Welche Chancen hat Schalke gegen Real Madrid?

Wollte man in der letzten Saison Real Madrid schlagen, dann musste man tief stehen, Ronaldo isolieren und Xabi Alonso am Spielaufbau hindern. Die Königlichen waren unter Jose Mourinho eine Konter- und Umschaltmaschine, hatten aber Probleme, das Spiel zu machen. Borussia Dortmund konnte in beeindruckender Manier zeigen, wie man die Schwächen der Königlichen ausnutzt. Doch es hat sich einiges verändert. Ein paar der Änderungen möchte ich in diesem Artikel thematisieren.

Real Madrid hat unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti einen Veränderungsprozess durchgemacht, der vor allem seit November letzten Jahres seine Früchte trägt. Die Königlichen sind wettbewerbsübergreifend seit 26 Spielen ungeschlagen. Ancelottis Team hat in dieser Phase nur 16 Gegentore bekommen und 17 Mal zu Null gespielt. Dazu haben sie in der spanischen Liga mit 71 Treffern aus 25 Spielen die meisten Tore aller Teams erzielt und sind mittlerweile vor Barcelona und Stadtrivale Atlético Tabellenführer.

Die Formation: Real spielt ein 4-1-4-1 (bzw. 4-3-3) und hat mit Luka Modric einen neuen Schlüsselspieler. Die Rolle von Ángel Di María hat sich verändert und Gareth Bale ist neu dazu gekommen. Hier die wichtigsten Neuerungen unter Ancelotti.

Die veränderte Rolle von Ángel Di María

Ángel di María wird als Leidtragender der Bale-Verplichtung auf der Bank schmoren. So dachten viele. Nur Ancelotti nicht. Er stutzte dem Argentinier zwar die Flügel, aber gab ihm eine neue wichtige Aufgabe im Mittelfeld. In der vergangenen Saison spielte Ángel Di María noch meist auf dem rechten Flügel. Dort spielt in dieser Saison meist Gareth Bale. Di María spielt nun als linker Halbraumspieler in der defensiven Dreierreihe im Mittelfeld der Madrilenen.

Er lässt sich dabei sowohl zurückfallen, wenn Xabi Alonso Unterstützung braucht, stößt aber auch gerne in die Lücke, die Cristiano Ronaldo lässt, wenn er in die Spitze vordringt und so den linken Flügel freigibt. Außerdem agiert Di Maria als Pressingspieler, der den Gegner zu Fehlern zwingt, welche die Spielmacher Xabi Alonso und Luka Modric dann zum schnellen Umschalten nutzen.

Die Alonso-Abhängigkeit gelöst

Erstmal ist Xabi Alonso natürlich kein Problem, sondern die Lösung für den Spielaufbau. Mit 32 Jahren ist er aber nicht mehr der Jüngste. Seine Fähigkeiten große Räume zu bespielen nehmen nicht gerade zu. Er war im 4-2-3-1-System unter Jose Mourinho oft der einzige Spielmacher. Wollte man Reals Offensivreihe vom Aufbauspiel abtrennen, dann musste man Alonso zustellen und beschäftigen, so dass er seine genialen Bälle nicht spielen kann.

Unter Ancelotti ist Luka Modric aufgeblüht und lässt sich immer wieder zur Unterstützung des Spielaufbaus in die defensiven Halbräume abkippen. Xabi Alonso agiert als tiefster Mittelfeldspieler und ist immer noch der Kopf des Teams, Modric bildet im rechten Halbraum die Unterstützung und agiert als verbindendes Element. Der 28-jährige Kroate bringt Bale ins Spiel, oder nutzt den Platz, der sich zwischen Bales und Benzemas Wirkungskreis auftut. Dazu ist Luka Modric extrem pressingresistent.

