Was Hollande hat und Deutschland fehlt

In aller Freundschaft schlug die DFB-Elf im Februar die Länderauswahl Frankreichs. Deplatziert wirkte dabei nicht nur Kanzlerin Merkel neben Frankreichs Staatspräsident. Benedikt Höwedes spielte auf der Position des linken Verteidigers. Höwedes ist gelernter Innenverteidiger und noch dazu Rechtsfuß. Hätte Deutschland doch bloß so viele gute linke Außenverteidiger wie François Gérard Georges Nicolas Hollande zweite Vornamen, es gäbe diesen Artikel nicht.

Es drängt sich der Eindruck auf, Europas ökonomische Zugmaschine müsse sich in diesem speziellen Bereich in Mangelwirtschaft üben. Doch schaut man über den sportlichen Tellerrand hinaus, blüht auch in England keineswegs das Schlaraffenland der Linksverteidiger und die Rechtsverteidiger mit Weltklasseniveau wachsen in Spanien ebenfalls nicht auf den Bäumen. Der kruden Analogien und bunten Sprachbilder sei damit Genüge getan.

Rein in die Kartoffeln und damit rein ins Namedropping. Zu den wenigen Außenverteidigern mit Weltklasseprädikat gehören zum Beispiel Patrice Evra (31 Jahre/Manchester United) und Ashley Cole (32/FC Chelsea). Zwei Spieler, die diese Position nahezu perfekt beherrschen, sich jedoch im letzten Drittel ihrer Karriere befinden. Fragt man in Spanien nach guten Außenverteidigern, dann fallen die Namen Dani Alves und Jordi Alba (beide Barcelona). Zwei Spieler, die auch als Außenstürmer durchgehen würden. Daneben gilt es noch das Modell „verlässliche Defensive“ zu erwähnen, hier beispielhaft Alvaro Arbeloa (Real Madrid).

Ein Modell, das serienmäßig mit Vor- wie Rückwärtsgang bei hoher Spielintensität und Ballbehandlung ausgestattet ist, scheint nur als Sonderanfertigung lieferbar zu sein. Kurz gesagt: Defensiv wie offensiv gleich starke Außenverteidiger auf internationalem Niveau sind schwer zu finden.

Der frühere DFB-Sportdirektor Matthias Sammer kennt das Problem: „In der Jugend wollen sich die Spieler eben eher auf zentralen Positionen ausbilden lassen“, bemängelte Sammer gegenüber Spiegel Online. Dabei seien die Außenverteidiger häufig „die Spieler mit den meisten Ballkontakten, diejenigen, die den ersten Pass nach vorne zu spielen haben.“

Auch Sammer-Nachfolger Robin Dutt hat eine Erklärung: „Inzwischen gibt es sehr viele spielstarke Akteure. Aber nicht alle können im Zentrum spielen. Viele von ihnen werden auf den Außenpositionen eingesetzt. Dadurch haben die klassischen Linksfuß-Außenverteidiger eine viel größere Konkurrenz, zumal sie rein mathematisch ohnehin in der Minderzahl sind“, so Dutt gegenüber der Badischen Zeitung.

Für Dutt ist das Problem Chefsache: „Mit dem Start des Talentförderprogramms 2002 wurden einige Dinge in der technischen Ausbildung korrigiert. Aber das dauerte vier, fünf Jahre. Jetzt werden linke Außenverteidiger gesucht. Da müssen wir den nächsten Schritt machen und das Programm optimieren“, so der Sportdirektor laut dfb.de. Das Programm optimieren müssen wohl auch die Medien, denn die verlangen von Außenverteidigern oft Unmögliches.

Bei der Spurensuche zum Thema „AV-Mangel, was ist denn da los?“ stießen wir auf die Notengebung der Sportmagazine Kicker und sportal.de. Außenverteidiger bekommen im Vergleich zu den anderen Feldspieler-Positionen im Durchschnitt die schlechtesten Benotungen. Auf diesen Beobachtungen fußen folgende Thesen.

1) Die Live-Redakteure scheitern am peripheren Sehen. 2) Jeder, der nichts kann, wird Außenverteidiger. Oder: 3) Die Ansprüche an Außenverteidiger sind extrem hoch. Gerade Medien und Fans scheinen die eierlegende Wollmilchsau zu erwarten. Verteidiger, Flügelstürmer und Spielmacher in einer Person, respektive Position. Die Aufgabenstellung liest sich tatsächlich wie der Beipackzettel eines taktischen Allheilmittels.

