Zonen-Gabi vs. Pony Modric

Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League wird das Finale in einem reinen Stadtduell ausgespielt. In der Geschichte des Europapokals gab es bereits Duelle zwischen dem FC Barcelona und Espanyol, zwischen Milan und Inter, Chelsea und Arsenal, Rapid und Steaua Bukarest sowie vor einigen Wochen zwischen Betis und dem FC Sevilla. In der Saison 1958/59 trafen auch Real und Atlético Madrid im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister international aufeinander, die Legenden Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás entschieden damals mit ihren Toren das Entscheidungsspiel nach Gleichstand (2:2) in den ersten beiden Partien.

In dieser Saison wiederum kommt es in Lissabon bereits zum fünften Aufeinandertreffen der beiden Clubs aus der spanischen Hauptstadt. In der Liga siegte Atlético durch ein Tor von Diego Costa mit 1:0 im Bernabéu, vor heimischer Kulisse kamen die Colchoneros zu einem 2:2. Im Pokal allerdings siegte Real im Halbfinale mit 3:0 und 2:0 – in einer Phase, in der Atlético die einzige Schwächeperiode des Jahres hatte.

Nun also das fünfte Spiel und die Schlüsselakteure sind vermeintlich schnell gefunden. Bei Real sind das in erster Linie der angeschlagene Rekordtorschütze Cristiano Ronaldo sowie die beiden Weltmeister Iker Casillas und Sergio Ramos. Bei Atlético fällt Torjäger Diego Costa vermutlich aus, deshalb konzentrieren sich die Medien auf Trainer Diego Simeone. Dabei gibt es auf beiden Seiten, fast positionsgleich, jeweils einen Spieler, der für die Balance im Team von entscheidender Bedeutung und somit der wahre Schlüsselspieler ist. Luka Modric bekommt bei Real mittlerweile die gebührende Anerkennung, Kapitän Gabi geht in den zahlreichen Lobeshymnen auf Atlético dagegen ein wenig unter. Ich stelle das Duo vor.

Geht Atlético noch einen Schritt weiter als der BVB?

Anfang des Jahres zeigten wir in der Europarangliste bereits die Parallelen zwischen Atlético Madrid und Borussia Dortmund auf (finanzieller Größenwahn nach großen sportlichen Erfolgen, extrem hoher Schuldenstand und sportliches Comeback nach klugen Personalentscheidungen). Die Analogien gingen in den vergangenen Monaten weiter, Atlético ließ sich international nicht stoppen und greift wie der BVB vor einem Jahr nach dem großen Henkelpott.

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp prägte in den Meisterjahren ein Mantra, das seine Spieler perfekt beherrschten und übernahmen: „Wir denken nur von Spiel zu Spiel.“ Seit Simeone Atlético Ende 2011 übernahm, wird bei den Rojiblancos ähnlich gedacht. Daraus entwickelte sich eine als „Cholismo“ (von Simeones Spitzname „El Cholo“ abgeleitet) benannte Philosophie, die die Spieler stets an die richtige Einstellung, an den Teamgeist und an die Hingabe für diesen Beruf erinnern soll: „Spiel um Spiel ist das Leben jeder beliebigen Person auf der Straße.“

Da enden dann aber auch die Parallelen, denn während Pressingmaschine Klopp ein mittelmäßig begabter Zweitliga-Kicker war, gewann Defensivtaktiker Simeone als Spieler Titel mit Atlético, Lazio, Inter Mailand und der argentinischen Nationalmannschaft. Simeone war ein defensiv orientierter Mittefeldspieler, der von Reals Trainer Carlo Ancelotti im Vorlauf des Finals so charakterisiert wurde: „Perfekt im Positionsspiel, mit hundertprozentiger Konzentration und großartigem Charakter.“

Gabi: Der Anführer von Simeones „Cholismo“

Es ist nicht verwunderlich, dass Simeone in seinem taktisch sehr flexiblen 4-4-2 einem Spieler die zentrale Rolle anvertraut hat, der die Eigenschaften seiner eigenen Spielerkarriere vereint. Zudem ist Gabriel Fernández Arenas, kurz Gabi genannt, ein Eigengewächs von Atlético, das sich rund um das Vicente Calderón sehr gut auskennt. Auf der ersten Meisterfeier seit 1996 erklomm Gabi vor knapp 200.000 Fans die Schultern des Neptunbrunnens und schmückte den Wassergott mit einem Atlético-Schal.

