WM-Noten: Alle Wege führen zu Jérôme

GER_ARG_4NEUArgentinien – Deutschland 0:1 n.V. (Noten-FAQ)

Kurz vor dem Ende der Verlängerung eines packenden WM-Endspiels hat sich mit Deutschland die insgesamt beste Mannschaft des Turniers durchgesetzt und sich den vierten Titel geholt. Argentinien, das fast 500 Minuten ohne Gegentor geblieben war, machte es der DFB-Elf aber sehr schwer und hätte bei besserer Chancenverwertung durchaus auch als Weltmeister vom Platz gehen können.

Angesichts der sehr starken Turnierleistung Argentiniens, bei dem Alejandro Sabella eine gute Balance zwischen Superstar Lionel Messi und seiner Defensive gefunden hatte, sowie unter dem Eindruck der Pattsituation im Halbfinale der Albiceleste gegen die Niederlande war es naheliegend, dass Argentinien gegen den leichten Favoriten Deutschland eher aus einer tief stehenden Defensive kommen würde, als blindlings wie Brasilien ins Verderben zu laufen. So erhielt Deutschland, eine Mannschaft, die bei der WM 2010 mit Konterfußball begeistert hatte, 2012 bei der EM Ballbesitzfußball gespielt hatte, inzwischen aber beides beherrscht, zunächst deutlich mehr Ballbesitz, aber Argentinien die klar besseren Chancen.

Gonzalo Higuaíns frei vor Manuel Neuer vergebener Abschluss nach einem riskanten Kopfball von Toni Kroos sowie ein Schuss Lionel Messis aus spitzem Winkel von der linken Seite nach Wiederanpfiff waren dabei die besten Gelegenheiten für die Südamerikaner, während Deutschland zunächst nur beim Pfostenkopfball von Benedikt Höwedes nach einer Ecke ähnlich hochkarätig zum Abschluss gekommen war. Beide Mannschaften trugen ihre Angriffe bevorzugt über die jeweils eigene rechte Angriffsseite vor. Lionel Messi ließ sich gerne hierhin fallen, und oft rochierte auch Ezequiel Lavezzi nach rechts, was Benedikt Höwedes nicht immer souverän zu meistern verstand. Philipp Lahm, der von der rechten Verteidigerposition kam, obwohl Sami Khedira kurzfristig ausgefallen war, machte derweil auf der Gegenseite viel Druck und verhinderte, dass Marcos Rojo im Spiel nach vorne nennenswerte Szenen bekam – jedenfalls vor der Pause.

Vereinfacht gesagt, gelang es Argentinien wie im Halbfinale gegen Oranje ganz gut, dem Gegner eine Spielweise aufzuzwingen, die ihm nicht liegt. Das ging natürlich wieder auf Kosten der eigenen Offensive, denn die Priorität, schnell ins Gegenpressing beziehungsweise hinter den Ball zu kommen, wurde konsequent verfolgt, was bei Kontern meist genau eine Chance für den Abschluss oder den letzten Pass bedeutete, nie Überzahlsituationen. Doch auch im Eins-gegen-eins verstand Messi es, Mats Hummels ein paar Probleme zu bereiten, während Jérôme Boateng ein fehlerloses Spiel zeigte und der beste Mann auf dem Platz war – für uns noch vor Bastian Schweinsteiger, der die anspruchsvolle Aufgabe, ohne Sami Khedira gegen Messi zu bestehen, gut meisterte und Zweifel an seiner Klasse in großen Spielen eindrucksvoll widerlegen konnte.

Schweinsteiger und Lahm haben nun also endlich den großen Titel, der ihrer Generation schon länger verhießen war. Das gilt so auch für Joachim Löw, der vor nicht einmal zwei Wochen noch respektlose Kritik an seiner Taktik zur Kenntnis nehmen musste und jetzt als einer der großen Trainer der deutschen Fußballgeschichte gelten darf. Dieses positive Urteil wäre aber auch durch eine (durchaus mögliche) Final-Niederlage gegen Argentinien nicht völlig hinfällig geworden. Dass Messi seinen Abschluss wirklich am langen Pfosten vorbeisetzte, hatte nichts mit deutscher Klasse zu tun, auch wenn ARD-Kommentator Tom Bartels jeden Fehlschuss damit erklären wollte, dass alle Argentinier zu viel Angst vor Manuel Neuer hätten, um das Tor zu treffen.

