in den englischen Fußball einsteigen können, führt aber dazu, dass diese sich bevorzugt Traditionsclubs mit vielen Fans aussuchen, weil solche natürlich größere Absatzchancen versprechen. Denn auch, wenn viele heutige Fußballfans Manchester City nicht ohne das Adjektiv „neureich“ ansprechen können, handelte es sich bei den Citizens sehr wohl um einen der beliebtesten englischen Clubs mit großer, teils tragischer Geschichte. Gleiches gilt übrigens auch für Chelsea zum Zeitpunkt, als Roman Abramovich als einer der ersten großen Investoren auf der englischen Fußballbühne auftauchte.

Anders formuliert: Clubs ohne Tradition haben sich in England fast nie dauerhaft durchsetzen können, bestenfalls spielen sie heute zweitklassig wie Watford oder Wigan Athletic, der nach amerikanischem Vorbild vor zehn Jahren aus Wimbledon transferierte Club Milton Keynes Dons vegetiert heute in der dritten Liga vor sich hin. Demgegenüber spielen von den 23 Clubs, die bereits im 19. Jahrhundert in der englischen ersten Liga vertreten waren, heute noch 21 in einer der ersten vier Profiligen des Landes.

Man vergleiche das mit der Situation in Deutschland. Sicher sollte man jeden Fall einzeln betrachten, ich erwähne das hier sehr pauschal, aber wenn man sich ansieht, wo Dynamo Dresden oder Rot-Weiss Essen stehen, während baden-württembergische Kleinstadtclubs wie Aalen, Sandhausen und Heidenheim die zweite Liga bevölkern, dann wirft das zumindest Fragen auf: Warum reichen sehr hohe Zuschauerzahlen nicht aus, um im deutschen Profifußball zu bestehen? „Weil da Misswirtschaft betrieben wurde“, heißt es dann gerne. Klar, gut gearbeitet wurde an solchen Standorten nicht. Aber das ja auch deshalb, weil Menschen, deren Job und Ziel es ist, Geld zu verdienen und Gewinn zu maximieren, nicht einsteigen dürfen.

Mag sein, dass der Widerstand, der Red Bull-Mogul Dietrich Mateschitz aus der DFL entgegentritt, damit zu tun hat, dass nun erstmals ein ausländischer Investor die Geschicke eines Bundesligisten übernehmen will. Immerhin hatte der bei 1860 München tätige Hasan Ismaik auch nicht gerade eine positive Presse – anders als Dietmar Hopp, der zwar bei mancher Fanszene unbeliebt ist, in den Medien aber gerne als Wohltäter für die ganze Region Nordbaden porträtiert wird. Doch eine Unterscheidung in deutsche und nichtdeutsche Investoren, so klar sie an Fußballstammtischen wohl auf Zustimmung stieße, ist mit europäischem Recht ganz gewiss noch weniger vereinbar als die 50+1-Regel in ihrer bisherigen Form.

Wer nun europäisches Zivilrecht für dem Fußball wesensfremd hält und in seiner möglichen Anwendung auf die Bundesliga ein weiteres Fanal für die Kommerzialisierung seines geliebten Sports sieht, dem sei gesagt: Solange Clubs wie der FC Bayern einen hohen neunstelligen Jahresumsatz machen, muss eine Verfassung des Sports, die auf der Basis des deutschen Vereinsrechts fußt und so tut, als gelte es, ehrenamtliche Arbeit zu schützen, aufgrund ihrer Doppelmoral auch angreifbar sein. Den FC Bayern mit seinen Anteilseignern Audi und Adidas sowie den „Partnern“ Telekom und Allianz muss man nicht mögen und akzeptieren. Man kann stattdessen Clubs mit weniger finanziellen Möglichkeiten die Daumen drücken, wenn man das möchte. Erst recht nicht muss man den „Projekten“ Hoffenheim und Leipzig Erfolg wünschen. Ich tue es jedenfalls sicher nicht.

Aber die 50+1-Regel ist, darin in gewisser Weise den Financial Fairplay-Regularien der UEFA ähnlich, nicht dazu geeignet, den Fußball zu entkommerzialisieren oder vor dem Einfluss „des Geldes“ zu schützen. Das Geld wird im Fußball ja weiter verdient, und die gleichen Verbände, die die angesprochenen Regeln aufstellen und verteidigen, unternehmen alles, um ihre Einnahmen und Vermarktung stetig zu steigern. Die Regeln haben vor allem den Effekt, die bisherigen Interessen, die im europäischen Fußball präsent sind, vor der Konkurrenz durch neue Investoren zu schützen. Ich schreibe bewusst „Effekt“, um gar nicht in den Verdacht von Verschwörungstheorien zu geraten. Dass sie zusätzlich, und vielleicht sogar vor allem, auch das „Ziel“ haben, diese Konkurrenz zu unterbinden, scheint mir zwar naheliegend, aber der Effekt ist jenseits solcher Spekulationen eine unbestreitbare Tatsache.

