Der Klopp-Fluch
Wenn im DFB-Pokalfinale die beiden besten deutschen Mannschaften aufeinander treffen, liegen die Vorschau-Themen auf der Straße. Kann Pep Guardiola seiner Mannschaft wieder den Hinrunden-Spirit verleihen? Knüpft der BVB mit Marco Reus in Topform an die starken letzten Wochen an? Wird Mario Götze gegen seinen Ex-Club von Beginn an spielen? Oder trifft Robert Lewandowski ein letztes Mal in Schwarz-Gelb und entreißt seinem neuen Club das Double? Geschenkt.
Lewandowski ist trotzdem ein gutes Stichwort. Der Pole hat sich beim BVB zu einem einzigartigen Weltklasse-Stürmer entwickelt, so dass er auch in München funktionieren sollte – auch wenn ich schon vor Monaten ein offenes Duell zwischen Lewandowski und Mario Mandzukic prophezeit habe. Ein Aspekt wird dabei jedoch immer außer Acht gelassen: Seit Jürgen Klopp am Aschermittwoch 2001 das Traineramt beim FSV Mainz übernommen hat und 2008 nach Dortmund gewechselt ist, hatten die beiden Clubs nur ganz wenige Abgänge, die auch außerhalb des Klopp-Universums Leistungsträger blieben oder sich gar entscheidend verbesserten.
Die Transfers von Reserve- oder Nachwuchsspielern ausgenommen, habe ich 38 Wechsel seit der Saison 2002/03 bis zur vergangenen Transferperiode untersucht und nur Andriy Voronin hat die folgenden Kriterien in Gänze erfüllt und kann als Ausnahme von der Klopp-Regel bestätigt werden:
- Mindestens eine komplette Saison unter Klopp absolviert.
- Dabei auch regelmäßig zum Einsatz gekommen.
- Spieler mit Perspektive, d.h. vor dem 30. Geburtstag gewechselt.
- Wenn auch über Umwege, in eine vergleichbare oder bessere Liga gewechselt.
- Spürbar bessere Leistungen des Spielers nach dem Weggang.
Auch wenn Voronins Karriere kein Muster an Beständigkeit ist, hat der Ukrainer nach seinem Weggang aus Mainz 2003 größere Highlights erlebt als den Bundesliga-Aufstieg inklusive Torjägerkrone. In Köln kam Voronin nicht zurecht, in Leverkusen avancierte er auf gutem Bundesliga-Niveau zum Torjäger. Danach ging es noch nach Liverpool, zu Hertha BSC, Dynamo Moskau und leihweise zu Fortuna Düsseldorf.
Freiwillig verschlechtert
Was in Mainz aufgrund der geringeren Ambitionen bzw. der langen Zugehörigkeit zur 2. Liga nur selten vorkam, häufte sich bei Borussia Dortmund. Nach Klopps erster Saison beim BVB war klar, dass Markus Brzenska (Energie Cottbus), Giovanni Federico (Arminia Bielefeld), Leihspieler Florian Kringe (Hertha BSC) und auch Alex Frei nicht in das laufintensive System des Trainers passten. Frei feierte bei seinem Heimatclub FC Basel zwar noch wichtige Erfolge, die Schweizer Liga muss trotzdem als Verschlechterung angesehen werden.
Kringe fand den Weg nach der Ausleihe zu Hertha BSC nochmals zurück zum BVB, war dann allerdings kein Stammspieler mehr und wechselte mangels Alternativen in die 2. Liga zum FC St. Pauli.
Stillstand
Wenn Markus Schuler und Mario Götze in einer Kategorie auftauchen, liegen mir Vergleiche mit Worten wie Kreisklasse und Weltklasse auf der Zunge. Trotzdem fehlte mir bei beiden eine vergleichbar positive Leistungsentwicklung, um sie auf eine Stufe mit Voronin zu stellen. Dass gilt auch für Manuel Friedrichs Transfers zu Werder Bremen und Bayer Leverkusen, Hanno Balitschs Werdegang bei Hannover, Leverkusen und Nürnberg oder Tamas Hajnals Wechsel zum VfB Stuttgart.
Bei Götze ist ein abschließendes Urteil allerdings noch nicht möglich. Der verletzt zum FC Bayern gewechselte Stammspieler des BVB konnte nicht sofort durchstarten, zeigte unter Pep Guardiola dann immer wieder starke Ansätze, kam in den entscheidenden Spielen der Saison aber immer nur als Joker herein. Komplett etabliert ist Götze in München noch nicht, sein unbestrittenes Talent könnte ihn im kommenden Jahr zum zweiten Voronin machen.