Im Clubfußball, wo ein Team doppelt so viel Geld ausgeben kann für Spieler wie alle Konkurrenten, kann man vielleicht von Scheitern sprechen, wenn diese Übermannschaft dann nach 30 bis 40 Spieltagen einer Liga nicht an der Spitze liegt. Bei einer WM mit nur sieben Spielen und begrenzter Vorbereitungszeit ist die Forderung, einen Titel holen zu müssen, um nicht als Versager beschimpft zu werden, anmaßend. Deutschland war zwar letztlich die beste, aber nicht die einzig gute Mannschaft in der KO-Runde, und so wäre auch der Vizeweltmeistertitel eine akzeptable Leistung gewesen. Das ist zwar selbstverständlich, aber konnte in der Berichterstattung der deutschen Medien, in denen etwa zu lesen war, eigentlich hätten Argentinien und Holland beide gar nicht das Recht, sich mit Deutschland zu messen, weil sie nicht gut genug seien (FAZ), leicht in Vergessenheit geraten.

Auch gewann Deutschland nicht primär aufgrund seines tollen Teamspirits, oder weil alle daran glaubten (das taten die Argentinier wohl auch). Sondern Deutschland gewann das Finale, weil Argentinien zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten fast alles richtig machte, aber eben das Tor nicht traf – und dann ab der 60. Minute unter starkem Kräfteverschleiß litt, nach zuvor schon zwei Verlängerungen und einem Tag weniger Vorbereitungszeit als Deutschland keine Schande, aber eben ein Schlüsselfaktor, vor allem in der Verlängerung.

Positiv aus neutraler Sicht schließlich, dass das WM-Finale nicht im Elfmeterschießen entschieden werden musste, sondern durch Fußball als Mannschaftssport entschieden wurde. Und zur deutschen Mannschaft gehörten bei dieser WM auch die Joker, vor allem André Schürrle, der an sechs Toren beteiligt war, obwohl er immer von der Bank kam, aber auch Mario Götze, der seinen Platz im Team verloren zu haben schien, bevor er mit einem Traumtor ein WM-Finale entschied. Begünstigt übrigens vom schlechten Laufweg von Martín Demichelis, der eine gute WM spielte, mit dieser Unaufmerksamkeit aber einen negativen Anteil an der Finalniederlage trug.

Während Deutschland gewissermaßen mit seiner Bank gewann, schaffte es Alejandro Sabella nicht, mit Wechseln das Spiel zu entscheiden. Merkwürdig, dass der gute Ezequiel Lavezzi schon zur Pause Sergio Agüero Platz machen musste. Argentinien stellte nun auf Raute um und bot zwei richtige Stürmer auf. Das brachte noch einmal zehn Minuten mehr Druck, aber Agüero war offensichtlich nicht wirklich fit und baute schnell stark ab. Auch die Hereinnahme Fernando Gagos für Enzo Pérez mochte dem Wunsch geschuldet gewesen sein, mehr Offensivimpulse zu bringen. Und wenn daraus das Siegtor resultiert wäre, würde man Sabellas Maßnahmen vielleicht jetzt als taktische Meisterleistung feiern. Faktisch aber baute der Rest der Albiceleste zu stark ab, als dass die Neuen noch entscheidend hätten eingreifen können.

Noch ein Wort zum Spielniveau: Wir haben es mit 7 angesetzt, was deutlich über dem WM-Schnitt liegt. Grund waren die hohen Anforderungen an beide Mannschaften gegen einen jeweils starken Gegner und auf der ganz großen Bühne des Fußballs. Entsprechend hoch sind die Einzelnoten ausgefallen.

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