Wer flüstert, der siegt

Vor der Weltmeisterschaft wurden den US-Amerikanern nur Außenseiterchancen in der Gruppe G eingeräumt. Deutschland und Portugal galten als klare Favoriten, aber selbst das vermeintlich beste afrikanische Team aus Ghana schien für die US-Boys zu stark zu sein. Alles Makulatur.

Mit einer erstaunlichen Physis gewann das Team von Trainer Jürgen Klinsmann spät gegen Ghana und drehte auch die Partie gegen Portugal. Der späte Ausgleich der Portugiesen hatte nichts mit einem Kräfteverschleiß zu tun, vielmehr fruchteten die taktischen Umstellungen von Trainer Paulo Bento, der in der Schlussphase auf ein 4-2-4 umstellte und damit den Druck so stark erhöhte, dass Cristiano Ronaldo eine Weltklasse-Flanke schlagen konnte, die Silvestre Varela per Kopf verwertete.

Durch dieses Tor müssen die Amerikaner um das Weiterkommen bangen, eine Niederlage gegen das deutsche Team und ein gleichzeitiger Sieg Ghanas gegen Portugal könnten das Aus bedeuten. Portugal kann es auch noch ins Achtelfinale schaffen, hat mit einer Tordifferenz von 2:6 aber die geringsten Chancen. Sicher weiter sind Deutschland und die USA bei einem Remis. So weit die Theorie.

In der Praxis befürchten deutsche Medienvertreter und Fans beim Wiedersehen von Klinsmann und seinem früheren Co-Trainer Joachim Löw eine Wiederholung der Schande von Gijón. 1982 ging die deutsche Nationalmannschaft gegen Österreich früh mit 1:0 in Führung, was beiden Mannschaften den Einzug in die nächste Runde garantierte. Das Spiel gipfelte in einem Nichtangriffspakt. 32 Jahre später müssen beide Seiten täglich Fragen zu einer extrem unwahrscheinlichen Schande von Recife beantworten, dabei gibt es deutlich interessantere Aspekte.

In der Mittagshitze von Recife wird es wieder auf die körperliche Verfassung der Spieler ankommen und da scheinen die laufstarken Amerikaner zumindest keine Nachteile zu haben. Deshalb wird die taktische Marschroute entscheidend sein, die der Bundestrainer mit Chefscout Urs Siegenthaler bespricht. Der Schweizer beobachtet seit 2005 die kommenden Gegner der Nationalmannschaft und wird vom Boulevard seitdem der „Taktik-Flüsterer“ genannt. Ich flüstere mit und habe drei Empfehlungen:

Wechsel in der Offensive: Schwachstellen angreifen

Die deutsche Offensive wusste bisher zu überzeugen. Thomas Müller glänzte als dreifacher Torschütze gegen Portugal, Mario Götze erzielte den Führungstreffer gegen Ghana und Mesut Özil leitete nach überstandener Formkrise viele Angriffe ein – was allerdings kaum wahrgenommen wird. Zudem ist ein Joker wie Miroslav Klose bei diesen meteorologischen Extremen ein sehr wichtiger Faktor. Deshalb würde ich Klose auch auf der Bank lassen.

Trotzdem machen Wechsel in der offensiven Dreierreihe Sinn. In der amerikanischen Viererkette gab es bisher zwei Schwachstellen. Das ist einerseits Innenverteidiger Geoff Cameron, der gegen Portugal ein Tor komplett auf seine Kappe nehmen musste und auch beim 2:2 nicht optimal stand. Cameron ist zweikampfstark, hat aber Probleme im Spielaufbau und tut sich gegen wendige und kleine Gegenspieler schwer.

Als Linksverteidiger wurde bisher DaMarcus Beasley eingesetzt, der Routinier ist ein eher offensiv denkender Außenspieler, der Probleme beim Stellungsspiel hat und in dessen Rücken die deutschen Spieler Platz vorfinden werden.

Deshalb sollten Mesut Özil und Thomas Müller ihre Positionen tauschen, was ihnen natürlich nicht die flexiblen Positionswechsel nehmen soll. Özil, der seine Schwächen in der defensiven Umschaltbewegung auch beim FC Arsenal nicht beheben konnte, kann Cameron mit schnellen und technisch feinen Bewegungen vor erhebliche Probleme stellen. Müller wiederum passt mit seinen unorthodoxen Laufwegen viel besser zu Beasley. Zusammen mit Özil sollte er auch immer wieder die rechte Seite überladen. Falls Klinsmann in der Defensive wechseln will, dürfte es nur Cameron betreffen, für den mit Omar González und John Anthony Brooks zwei Alternativen bereitstehen, die aufgrund ihrer Körpergröße gegen den wendigen Özil ebenfalls Probleme bekommen sollten.

Auf der rechten Abwehrseite kann der Hoffenheimer Fabian Johnson nach zwei starken Leistungen unumstritten als Stammspieler bezeichnet werden. Allerdings war er bisher sehr offensiv ausgerichtet, machte viele Wege nach vorne und stand in der Rückwärtsbewegung nicht immer optimal. Johnson war gegen Ghana nicht immer auf der Höhe, wenn sein Gegenspieler, meist André Ayew, in die Mitte zog, um mit dem rechten Fuß abzuschließen.

Das klingt nach einem Auftrag für André Schürrle, der Mario Götze ersetzen muss. Schürrles Tempo, seine Laufstärke und sein starker Abschluss mit dem rechten Fuß wären gegen die USA entscheidende Werkzeuge, die zusätzlich ein gutes Gegengewicht zu Johnsons Offensivdrang wären.