Simeone lässt sein Team bekanntlich eher unspanisch spielen, Ballbesitz und Dominanz hält der Argentinier für unwichtig und will stattdessen möglichst wenige Gegentore kassieren. Ein Garant ist dafür sicherlich die eingespielte und perfekt abgestimmte Viererkette mit den Außenverteidigern Filipe Luis und Juanfran sowie Diego Godín und Miranda zentral. Defensivtaktisch kommt Gabi allerdings die Schlüsselrolle zu.

Zusammen mit seinen wechselnden Nebenleuten Tiago oder Mario Suárez erfüllt Gabi verschiedene Aufgaben. Sind die Gegner im Angriff, stehen die beiden Sechser sehr nah an der Viererkette, um je nach Angriffsaufbau entweder aggressiv vorzustoßen oder bei einer erzwungenen Verlagerung auf die Außen dort auszuhelfen. Gabi beherrscht diese Variabilität in der Zone vor der eigenen Viererkette nahezu in Perfektion, er liest das Spiel und verlagert sich nur äußerst selten in die falschen Räume. Das defensive Umschaltspiel von Atlético ist ohnehin an Disziplin kaum zu überbieten. Selbst beim 0:0 gegen das extrem defensive Chelsea im Halbfinal-Hinspiel der Königsklasse ließen Gabi oder Suárez den Konterraum nie außer Acht – gegen das konterstarke Real Madrid könnte das ein spielentscheidender Faktor werden.

Laut den Kollegen von whoscored.com gehörte Gabi in der abgelaufenen Saison sowohl in der Primera División als auch in der Champions League in Sachen Tackling (3,8 bzw. 3,9/Spiel) und abgefangene Bälle (2,2 bzw. 2,5/Spiel) zu den besten Atlético-Spielern und foult dabei auch deutlich häufiger als seine Kollegen in der Abwehr. Gabi will seine Zone nicht überspielt wissen und tut dafür alles. Allerdings ist er nicht allzu kopfballstark, bei hohen Bällen vor die Abwehr hat er leichte Probleme.

Jugendspieler Gabi wird zur prägenden Figur

Damit sind Gabis Qualitäten aber noch lange nicht erschöpft, denn auch in der Offensive übernimmt Simeones Kapitän Verantwortung. Mit seinen gefährlichen Standards ist er bei Atlético bester Vorlagengeber nach Koke, Ecken und Freistöße sind mit den kopfballstarken Miranda, Godín und Costa eine echte Atlético-Waffe. Auch im Bereich der Schlüsselpässe pro Spiel liegt Gabi auf Rang zwei hinter dem spanischen Jungnationalspieler. Gabis Passquote liegt in beiden Wettbewerben knapp über 80 Prozent, zudem spielt er zusammen mit Tiago und Suárez die meisten langen Bälle in die Spitze, allerdings verliert er dabei als pressingresistenter Spieler nur selten den Ball.

Gabi wurde in der Jugend von Atlético ausgebildet, wechselte 2004 in die erste Mannschaft, genoss dort aber nicht die Rückendeckung, die er gerne gehabt hätte. Er wurde nach Getafe verliehen, und wechselte 2007 für vier Jahre nach Saragossa, wo er Stammspieler wurde. 2011 führte Gabis Weg zurück zu den Rojiblancos, wo er nach einem halben Jahr mit Simeone den richtigen Trainer bekam, der Gabi mit dessen Laufstärke, Übersicht und taktischer Disziplin ins Zentrum stellte. Simeone übernahm Atlético als Abstiegskandidaten und führte das Team innerhalb von zweieinhalb Jahren zu drei Titeln (Europa League, Copa del Rey, Meisterschaft).

Gabi, der zusammen mit seinen Teamkameraden Thibaut Courtois, Juanfran, Diego Godín, Filipe Luis, Koke und Diego Costa in die Elf der Saison in Spanien gewählt wurde, wird drei Tage vor dem WM-Finale seinen 31. Geburtstag feiern, auf dem Platz in Rio de Janeiro wird er dabei nicht stehen. Trotz Gabis herausragender Saison verzichtet Nationaltrainer Vicente del Bosque auf den ehemaligen U 21-Nationalspieler, mit Sergio Busquets und Javi Martínez ist die Konkurrenz allerdings auch extrem stark und etabliert.