Xabi Alonso und Modric sind die Schlüsselspieler der Madrilenen. Auf der Bank sitzen mit Isco und Asier Illarramendi zwar zwei Spieler, mit denen Ancelotti Alternativen in der Spieleröffnung hat. Der offensive Isco hat dabei derzeit das Nachsehen, weil es im 4-3-3 keinen echten Zehner gibt. Asier Illarramendi wächst zur echten Alternative heran, kann die beiden Köpfe im Schaltwerk des Teams aber noch nicht gleichwertig ersetzen.

Benzema, der untypische Mittelstürmer

Der klassische Mittelstürmer ist Karim Benzema bei Real Madrid nicht. Das liegt nicht zuletzt auch an der Rolle von Cristiano Ronaldo und nun auch Gareth Bale. Benzema ist nicht der Zielspieler in Reals Offensive, er ist eher ein Helfer und Unterstützer und manchmal dann auch selbst der Nutznießer. Benzema weicht oft zurück oder auf den Flügel aus, bietet sich als Anspielstation an und leitete den Ball auf die Außenpositionen weiter. Er muss zudem die offensiven Läufe seiner Kollegen ausgleichen.

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Formation: Schalke 04 vs. Real Madrid

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Schalkes Aufgaben

Kommen wir zum Underdog. Was muss Schalke tun? Der FC Schalke 04 hat nach der Rückrunde Stabilität gewonnen. Die Grundprobleme unter Jens Keller sind aber beständig: Schalke ist eine gute Kontermannschaft, hat jedoch Probleme das Spiel zu machen und ist im defensiven Umschaltspiel anfällig.

Gießen wir doch etwas mehr Wasser in den Wein. Die Euphorie der Schalke-Fans ist nur bedingt nachzuvollziehen, denn: Neben den zwei überzeugenden Siegen gegen den HSV und Hannover war nicht alles Gold, was glänzte. Gegen Wolfsburg waren die Knappen nur phasenweise die bessere Mannschaft, Wolfsburg gelang in Unterzahl der Ausgleich und erst in der Schlussphase konnten die Schalker den Gegner, der 40 Minuten mit zehn Mann spielen musste, knapp bezwingen.

Gegen Leverkusen war man nicht das bessere Team, gewann mit Glück und einem starken Keeper. Gegen Mainz wurde das alte Problem einer fehlenden Spielidee überdeutlich, und man konnte kaum eigene Chancen kreieren. Nun treffen die Schalker, die in der Bundesliga die vielleicht dritt- oder viertbeste Mannschaft sind, auf die zweitbeste Mannschaften der Welt. Klingt, als würde Schalke ein ähnliches Desaster bevorstehen, wie es die Knappen 2010/2011 im Halbfinale der Champions League gegen Manchester United erlebten. Damals verlor man deutlich mit 0:2 und 1:4 gegen die Red Devils. Was kann Schalke also tun?

Kontern kann Schalke

Die Knappen sind ein exzellentes Konterteam. Über die schnellen Außenspieler Farfan und Goretzka/Draxler (der vermutlich nur als Joker zum Einsatz kommt), kann Schalke jeden Gegner auskontern. Dazu Max Meyer, der den Ball schnell verarbeiten kann. Durch seine Dynamik wird Meyer Xabi Alonso Probleme bereiten können, mit den physisch extrem starken Innenverteidigern wird er seine Probleme haben.

Ein extrem schneller Konterspieler fehlt Schalke allerdings: Atsuto Uchida auf der rechten Abwehrseite. Der Außenverteidiger, der im Hinterlaufen von Farfan seine Stärken hat, wird durch Benedikt Höwedes oder Tim Hoogland ersetzt. Gerade die Schalker Außenverteidiger könnten die mangelnde defensive Mitarbeit von Cristiano Ronaldo und Gareth Bale nutzen, allerdings zeigt Sead Kolasinac selten Offensivdrang. Dass er das grundsätzlich kann, bewies er mit einem Durchmarsch über die Grundlinie in den Sechzehner plus Torvorlage im Spiel gegen Hannover.