Ambitioniert abgestürzt
Die Liste mit Spielern, die unter Klopp durchstarteten, wichtige Säulen in Mainz oder Dortmund waren, dann den Lockrufen anderer Vereine erlagen und am Ende scheiterten, ist erstaunlich lang. Angefangen mit dem Mainzer Mimoun Azaouagh, der auf Schalke zum Mitläufer wurde und auch später in Bochum und Kaiserslautern scheiterte. Michael Thurk versuchte es in Cottbus und Frankfurt sogar zweimal erfolglos, die Torjäger Benjamin Auer und Mohamed Zidan brachten nach dem Weggang aus Mainz ebenfalls kaum noch Tore zustande.
In Dortmund stehen Nuri Sahin und Shinji Kagawa als Paradebeispiele in vorderster Front. Sahin kämpfte bei Real Madrid auch mit Verletzungen, in Liverpool wurde er gesund aber auch nicht besser. Und Kagawa mobilisiert noch heute zahlreiche BVB-Fans, die sich den unzufriedenen Japaner von Manchester United zurückwünschen.
Die Sonderfälle
Abschließend gibt es in der Transferliste des Jürgen Klopp ein paar Ausnahmen, die durch das Raster fallen:
- Spielmacher Antonio da Silva war nach seinem Weggang aus Mainz 2006 in keinem Verein (Stuttgart, KSC, FC Basel, Dortmund, Duisburg) mehr unumstrittener Stammspieler. Trotzdem hat der Brasilianer alles richtig gemacht, denn er feierte als Ergänzungsspieler insgesamt vier Meistertitel und zwei Pokalsiege.
- Neven Subotic hat sich nach seinem Transfer von Mainz zum BVB selbstverständlich deutlich verbessert. Allerdings nahm Klopp den Serben direkt mit nach Dortmund, so dass Subotic im Profifußball ausschließlich unter Klopp trainierte.
- Ergänzungsspieler Antonio Rukavina verschlechterte sich mit dem Wechsel zu 1860 München auf den ersten Blick. Allerdings führte sein Weg weiter zu Real Valladolid, wo er in der Primera División Stammspieler ist und mittlerweile bereits auf 29 Länderspiele für Serbien kommt.
- Ivan Perisic konnte sich unter Klopp in Dortmund nicht als Stammspieler etablieren und ging zum VfL Wolfsburg. Dort brauchte der Kroate ein ganzes Jahr Eingewöhnungszeit, hat in der abgelaufenen Rückrunde jedoch den Durchbruch geschafft.
- Felipe Santana war beim BVB ebenfalls nie Stammspieler, galt aber immerhin als bester dritter Innenverteidiger der Bundesliga. Seit seinem Wechsel zum FC Schalke zeigte Santana schwankende Leistungen und ist kein unumstrittener Stammspieler.
- Leonardo Bittencourt hat sich bei Hannover 96 durchgesetzt und somit eigentlich verbessert. Allerdings kam Bittencourt beim BVB nur zu fünf Bundesliga-Einsätzen.
Probleme in der Nationalmannschaft
Zum Eingeständnis eines Fehlers gehört beizeiten auch die Rückkehr zu den Wurzeln. Denn wer bei Klopp zum Star avancierte, in anderen Vereinen aber scheiterte, will in dessen System zu alter Stärke zurückfinden. Prominenteste Klopp-Jünger sind BVB-Rückkehrer Nuri Sahin sowie Mohamed Zidan und Michael Thurk.
Um die These rund zu machen, dienen auch die Leistungen einiger Dortmunder Spieler in der deutschen Nationalmannschaft als Beispiel für die besonderen Anforderungen beim BVB, die nicht ohne weiteres in anderen Teams abgerufen werden können. Mats Hummels beispielsweise avancierte nach dem Weggang von Nuri Sahin zum Spielmacher aus der Tiefe heraus, spielte viele lange und vertikale Pässe. Das machte ihn zu einem der besten Innenverteidiger Deutschlands, der im Nationalteam aber nur kurze Pässe spielen durfte und darf. Die veränderten Anforderungen verunsicherten Hummels, der auch bei der WM in Brasilien ein Kandidat für die Ersatzbank ist.