Außenverteidiger müssen Flanken verhindern und selbst Flanken schlagen. Sie müssen einrücken, hinterlaufen, doppeln, dribbeln und überladen. Sie sind oft sogar erste Anspielstation im Spielaufbau. Für Risiken und Nebenwirkungen bei der Wahl dieser Position fragen sie als Jugendspieler lieber Ihren Trainer oder jemanden, der sich auskennt.

Das haben wir auch getan. Der 86-fache Nationalspieler und legendäre Außenverteidiger Andreas Brehme gibt Antworten.

Gegen den Ball – Experteninterview mit Andreas Brehme

GDB: Herr Brehme, zuletzt musste Benedikt Höwedes auf Ihrer alten Position in der Nationalmannschaft spielen. Herrscht ein Mangel an Außenverteidigern, oder zumindest Linksverteidigern?
Andreas Brehme: Es gibt durchaus auch gute junge Außenverteidiger. Marcel Schmelzer spielt in Dortmund zum Teil überragend auf der linken Seite, der Junge gefällt mir sehr gut. Marcell Jansen hat beim HSV eine gute Entwicklung genommen. Von ihm darf man aber auch noch mehr erwarten. Er sollte ruhig mehr Selbstbewusstsein auf dem Platz zeigen, dann kann er ein richtig Großer werden.
GDB: Wir haben festgestellt, dass Außenverteidiger in den Medien oft schlechter weg kommen als Spieler anderer Positionen. Ist der Anspruch an die Position zu hoch?
Andreas Brehme: Im Grunde bietet die Position einem Spieler viele Möglichkeiten, positiv aufzufallen. Wenn ein Spieler bereit ist, sich nach vorne einzuschalten, zum Beispiel. Als Außenverteidiger hat man zudem viele Ballkontakte, deshalb kann man auf der Position durchaus glänzen. Ich denke, der hohe Anspruch war schon immer da, aber natürlich ist es nicht leicht, gute Außenverteidiger zu finden. Inter Mailand hat schon mal bei mir angefragt, ob ich einen guten Linksverteidiger empfehlen kann. Da gibt es nur wenige, die ich zu 100 Prozent empfehlen würde. Am besten gefällt mir derzeit, wie schon gesagt, Marcel Schmelzer.
GDB: Hat sich die Spielweise verändert oder haben sich die Anforderungen an die Position verändert?
Andreas Brehme: Nein. Man muss sich intelligent einschalten. Das ist früher wie heute entscheidend für einen Außenverteidiger.
GDB: Auf dieser Position gibt es sehr offensive Vertreter, wie Dani Alves, aber auch defensive …
Andreas Brehme: Dani Alves von Barcelona marschiert 90 Minuten. Man muss den Hut ziehen, wie viel der auf der rechten Außenbahn arbeitet. Dafür braucht man auch eine hundertprozentige Fitness. Die offensive Ausrichtung liegt aber natürlich auch an den Vorgaben des Trainers.
GDB: Dani Alves ist ein offensiver Vertreter, es scheint aber nur wenige komplette Außenverteidiger der Qualität eines Ashley Cole und Patrice Evra zu geben. Diese beiden sind zudem über 30 Jahre alt. Fehlt es da an talentierten Alternativen?
Andreas Brehme: Ashley Cole und Evra gehören ohne Frage zu den besten Außenverteidigern. Ich glaube aber, die Nachwuchsabteilungen von Manchester United und anderen europäischen Teams werden auch in Zukunft Spieler dieser Klasse ausbilden. Das sehe ich nicht so schwarz.
GDB: Sie spielten früher meist in einem 3-5-2-System. Dieses Spielsystem wird in Italien gerade wiederbelebt. Kommt das System dem Außenverteidiger entgegen, da er per se offensiver positioniert ist?
Andreas Brehme: Das kommt ganz darauf an. Ich hatte damals auch meinen direkten Gegenspieler, da viele Gegner mit drei Spitzen spielten. Ob es zum Beispiel Roberto Donadoni war, ich hatte meist einen Rechtsaußen als Gegenspieler. Dennoch habe ich mich mit nach vorne eingeschaltet. In erster Linie ist man natürlich Abwehrspieler, man muss die Zweikämpfe gewinnen. Darüber hinaus ist man in der Offensive gefragt.

Für Andreas Brehme muss ein Außenverteidiger also nicht unbedingt offensiver Natur sein, ein guter Außenverteidiger muss sich „intelligent einschalten“, was auch an den „Vorgaben des Trainers“ liegt. Wir haben uns zwei der besten Außen der Bundesliga, und ihre Art zu spielen, genauer angesehen. Lukasz Piszczek und Philipp Lahm.