Modric: Unter Ancelotti ein echter Real-Spieler

Damit ist ein entscheidender Unterschied zu Reals Schlüsselspieler schnell ausgemacht: Luka Modric ist schon seit der WM 2006 kroatischer Nationalspieler und kommt mittlerweile auf 73 Länderspiele für sein Land. Er wird im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Brasilien sicher zur Stammformation gehören, das Rennen um den Achtelfinalplatz hinter der Selecao ist zwischen Kroatien, Mexiko und Kamerun offen. Modric wechselte als Star von Dinamo Zagreb 2008 für 25 Millionen Euro zu Tottenham Hotspur in die Premier League und fand vier Jahre später für 35 Millionen Euro den Weg zu Real Madrid.

Wirkliche Anerkennung fand er bei den Blancos aber erst im zweiten Jahr und mit Carlo Ancelotti übernahm in Modrics Fall auch hier der Trainer die entscheidende Rolle. Unter Ex-Coach José Mourinho fand Modric im 4-2-3-1 selten seine Rolle. Ancelotti verkaufte vor der Saison – begleitet von negativer Presse – Mesut Özil und erklärte Modric, zugegeben erst nach der schweren Verletzung von Sami Khedira, im neuen 4-3-3 zum entscheidenden Rädchen für die defensive Stabilität.

Denn der Kroate ist von Hause aus ein offensiv denkender Spielmacher, deshalb klang eine Formation mit Ronaldo, Ángel di María, Karim Benzema, Gareth Bale und Modric nach einem taktischen Offenbarungseid. Weil Ancelotti Modric aber zum Achter umfunkionierte, der an der Seite von Routinier Xabi Alonso das defensive Denken verbesserte, entwickelte sich Real zu einem der heißesten Teams in der Champions League.

Lange Pässe: Das Pony lässt galoppieren

Durch Modrics Lernfähigkeit stimmte fortan nicht nur die Balance in Reals Mittelfeld, Ancelotti gewann auch noch einen der besten Passgeber der Welt hinzu. Seine Passquote lag in La Liga in der vergangenen Spielzeit bei 89,7 Prozent, in der Champions League war Modric mit einem Wert von 92,1 Prozent noch besser. Er spielte in beiden Wettbewerben 307 lange Pässe, wovon starke 279 ihr Ziel fanden.

Für das hoch stehende Real ist seine Pressingresistenz aber fast noch wichtiger. Der 1,74 Meter große Modric, der wegen seiner wehenden Haare von den Mannschaftskollegen in Madrid Pony genannt wird, kann sich aus jeder Drucksituation befreien, hat dabei in der Regel noch eine gute Idee und leitet so viele Angriffe der Blancos ein. Und als wäre das nicht genug an Qualität, hat Modric für eigene Pressingaktionen ein gutes Auge, wie der Treffer zum 3:0 im Viertelfinal-Hinspiel gegen Borussia Dortmund gezeigt hat. Modric erahnte den Querpass von Lukasz Piszczek, spritzte dazwischen und bediente Torschütze Ronaldo. Im offensiven Umschaltspiel haben sich die Madrilenen von der Abhängigkeit Xabi Alonsos gelöst, die aktuelle Abhängigkeit von Modric ist allerdings nicht viel geringer.

Wer Modric ausschaltet, hemmt Real

Ich erwarte ein taktisch geprägtes und ausgeglichenes Champions-League-Finale zwischen Atlético und Real Madrid. Meine beiden Schlüsselspieler Gabi und Modric werden das Spiel vermutlich nicht mit einer Einzelaktion entscheiden, das dürfte eher Spielern wie Ronaldo, Gareth Bale oder David Villa vorbehalten sein. Trotzdem sollten beide wieder einen großen Einfluss auf das Spiel nehmen. Aber wer ist nun wichtiger?

Die Rojiblancos sind insgesamt ausgeglichener besetzt und nicht so abhängig von einzelnen Spielern. Als Zonen-Gabi im Rückspiel gegen Chelsea gesperrt aussetzen musste, war schnell klar, dass Atlético mit Tiago und Suárez in Bestform auf der Doppelsechs adäquat reagieren kann. Bei den Königlichen ist das im Hinblick auf das Finale schwieriger, denn Modrics Nebenmann Alonso fehlt gesperrt und wird vermutlich durch Asier Illarramendi ersetzt (Sami Khedira konnte im letzten Saisonspiel gegen Espanyol nicht überzeugen und wies noch körperliche Defizite nach). Der Youngster ist bei Real noch nicht angekommen und nimmt mit seinen Sicherheitspässen noch nicht den gewünschten Einfluss auf das Spiel. Somit wird noch mehr Verantwortung auf Modrics Schultern lasten, dem sich im kompakten Zentrum wenige Räume bieten werden. Daher sehe ich leichte Vorteile für Atlético Madrid.

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