Bei Marcel Schmelzer, Sven Bender oder Mario Götze waren in der Vergangenheit ähnliche Anpassungsschwierigkeiten zu erkennen. Schmelzer profitiert beim BVB von der taktischen Geschlossenheit des Teams, die ihn als Linksverteidiger nur selten in direkte Duelle schickt. In der DFB-Elf fehlt diese Unterstützung und so kamen seine technischen und einzeltaktischen Schwächen stärker zum Tragen. Mit Marco Reus und Ilkay Gündogan gibt es allerdings auch Gegenbeispiele, das Duo konnte sich im Nationalteam schnell anpassen und die Leistungen aus Dortmund bestätigen.
Erklärung: Das System Klopp
Wer Jürgen Klopp verlässt, tut sich im Anschluss schwer, Fuß zu fassen. Das ist deutlich geworden, nun stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist. Nationalspieler Marco Reus hat im kicker-Interview am vergangenen Montag unfreiwillig eine Erklärung gegeben: „Bei uns hat Jürgen Klopp die Spieler so ausgebildet, dass sie genau für diesen Fußball (Gegenpressing, schnelles Umschalten, Aggressivität – Anm. der Redaktion) stehen“, erzählte Reus. „Ich hatte im ersten halben Jahr Probleme, mir diesen speziellen Dortmunder Stil anzueignen, und bin froh, dass ich ihn mittlerweile verstanden habe.“
Reus erzählt von Anpassungsproblemen, die beim BVB in den vergangenen Jahren auch Ilkay Gündogan, Robert Lewandowski, Henrikh Mkhitaryan oder Pierre-Emerick Aubameyang hatten. Taktisch haben Klopp und sein Trainerteam in der BVB-Ära immer wieder kleine Anpassungen eingeführt, die grundsätzlichen Elemente sind aber gleich geblieben:
Bei den Dortmundern steht das Kollektiv über der individuellen Leistung. Alle Spieler müssen bei Ballverlusten zuerst attackieren, um den Ball zurückzuerobern. Geht das schief, müssen die Schwarz-Gelben schnell den Weg hinter den Ball finden. Beim Gegenpressing sind die einzelnen Mannschaftsteile aufeinander abgestimmt: Attackiert die vorderste Linie, muss das Mittelfeld aufrücken und auch die Viererkette steht dann sehr hoch. Das Doppeln von Gegenspielern gehört auch zur Basis beim BVB, so konnte beispielsweise Marcel Schmelzer in den zahlreichen Spielen gegen den FC Bayern der letzten Jahre glänzen, weil er von einem seiner Vorderleute vorbildlich unterstützt wurde und nur selten isoliert in die Zweikämpfe mit Arjen Robben musste.
Klopps herausragende Trainerleistung ist eine gruppentaktische Dynamik, mit der er individuelle Schwächen einzelner Spieler abfangen kann. Die Grundvoraussetzung für das ständige Unterstützen der Nebenleute ist körperliche Fitness, der BVB läuft in vielen Spielen mehr als der Gegner. Und mittlerweile kommt auch hohe individuelle Qualität hinzu. In seiner Anfangszeit in Dortmund waren für Klopp Transfers wie der von Mkhitaryan (27,5 Millionen Euro) utopisch, die taktischen Höchstleistungen können nun deshalb – gerade in Spielen gegen schwächere Mannschaften – auch mal in den Hintergrund treten. Der BVB ist mittlerweile in der Lage, Spiele auch durch individuelle Qualitäten einzelner Spieler zu entscheiden.
Trotzdem sind Klopps Anforderungen an seine Spieler sehr speziell, perfekt aufeinander abgestimmt und dadurch nicht ohne Weiteres auf andere Teams übertragbar. Ich kehre zur Verdeutlichung zu Shinji Kagawa zurück. Der Japaner kam als talentierter No-Name zum BVB und wurde von Klopp zu einem der besten Gegenpressing-Spieler der Welt ausgebildet. An der Seite von Lewandowski glänzte Kagawa in der Saison 2011/12 als Anläufer, Raumzusteller und Passblockade, um nach Balleroberung extrem schnell umzuschalten.
Kagawas neuer Club, Manchester United, spielt völlig anderen Fußball. Die Red Devils stehen und standen wesentlich tiefer, attackieren nicht so früh und Kagawa ist in der Rolle als Spielmacher ohne sein dazugehöriges Tempo überfordert. Zudem wurde er häufig auf die Außenbahn verschoben, wo seine Stärken ebenfalls nicht zum Tragen kommen.
Mit Lewandowski verlässt nun der nächste von Klopp geformte Star den BVB. Und auch der Pole wird beim FC Bayern unter Beweis stellen müssen, ob er in Guardiolas Ballbesitz-System so gut funktioniert, wie in Dortmund.
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