Das Spitzenspiel des 15. Spieltags zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (1:1) ist dabei unsere taktische Spielwiese. Die durchschnittlichen Daten bis zum 26. Spieltag bilden das Rüstzeug.

Sprints von Piszczek (in Gelb) und Lahm (in Rot) - Quelle: Bundesliga.de
In diesem Schaubild sind die absolvierten Sprints von Piszczek (gelb) und Lahm (rot) dargestellt. Die bisherige Saison-Statistik bestätigt den optischen Eindruck dieses Spiels. Piszczek sprintet im Durchschnitt 28,3 mal im Spiel. Philipp Lahm nur 13,9 mal (Quelle: bundesliga.de).
Pässe von Lahm und Piszczek. - Quelle: Bundesliga.de
Im zweiten Schaubild sind die gespielten Pässe abgebildet. Hier sieht man die enorme Aktivität von Philipp Lahm als Anspielstation und Spielgestalter. Die Statistik bestätigt das Beispiel. Lahm hat im Durchschnitt 90,9 Ballkontakte im Spiel, während Piszczek bei 69 liegt. Lahm spielt im Schnitt 60,8 Pässe pro Partie, Piszczek nur 34,4 Pässe (Quelle: bundesliga.de).
Statistische Daten: Philipp Lahm und Lukasz Piszczek. Quelle: Bundesliga.de
Durchschnittswerte dieser Saison (nur Spiele über 90 Minuten gewertet). Quelle: bundesliga.de

Fazit: Der Vergleich von Lukasz Piszczek mit Philipp Lahm zeigt, dass die beiden Spieler ihre Position unterschiedlich interpretieren. Das liegt zum einen an ihren individuellen Stärken, aber vor allem ist es der Spielweise ihres Teams geschuldet.

Am Beispiel Lahm/Piszczek sieht man die taktische Bandbreite, in der Trainer die Position des Außenverteidigers interpretieren können. Als erste Anspielstation im Spielaufbau (Lahm), oder als hoch stehender Außenverteidiger, der Druck auf den Ball ausübt und bei Ballgewinn den Sprint an der Linie sucht (Piszczek).

Der Trainer trifft, unter Berücksichtigung der individuellen Stärken, die Entscheidung, wie der Spieler den vorhandenen Raum bespielen soll. Piszczek zum Beispiel ist extrem schnell, schlägt gute Flanken. Er passt perfekt in das System von Jürgen Klopp, in dem die Arbeit gegen den Ball enorm wichtig ist. Gewinnt der BVB den Ball, sprintet Piszczek in den Raum auf dem Flügel und seine Mitspieler, die den Laufweg kennen, können blitzschnell umschalten. „Der Laufweg bestimmt den Pass und nicht umgekehrt“, sagte Jogi Löw einst treffend.

Philipp Lahm ist extrem passsicher und schaltet sich dosiert in die Offensive ein. Gerade wenn vor ihm die defensivschwächeren Arjen Robben oder Franck Ribéry spielen, agiert Lahm eher absichernd. Da der FC Bayern gewöhnlich viel Ballbesitz hat, kommt Lahm eine wichtige Position in der Ballverteilerrolle und Spielverlagerung zu. Er schaltet sich zudem mit Doppelpässen in das Offensivspiel ein, oder flankt aus dem Halbfeld.

Der letzte Gedanke: Halten wir fest: Der Raum auf dem Flügel ist zu groß, um von einem Spieler erschöpfend bearbeitet werden zu können. Auf den Punkt gebracht: Ein Spieler kann ja nicht überall sein. Ein kompletter Außenverteidiger muss sich also dosiert in die Offensive einschalten. Entscheidend sind dabei das Spielsystem des eigenen Teams und die individuellen Stärken des Außenverteidigers.

Dem natürlichen Mangel an Spielern mit linkem Fuß könnte man durch die Förderung von inversen Außenverteidigern begegnen. Philipp Lahm hat jahrelang bewiesen, dass ein Rechtsfuß eine Option für der linke Seite ist. Allerdings scheint auch ein Umdenken der Medien und Fans nötig zu sein.

Die Ansprüche an diese Position sind riesig. Eine eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Sollte sich die Erwartungshaltung verändern und Spieler dieser Position mehr Zeit zur Entwicklung bekommen, gehören vielleicht bereits Spieler wie Sebastian Jung, Bastian Oczipka, Sead Kolasinac oder Oliver Sorg zu den kommenden Stars der deutschen Nationalmannschaft. Dann hätte die DFB-Elf zumindest mehr Hoffnungsträger auf dieser Position als François Hollande zweite Vornamen.

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