Das aber – Regeln, die eingesessene Marktteilnehmer vor Konkurrenz schützen – ist nichts anderes als ein Kartell. Dieses Kartell wird durch Regeln wie 50+1 oder Financial Fairplay weder angegriffen noch eingehegt, sondern gestützt. Dass der drittreichste Club der Welt bei der Verpflichtung des fortan bestbezahlten Trainers der Welt behauptet, Pep Guardiolas Entscheidung für den FC Bayern sei „gegen das Geld“ und „für den Fußball“ erfolgt, und das in den hiesigen Medien nicht etwa hinterfragt, sondern bekräftigt und mit Attacken gegen den „kommerziellen“ englischen Fußball flankiert wird, zeigt aber, wie wenig das wahrgenommen wird und wie viel attraktiver die meisten das Narrativ „alle verschuldet außer Mutti“ finden. Die 50+1-Regel und das FFP sichern dem FC Bayern und den an ihm beteiligten Konzernen die aktuelle, gewaltige Vormachtstellung und verhindern dauerhaft, dass jemand in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den Münchnern wird arbeiten können. Das ist der eine Effekt der 50+1-Regel. Der andere ist der Erfolg von Projekten wie Red Bull und Hoffenheim. Er entsteht nicht trotz, sondern wegen dieser Regularien.

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3 comments

  1. malte

    Die Kernthese dürfte unbestritten sein (auch wenn sie es leider nicht ist), mit manchen Teilaspekten tue ich mich ein wenig schwer:

    „Der Grund dafür, dass Investoren aus aller Welt Geld in den europäischen Profifußball stecken, besteht darin, dass man mit diesem Profifußball sehr viel Geld verdienen kann.“

    Das wäre mir persönlich zu simplifiziert. Es existieren zu viele Formen des „Investments“; letztlich lässt diese Argumentation außer Acht, dass die Ehe zwischen Wirtschaft(-spatriarchen) und Fußball bereits fest verankert war, als in selbigem noch keine Millionen kursierten.
    Seinsch tingelt nicht von Schalke aus über Reutlingen nach Augsburg, weil er unbedingt Geld verdienen möchte. Auf größerer Ebene kann man dies durchaus auch auf Abramowitsch und Co. projizieren (knallharte Businesspläne wie die der Kataris in Paris explizit ausgenommen): Fußball ist Macht, Emotion, Ansehen, gesellschaftliche Strahlkraft – und aus dieser Perspektive manchmal auch einfach nur eine äußerst befriedigende Betätigung. Gerade wenn man sonst alles erreicht hat.
    Und hat Leverkusen nicht mehr „Tradition“ als Mainz, Augsburg und Freiburg? Inwiefern stellt die TSG Hoffenheim ein „rein kommerzielles Vehikel“ dar? Gefühlt werden solche Begrifflichkeiten eher als Worthülsen für „Retorte“ entfremdet.

    • Daniel Raecke

      Hallo Malte, danke für Deinen Kommentar! Ich gebe Dir Recht, dass meine Wortwahl nicht die präziseste ist, wenn es um die diversen Arten und Weisen geht, auf die man als Investor am Profifußball partizipieren kann. Das ist wohl nicht zuletzt dem Wunsch geschuldet, den Artikel kompakt zu halten und nicht mit zu vielen Differenzierungen zu verlängern. Sicher gibt es Unterschiede zwischen dem, was Glazer, Abramovich, Hopp, Mateschitz, Abu Dhabi und Katar mit ihren jeweiligen Clubs anstellen, und welche Gratifikation sie daraus ziehen. Würde allerdings grundsätzlich rationales Handeln der Akteure bei solchen Summen eher voraussetzen als abstreiten wollen. Das heißt, dass es ein berechtigtes und nachhaltiges Interesse daran gibt, in europäischen Profifußball zu investieren. Hier ging es mir vor allem darum, die öffentliche Unterscheidung zwischen „guten“ und „bösen“ Investoren anzugreifen, die der kritiklosen Verteidigung der 50+1-Regel zugrundeliegt. Mir persönlich ist unbegreiflich, warum die Millionen von Audi oder Bayer zu begrüßen sein sollen, während die von Red Bull oder aus den Emiraten den Fußball bedrohen.
      Der Begriff „Tradition“ wiederum, den ich nur zu Beginn des Texts in Anführungszeichen gesetzt habe, bedürfte einer viel genaueren Erörterung. Einen Wert an sich hat die „Geschichte“ eines Clubs natürlich nicht, sie scheint aber für das Faninteresse und die Vermarktbarkeit eines Clubs von zentraler Bedeutung zu sein. Das zeigt ja unter anderem das berüchtigte Spiel Leverkusen – Wolfsburg, dessen Zuschauerquote auf Sky erst ein einziges Mal die Messbarkeitsgrenze von 5.000 Menschen erreicht hat. Insofern ist Leverkusen (ohne eigenes „Verschulden“) definitiv kein Traditionsclub, der Emotionen bei den Fans freisetzt. Das mag aber für Augsburg auch gelten. Das alles wird von mir nicht in wertender, sondern nur in beschreibender Weise erwähnt. Wenn sie freie Hand hätten, würden die meisten Investoren sicher lieber den FC Köln unterstützen als Bayer Leverkusen. Unabhängig von der persönlichen Sympathie ist es aber doch auch zumindest ein kategorieller Unterschied, ob man sein Geld in einen bestehenden Profiverein steckt oder, wie Hopp, einen Dorfverein aus der untersten Amateurklasse nach oben kauft. Was Hopp daraus letztlich zieht, mag man diskutieren. Aber in den Karlsruher SC zum Beispiel hätte Hopp eben nicht investieren dürfen, selbst, wenn er es gewollt hätte.

  2. Ping: Fokus Fussball Ticker: 27.Mai 2014 | Fokus Fussball

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