WM-Noten: Deutsche Tugenden

gdb-aufstellung_fra-dtl_kleinFrankreich – Deutschland 0:1

Die deutsche Mannschaft steht im Halbfinale der WM 2014. Zum vierten Mal in Folge, was einen neuen WM-Rekord darstellt. Und wer hat dieses historische Ereignis zu verantworten? Sicherlich Bundestrainer Joachim Löw, aber vor allem die vielen Nörgler und „Experten“, denn die Forderungen aus der Heimat wurden von Löw ja geflissentlich erfüllt.

Löw stellte auf das Prä-WM-System 4-2-3-1 um, er setzte Philipp Lahm als Rechtsverteidiger ein, er brachte Oldie Miroslav Klose zum ersten Mal von Beginn. Nur der Wechsel von Per Mertesacker hin zu Jérôme Boateng in der Innenverteidigung war eine Überraschung und keiner öffentlichen Forderung entschlüpft.

So könnte man das Spiel lesen. Muss man aber nicht. Denn erstens wurde das Spiel des DFB-Teams durch die frühe Führung des auch in der Abwehr sehr starken Mats Hummels begünstigt. Deutschland konnte danach in eine abwartende Haltung umschalten, die Konzentration lag seit der 13. Minute auf Sicherung des Ergebnisses. Zweitens gehen bei einem Sieg nicht automatisch alle taktischen Winkelzüge auf, wie das Beispiel des offensiv blassen, in der Rückwärtsbewegung immerhin fleißigen Klose zeigt.

Mit der Nominierung von Boateng ins Abwehrzentrum hat Löw aber in jedem Fall die richtige Entscheidung getroffen. Die französische Offensivreihe bringt sehr viel Schnelligkeit mit, hier hätte es mit dem zweikampfstarken, aber behäbigen Mertesacker Probleme geben können. Der sehr konzentrierte und auch in der Spieleröffnung umsichtige Boateng fehlte damit aber außen, die notwendige Kettenreaktion war die Versetzung von Lahm auf die rechte Seite. Löws Vertrauen in Erik Durm und Kevin Großkreutz von Borussia Dortmund scheint einfach nicht groß genug zu sein.

Mit Lahms Versetzung war auch klar, dass Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger als Doppelsechs auflaufen mussten. Für den Job als alleinige Sechs fehlt beiden nach den langen Verletzungspausen noch die körperliche Robustheit, im Doppel konnte das besser aufgefangen werden. Trotzdem ging Löw damit ein kalkuliertes Risiko ein, was Frankreich mit einer besseren Raumaufteilung deutlich besser hätte ausnutzen können. Schweinsteiger (14,3 Prozent) und Khedira (20 Prozent) verloren deutlich zu viele Zweikämpfe und mussten sich nach Gelben Karten zurückhalten. Weil Paul Pogba und Blaise Matuidi offensiv rausrückten, die Abwehr sich aber gleichzeitig zurückzog, stimmte zum wiederholten Male in diesem Turnier die französische Staffelung nicht.

Damit sind wir auch schon bei den Franzosen angelangt, die nach einer guten Vorrunde mit dem herausragenden 5:2-Sieg gegen die Schweiz schon zum Favoritenkreis gezählt wurden. Das konnte die Équipe Tricolore gegen eine sehr pragmatische, kämpferische, mit alten Tugenden überzeugenden und deshalb auch bessere deutsche Mannschaft nicht bestätigen.

Bester Spieler der Franzosen war Außenstürmer Mathieu Valbuena, der seine stärksten Szenen allerdings hatte, wenn er sich der Bewachung des defensiv wieder sehr zuverlässigen Benedikt Höwedes entzog. Wurde es bei Frankreich gefährlich, war Valbuena meist beteiligt.

Umso unverständlicher war Valbuenas Auswechslung in der 85. Minute, als das Spiel der Franzosen ohnehin schon daran krankte, zu viele Spieler in vorderster Linie zu haben. Mit Karim Benzema, Antoine Griezmann, Loic Rémy und den häufig nach vorne stoßenden Pogba und Matuidi warteten gleich fünf Spieler auf lange Bälle, mit Olivier Giroud für Valbuena kam noch ein sechster hinzu. In der Schlussphase hatte die deutsche Abwehr sehr leichtes Spiel, auch wenn Benzema noch eine Großchance bekam.