Wechsel in der Schaltzentrale: Schweinsteiger muss spielen

Löw hatte seine Mannschaft nach jahrelangem Festhalten am bewährten 4-2-3-1-System kurz vor der Weltmeisterschaft umgestellt, das taktisch flexiblere 4-3-3 ist Löws neues Lieblingssystem. Angesichts der Tatsache, dass mit Kapitän Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira gleich drei Spieler aus dem Mittelfeld angeschlagen in das Turnier gingen.

Der Plan ging bisher jedoch auf, weil mit Toni Kroos das neue Passzirkulationsmonster in Topform auftrumpfte, Khedira erstaunlich schnell ein annehmbares Niveau erreichte und Lahms seltener Patzer gegen Ghana durch Kloses Tor ausgeglichen werden konnte.

Wer Lahm nun aber opfern möchte, liegt falsch. Die Doppelsechs ist Geschichte und es gibt im deutschen Kader keinen besseren alleinigen Sechser als Lahm. Der Münchner spielt taktisch auf höchstem Niveau, verliert nur selten wichtige Zweikämpfe und gibt dem deutschen Mittelfeld die nötige Balance.

Der Wechsel muss deshalb lauten: Schweinsteiger für Khedira. Beide scheinen noch nicht bereit für 90 Minuten zu sein. Gegen die USA sollte der passsichere Schweinsteiger gegen die aggressive, aber nicht sehr spielstarke Doppelsechs Jermaine Jones/Kyle Beckerman die bessere Alternative sein. Denkbar ist auf amerikanischer Seite auch eine Rückkehr zur Mittelfeld-Raute aus dem Ghana-Spiel, allerdings fällt Stürmer Jozy Altidore weiterhin aus.

Jones spielte gegen Portugal ungewohnt diszipliniert, gegen sein Heimatland Deutschland sind übermotivierte und destabilisierende Ausflüge gut denkbar. Die sich dann bietenden Lücken kann Schweinsteiger besser nutzen als Khedira, dessen grundsätzlichen Box-to-Box-Qualitäten nach seinem Kreuzbandriss noch nicht wieder zum Tragen kommen. Ganz simpel gesprochen, erhöht Schweinsteiger im Zentrum die Torgefahr.

Wechsel in der Viererkette: Großkreutz für Boateng

Die Besetzung der deutschen Abwehrreihe ist ein viel diskutiertes Thema, das der Bundestrainer auf seine ganz eigene Art und Weise gelöst hat. Jahrelang wurde erfolglos ein Klon von Außenverteidiger Lahm gesucht, die inverse Lahm-Seite war häufig ein Schwachpunkt. Nun spielt Lahm im Mittelfeld und Löw löst das neu geschaffene Problem mit gleich zwei Innenverteidigern auf Außen.

Modern ist diese Idee nicht, zukunftsweisend wohl auch nicht. Denn Löw hat die neue deutsche Mauer auch eingeführt, weil seine Außenverteidiger bei den klimatischen Anforderungen in Brasilien ohnehin nicht die Linie entlangsprinten könnten. Außerdem hatte das DFB-Team in den vergangenen Monaten Probleme mit der defensiven Stabilität, so konnte er gleich zwei Rätsel lösen.

Gegen die USA ist es trotzdem an der Zeit, eine Änderung vorzunehmen. Der gegen Ghana angeschlagen ausgewechselte Jérôme Boateng sollte für weitere Auftritte geschont werden, dafür hätte der offensivere Kevin Großkreutz eine Chance verdient. Die amerikanischen Schwächen auf der linken Abwehrseite mit Beasley habe ich bereits ausgeführt, der laufstarke Großkreutz wäre das i-Tüpfelchen auf diesem rechtslastigen Schlachtplan. Wenn Klinsmann die Offensivschwäche der deutschen Außenverteidiger ausnutzen will, könnte er tatsächlich zur Raute zurückkehren. Großkreutz wäre auch dann die richtige Antwort.

Fazit: Deutschland sollte nicht auf Unentschieden spielen, aber auch keine Vollgas-Veranstaltung aus dem dritten Gruppenspiel machen. Die Amerikaner scheinen körperlich überlegen zu sein, was in Recife ein wichtiger Faktor sein wird. Deshalb muss die DFB-Elf das Tempo variieren und die individualtaktischen Mängel der US-Boys in Abwehr und Mittelfeld ausnutzen. Ich flüstere deshalb folgende Startaufstellung:

Manuel Neuer – Kevin Großkreutz, Per Mertesacker, Mats Hummels, Benedikt Höwedes – Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos – Thomas Müller, Mesut Özil, André Schürrle.

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4 comments

  1. Uli

    Aus eurem RSS Anreißer:
    „Millionen von Bundestrainer in der Heimat wissen genau, welche elf Spieler gegen die USA auflaufen sollten.“
    Ja genau und der Autor ist einer davon 😉

    Mich ärgert diese ständige „Kritik-Kritik“ langsam etwas, ständig ließt man von „80 Millionen Bundestrainern“, „dicken Männern auf dem Sofa“ oder „Kommenstarspaltenschreibern“ denen Löw es eh nie recht machen kann. Dabei ist das bei den meisten überhaupt nicht der Fall, sie wundern sich bloß zurecht warum ein Mustafi eingewechselt wird und mit ein Gegentor verursacht, wenn auch ein Großkreutz oder Durm auf der Bank sitzen.

    • Axt

      Diese In-Game-Umstellungen und Spielerwechsel sind ja meist Teil einer taktischen Änderung, die natürlich nicht immer erfolgreich ausgehen kann. Einfache Positionswechsel sind manchmal nützlich, jedoch genau diesen „dicken Männern auf dem Sofa“ vorbehalten. Die Aufgabe des Trainers ist es alle taktischen Alternativen voll auszuschöpfen und bewertet werden sollte er dann an der Erfolgsquote dieser taktischen Umstellungen.

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