Ronaldo in the Box

Cristiano Ronaldo stoppen? Kein Problem. In den letzten beiden Ligaspielen konnten die Gegner verhindern, dass Cristiano Ronaldo ein Tor erzielte. Allerdings auch nur, weil er gesperrt war und nicht auf dem Platz stand. Die Tormaschine kehrt am Mittwoch in das Team der Königlichen zurück und ist schwer zu stoppen. Meist kann man ihn nur dann aus dem Spiel nehmen, wenn man die Verbindungen kappt. Ein isolierter Ronaldo bleibt meist wirkungslos, da er sich selbst selten Bälle holt. Er darf außerdem kein Tempo aufnehmen und Raum vor sich finden. Schalke muss sich im halbrechten, rechten Defensivraum sehr kompakt präsentieren und darf sich nicht – wie schon oft geschehen – im defensiven Umschaltspiel überrumpeln lassen.

Topspieler

Modric und Xabi Alonso

Schalke muss auf schnelle Konter hoffen, die primäre Devise sollte aber sein, das Spiel der überlegenden Mannschaft aus Madrid zu verhindern. Dazu muss vor allem das Mittelfeld der Schalker einen extrem guten Tag im Spiel gegen den Ball erwischen. Eigentlich beginnt es noch weiter vorne. Klaas-Jan Huntelaar muss Xabi Alonso im Verbund mit Max Meyer aus dem Spiel nehmen. Die Passwege müssen zugestellt werden, und es muss Druck ausgeübt werden, damit er keine sauberen langen Bälle spielen kann.

Leon Goretzka, der vermutlich links spielen wird, und das restliche Mittelfeld sollten Modric als Verbindungsspieler beschäftigen und seine Wirkung eingrenzen. Wenn der Techniker in aller Ruhe Pässe aus den tiefen Halbräumen spielen darf, rennt die Abwehr nur noch hinterher. Farfan muss mit nach hinten arbeiten, aber den Linksverteidiger der Madrilenen (Marcelo oder Arbeloa) und Di María auch in der Defensive binden.

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Fazit: Die Teilzeit-Helden sind gefordert

Die Schalker sind Teilzeit-Helden. Immer wieder gelingen ihnen starke Spielphasen, wie in den ersten 15 Minuten bei Chelsea, in den ersten 15 Minuten gegen Wolfsburg und auch in Teilen in Leverkusen. Gegen Real Madrid muss das Team aber 90 Minuten auf hohem Niveau gegen den Ball agieren und dabei die eigene Konterstärke nicht vollkommen vernachlässigen. Letztlich wäre alles andere als eine defensive Grundeinstellung eine Überraschung und vermutlich sogar Selbstmord.

Ein 0:0 wäre ein gutes Ergebnis, ist aber aufgrund der individuellen Klasse des Gegners unwahrscheinlich. Ein frühes Gegentor, wie man es zu Hause gegen Chelsea kassierte, wäre fatal und könnte in einem Desaster ende, wie es die Leverkusener gerade erlebten. Es wird viel auf Kevin-Prince Boateng, Roman Neustädter und Max Meyer ankommen, die im Verbund mit den Flügelspielern extrem clever im Raum agieren müssen. Es gilt, die Schaltstellen Modric und Xabi Alonso auszuschalten. Falls Höwedes nicht spielen kann, trifft der beste Spieler der Welt auf Schalkes Rechtsverteidiger Nummer drei. Cristiano Ronaldo gegen Tim Hoogland – da braucht man nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was passiert. Dieses Problem kann man nur im Verbund lösen, oder gar nicht.

Die Teilzeit-Helden müssen schon einen Sahne-Tag erwischen und von Jens Keller gut eingestellt sein. Dass Keller während des Spiels taktisch fruchtende Anpassungen vornehmen kann, ist fraglich. Im letzten Jahr in der CL gegen Galatasaray konnte er erst spät reagieren. Gegen Mainz hatte er ebenfalls keine zündende Idee. Trainerfuchs Carlo Ancelotti ist somit ein weiteres Argument für einen deutlichen Sieg der Madrilenen. Alles andere wäre eine Überraschung, aber das ist es ja, was wir am Fußball lieben. Er überrascht uns immer wieder. Also bitte schön!

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