Diesen Vorwurf muss sich Trainer Didier Deschamps gefallen lassen. Ansonsten sollte der Blick der Franzosen ab sofort auf die Heim-EM in zwei Jahren gerichtet sein. Mit dem Heimvorteil im Rücken und den vielen guten Spielern, die dann um die Erfahrung eines Turniers reicher sein und im Zenit ihres Könnens stehen werden, wird die Équipe Tricolore zum Topfavoritenkreis gezählt werden.

gdb-aufstellung_bra-col_kleinBrasilien – Kolumbien 2:1

Ein weiterer knapper Sieg des Gastgebers, der wie gegen Chile stark begann. Nach der frühen Führung durch Kapitän Thiago Silva, der Carlos Sánchez nach einer Ecke entwischte und am langen Pfosten einnetzte, drückte Brasilien gegen Kolumbianer, die in den ungewohnten roten Trikots keinen Zugriff aufs Spiel bekamen und nach Ballverlusten zunächst kaum ins Gegenpressing fanden. Weitere Chancen waren die Folge, viele davon durch Hulk erspielt, der heute sein bisher vielleicht bestes Spiel bei dieser WM machte. Allerdings ist es für einen Spieler mit dieser Dynamik und Schusstechnik enttäuschend, wie unsauber sein Abschluss oder der letzte Pass oft ausgeführt waren.

Wie schon gegen Chile, das eine weitere Parallele, verlor Brasilien, das nach 30 Minuten durchaus auch mit 2:0 oder 3:0 hätte führen können und in einem schnellen, offenen Spiel begeistert hatte, mehr und mehr den Faden. Das lag nicht zuletzt an den vielen Unsauberkeiten in den Zweikämpfen, die angesichts der spielerischen Unterlegenheit in der Anfangsphase zunächst häufiger von Kolumbien begangen wurden, auf die sich Brasilien aber derart einließ, dass die Selecao am Ende des Spiels mehr als 31 von insgesamt rekordverdächtigen 54 Fouls (Quelle: Opta) begangen hatte. Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo schien lange vergessen zu haben, überhaupt Karten mit ins Stadion zu bringen, so ungestraft durften beide Teams taktische Fouls begehen. Was immer es für eine entsprechende Direktive für die Unparteiischen gegeben haben mag, hier wurde die folgende Nachsichtigkeit von beiden Mannschaften als Einladung angesehen.

Obwohl nicht neben Neymar auch gerade Kolumbiens James Rodríguez zum Opfer der vielen Fouls wurde, hatte ich den Eindruck, dass Brasilien selbst unter der Zerfaserung des Spiels litt, die es mit vorantrieb. Gleichwohl blieb ein aberkanntes Tor des starken kolumbianischen Abwehrchefs Mario Yepes, der die mangelnde Mobilität seiner 38 Jahre mit guter Zweikampftechnik und toller Antizipation wettmachte, bis in die Schlussphase die einzige große Chance der Cafeteros. Dann kam Carlos Bacca ins Spiel und zu seinem ersten WM-Einsatz. Bald holte er einen Elfmeter heraus, nach tollem Pass von James, den dieser zu seinem sechsten Turniertor (und seinem elften GdB-Punkt!) verwandelte.

Bitter für Brasiliens Halbfinalchancen, dass der gesperrte Thiago Silva (dessen dumme Gelbe Karte für die Behinderung von Keeper David Ospina bei einem Abschlag zu einem leichten Abzug in seiner ansonsten noch besseren Note führt) gegen Deutschland sicher fehlen wird, wie der mit einem Wirbelbruch ausgewechselte Neymar auch. Das macht es schwer, die Gastgeber zum Favoriten gegen Deutschland zu erklären, obwohl die knappen Siege in der KO-Phase immerhin gegen starke Teams wie Chile und Kolumbien erzielt wurden und kein möglicher Halbfinalist bisher nach der Gruppenphase ein Spiel mit zwei Toren oder mehr gewinnen konnte. (dan)

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One comment

  1. Seba

    Auch wenn er mir nicht sonderlich sympatisch ist, so ein junger Bengel wie Neymar kann einem doch leid tun. Solch eine Verletzung, kurz bevor es noch spannend werden kann. Schade drum!

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